Gefallener Bischof Mixa Vom Papstliebling zum Paria

Als Augsburger Bischof vertrat Walter Mixa eine Kirche, wie sie sich Papst Benedikt XVI. wünscht: fundamentalistisch, Rom ergeben, rückwärtsgewandt. Der Staat muss sich fragen, wie lange er eine katholische Parallelwelt dieses Zuschnitts noch alimentieren will.

dpa

Ein Kommentar von


So, das war dann das Kapitel Walter Mixa, oder? Mit der Annahme des Rücktrittsgesuches hat der Papst seine Kirche heute von einer schwärenden Wunde erlöst. Wirklich?

Die Hütte brennt, die Flammen sind gelöscht, ja, aber es schwelt noch weiter im Gebälk, und die Brandursachen sind noch längst nicht wirklich klar. Derselbe Papst, der Mixa jetzt entlassen hat, der hat ihn auch vor fünf Jahren zum Bischof von Augsburg ernannt, zum Chef über 1,5 Millionen Katholiken. Es war die erste Personalentscheidung des deutschen Papstes in seiner Heimat.

Empfohlen hatte sich Mixa damals durch seine besondere Liebe zur Förderung junger Priester und durch die Disziplinierung eines Pfarrers, der beim Ökumenischen Kirchentag an einem evangelischen Abendmahl teilgenommen hatte - trotz großer Widerstände der Kirchenbasis. Noch zwei Wochen vor der Beförderung durch den Papst im Juli 2005 war der gebürtige Schlesier in seinem Wohnhaus die Treppe heruntergestürzt und hatte sich die Nase gebrochen. Heute muss seine Exzellenz die Entscheidung des Papstes im derzeitigen Refugium, einer Klinik für Alkoholiker in der Schweiz, entgegennehmen.

Scheinheilig in einer vergoldeten Parallelwelt

Bischof Walter Mixa war für Benedikt XVI., alias Joseph Ratzinger, ein wichtiger Mann zur Durchsetzung seiner kirchenpolitischen Linie in Deutschland. Er bezeichnete sich selbst als "kultivierten Konservativen". Mixa verkörperte eine Kirche, wie sie der Papst will. Ein Fundamentalist, ein Hardliner, ein Rückwärtsgewandter - doch der papsttreue Stadtpfarrer von Schrobenhausen hat sich als Scheinheiliger enttarnt.

Je frommer und schriller seine Sprüche wurden, desto größer wurde die Kluft zu Mixas Parallelwelt, in der er lebte und sich dazu auch noch ganz komfortabel mit Wein, Solarium und Blattgold eingerichtet hatte. Bischöfe wie Mixa sind das Ergebnis einer negativen Auslese: Nicht seelsorgerliche oder theologische Qualifikationen entschieden über ihren Aufstieg, sondern Papsttreue und blindes Befolgen römischer Anweisungen.

Für den verstoßenen Papstliebling ist die Sache nicht ausgestanden. In der Causa Mixa wird vielerorts weiter ermittelt: Ein Sonderermittler soll nächste Woche Neues über Griffe in die Kinderheimkasse von Schrobenhausen berichten und auch über Mixas Gewalt gegen Kinder. Ein Staatsanwalt in Ingolstadt muss klären, ob er ein Sexualstraftäter ist.

Doch die katholische Kirche muss noch etwas anderes klären: Warum konnte sich das System Mixa so lange halten? Warum gab und gibt es eine nahezu irrationale Angst, Probleme in der Kirche offen auszusprechen und anzugehen? Über Mixa und seine Umtriebe gab es seit Jahren Gerede nicht nur in den bayerischen Gemeinden, sondern auch in der Bischofskonferenz. Doch das von Mixa geschaffene System, auf das man auch bei anderen Bischöfen stoßen kann, tastete niemand an.

