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Ehebruch-Debatte in Frankreich: Katholiken wollen Seitensprung-Werbung stoppen

Von , Paris

Katholiken rufen zum Kreuzzug gegen den digital organisierten Ehebruch. In Frankreich klagen sie gegen die Seitensprung-Plattform Gleeden. Deren Werbung in der Pariser Metro verstoße gegen das Gesetz.

Gedeeen-Reklame (hier in Belgien): "Ein Liebhaber kostet die Sozialversicherung nichts" Zur Großansicht
AFP

Gedeeen-Reklame (hier in Belgien): "Ein Liebhaber kostet die Sozialversicherung nichts"

"Ein Liebhaber kostet die Sozialversicherung nichts - anders als ein Antidepressivum...": Mit derart eindeutigen Slogans offeriert die Seitensprungplattform Gleeden.com in Frankreich ihre Dienstleistungen - die diskrete Vermittlung von außerehelichen Abenteuern. "Die erste außereheliche Vermittlungsseite, von Frauen entworfen", so das Werbemotto auf der deutschen Version der Gledeen-Webseite.

Nun sorgt die bonbonbunte Werbung für die Agentur, plakatiert in der Pariser Metro und an Bushaltestellen im Großraum der Hauptstadt, selbst im wenig prüden Frankreich für Aufregung. Schon vor vier Jahren gab es einmal Proteste, nun machen U-Bahn-Kunden, Bürgermeister und Abgeordnete gegen ihrer Meinung nach unanständige Plakate mobil: Etwa den angebissenen Apfel, der an Eva im Paradies erinnert, versehen mit dem Kommentar: "Wer treu bleibt, täuscht sich manchmal am meisten."

An der Spitze der Entrüstung: Die Vereinigung Katholischer Familienverbände (AFC). Sie beschuldigt Gleeden der "öffentlichen Förderung des Ehebruchs, der Doppelzüngigkeit, der Lüge und des Gesetzesbruches." Die aufrechten Verfechter der Moral beließen es freilich nicht bei Protest, sondern strengten Klage an gegen die verantwortlichen Herausgeber der Internetplattform, das US-Unternehmen Black Divine.

Unmoralisch ja, aber rechtswidrig?

Die Richter am Pariser Landgericht müssen sich jetzt mit der kniffligen Frage auseinandersetzen, ob die Vermittlung von außerehelichen Affären justiziabel ist. Für die Familienverbände ein eindeutiger Fall: "Die Aufforderung zum Ehebruch ist klar illegal, da das Gesetz mit Füßen getreten wird", so ihr Anwalt Erwan Lee Morhedec in der katholischen Tageszeitung "La Croix". Das Bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs verfüge, "dass sich Eheleute gegenseitig Respekt und Treue schulden".

Im Prinzip jedenfalls. Doch unmoralisch oder illegal bedeutet nicht unbedingt, dass das Handeln strafrechtlich zu sanktionieren ist. Schon seit 1975 ist der Ehebruch nämlich in Frankreich kein Delikt mehr, das juristisch verfolgt wird. Einzig mögliche Folge eines nachgewiesenen Seitensprungs: Er kann bei einem Scheidungsverfahren eine schuldhafte Verurteilung nach sich ziehen.

"Kein Vokabular, das Kinder schockieren könnte"

Bleibt das Problem, ob die gewerbliche Organisation von Untreue als Marketingkonzept hinnehmbar ist? Für die AFC-Juristen handelt es sich bei der Werbung um "öffentliche Aufforderung zum Rechtsbruch", die Verträge zwischen Kunden und Internetplattform seien damit hinfällig.

Gleeden, das nach eigenen Angaben in Frankreich über eine Million Abonnenten zählt, verteidigt sich mit dem Hinweis, man erfülle "eine gesellschaftliche Notwendigkeit". Einer Auseinandersetzung sehen die Betreiber gelassen entgegen. Schließlich habe die Metro-Verwaltung gemäß ihrer Vorgaben zur "Freiheit der Werbung" keine Einwände gegen die Werbemittel gehabt. Zudem sei die Kampagne vom Ethikrat der Werbebranche (JDP) abgenommen worden.

Gleeden verweist auf eine frühere Entscheidung dieses Selbstkontrollgremiums: "Diese Anzeigen enthalten kein Foto, das als unschicklich gelten könnte", jeder könne sich angesprochen fühlen oder nicht, "es gibt kein Vokabular, das Kinder schockieren könnte".

Die Familienverbände wollen jedoch nicht warten, bis die Mühlen der Justiz gemahlen haben. Mit einer Protestaktion, die bislang 20.000 Unterschriften einbrachte, wollen sie den Stopp der Kampagne erzwingen.

Mit ersten Erfolgen: Nach dem Einspruch von Bahnkunden wurden in einigen Gemeinden des Großraums Paris - etwa Rambouillet und Poissy - etliche der Plakate bereits entfernt. "Wir handelten", so das Rathaus von Versailles, "auf Druck praktizierender Katholiken, die familiären Werten verbunden sind."

Auch die Politik hat mittlerweile reagiert und sich der stetig wachsenden Empörung angeschlossen. In einem offenen Brief an das Pariser Metro-Management forderten 170 gewählte Volksvertreter die Entfernung der Plakate: "Treue ist nicht verkäuflich."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
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1. Schlimm,
tantew 21.02.2015
wenn sich Demokratie dem Diktat eines Religionismus beugt
2. Wenn die jetzt pfiffig sind
cirkular 21.02.2015
machen sie Werbung für Antidepressiva
3. Auf, auf
Undead 21.02.2015
mit den Katholiban zur christlichen Sharia....
4. Wann stürmen Katholiken mit Kalaschnikow die Geschäftsräume...
DerNachfrager 21.02.2015
...und erschießen die Betreiber ?
5.
NicksAlleVergeben 21.02.2015
Zitat von tantewwenn sich Demokratie dem Diktat eines Religionismus beugt
Merkwürdig formuliert... Haben Sie den Artikel gelesen? Haben Sie ihn auch verstanden? Ich selber finde einen Seitensprung nicht schön, aber das bleibt jedem selber überlassen. Nur, dazu aufrufen muss man sicher nicht. Was das mit Religion zu tun haben soll, nur weil auch Katholiken das ähnlich sehen, entzieht sich meiner Kenntnis. Erleuchten Sie mich!
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