Ein eitler, selbstherrlicher Kaiser ohne Kleider

Er machte aus dem Haus des Bischofs ein "Bischofspalais", aus Terminen wurden "Audienzen", und er umgab sich mit einem Hofstaat von Jasagern, selbstherrlich und unangreifbar. Niemand wagte zu sagen, dass der Kaiser in Wahrheit gar keine Kleider trug. Noch heute feiern ihn Rechtskatholiken und Weihrauchnostalgiker als "Märtyrer" und wollen die Wahrheit nicht wissen, nur "zur Kirche halten".

Wie groß ist eigentlich die Angst vor Hierarchie und falscher Amtsautorität, die in der Kirche endlich überwunden werden muss?

Die Gesellschaft und der Staat aber sollten sich fragen, warum sie einem wie Mixa aus Steuergeldern eigentlich das Gehalt bezahlt haben und wie lange man noch die Parallelwelt der katholischen Kirche alimentieren will - eine Institution, in der es nach eigenem Selbstverständnis keine Demokratie gibt, keine Frauen in Leitungsämtern, keine wirkliche finanzielle Transparenz - dafür aber Ausgrenzung und Diffamierung von ganzen gesellschaftlichen Gruppen wie Homosexuelle und obendrein noch geheimgehaltene schwarze Kassen wie die des "Bischöflichen Stuhls".

Die Politik muss die Implementierung gesellschaftlicher Standards in der katholischen Kirche verlangen - warum sollte man sonst eine zentralistisch bestimmte Parallelwelt weiter bezahlen?

Das Ende des Systems Mixas könnte für die Kirche mehr als das Scheitern der Personalpolitik des Papstes signalisieren. Zwangsläufig geraten auch andere Vertreter eines autoritären Kirchenbildes in Konflikt mit den Gläubigen an der Kirchenbasis und mit der offenen, demokratischen Gesellschaft.

"Eine Grundsanierung des gesamten Systems" steht auf der Tagesordnung - beim Ökumenischen Kirchentag, der in wenigen Tagen in München beginnt, dürfte nicht nur bei der "Kirche von unten" darüber gesprochen werden. Eine Kirche, die sich von Mixas verblieben Freunden im Geiste weiterhin prägen lässt, verspielt mehr als ihre Glaubwürdigkeit, sie verspielt ihre Zukunft.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 184 Beiträge
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jp' 08.05.2010
1. nach und nach...
...scheint es in der kath. kirche wirklich jeden zu erwischen. meiner meinung nach kann man von denen nicht einen einzigen mehr ernst nehmen, es bleibt immer ein beigeschmack bei den moralaposteln... der staat sollte endlich eine sonderkommision auf diese ganzen fälle ansetzen und für aufklärung sorgen. es kann nicht sein, das die kath. kirche das aufarbeitungsrecht für sich beansprucht und doch nur vertuscht. wer allerdings jetzt noch seine kinder in kath. schulen schickt und sich dann später wundert, das die vergewaltigt werden, der hat inzwischen meiner meinung nach selber schuld bzw. handelt grob fahrlässig.
Stefanspiegelt 08.05.2010
2. etwas spät, der Kommentar
Schade, dass erst nach Mixas Entlassung der Spiegel diesen Kommentar abgab und nicht schon vorher.
doctor manhattan 08.05.2010
3. Haben
die Katholiken eigentlich so was wie ein impeachment?
delponte, 08.05.2010
4. wenn
der Papst endlich so wäre, wie SPON und alle progressiven es wollen...
weltbetrachter 08.05.2010
5. Man kann den Menschen nur bis zur Nasenspitze ..
.. ansehen und nicht immer beurteilen was dahintersteckt. Diese selbstherrlichen, unnahbaren Kirchenfürsten, die sich mit staatlichen Geldern ein schönes Leben machen und dann auch noch das Recht in Anspruch nehmen über den Dingen zu stehen, wird jetzt einmal gezeigt, das man nicht machen kann was man will. Und das ist gut so .... ! ! !
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