Von Johannes Korge
Hamburg - Ein paar Luftblasen zerplatzen an der Wasseroberfläche, ansonsten liegt die See vor Seal Island ruhig da. Dann bricht die Hölle los. Mit Wucht katapultiert sich ein massiger Körper aus dem Wasser, dunkelgrau, hell an der Unterseite. Drei Meter dürfte der Weiße Hai lang sein. Einen Sekundenbruchteil steht er in der Luft, dann klatscht das Tier zurück in die Fluten. Doch dieser Wimpernschlag war lang genug, Matthew Hawksworth hat den Moment auf Film gebannt.
Der Naturfilmer spricht schnell, wenn er von solchen Begegnungen mit den Meeresräubern vor der Küste von Kapstadt berichtet: "Das ganze Team wird von einem besonderen Jagdtrieb gepackt, wenn wir merken, dass es gleich losgeht. Und auch bei mir kribbelt es dann gewaltig."
Es ist das Fiebern auf den einen Moment, das perfekte Bild, die perfekte Sequenz. Zwischen 0,5 und 1,5 Sekunden dauern die Attacken aus der Tiefe. Ziel sind die Robben und Seelöwen, die Seal Island den Namen gegeben haben. "Nur die Atemblasen der gejagten Säugetiere verraten manchmal, dass ein Angriff bevorsteht", sagt Hawksworth. Wann und vor allem wo Opfer und Jäger aus den Fluten brechen, lässt sich nur mit Gespür vorhersagen. Daneben braucht es vor allem eines: Glück.
Hawksworth ist mit beidem gesegnet - und hat einen rasanten Aufstieg hinter sich: Vom Bootsjungen mit Filmambitionen zum gefeierten Kameramann mit Emmy-Chancen. Hawksworth ist für seine Aufnahmen zur Dokumentation "Ultimate Air Jaws" nominiert.
Der Australier liebt Haie. Seit mehr als zehn Jahren studiert er sie, taucht mit ihnen, sammelt spektakuläre Filmaufnahmen. In seiner Heimat Perth machte der heute 31-Jährige erste Erfahrungen - die Gewässer rund um Australien zählen zu den Hai-reichsten der Welt.
Doch wirklich in seinem Element ist Hawksworth knapp 9000 Kilometer weiter westlich, in Südafrika. "Nur hier lassen sich die Weißen Haie bei einer speziellen Form der Jagd beobachten. Nur hier springen sie aus dem Wasser", erklärt Hawksworth.
Die Tiere haben eine besondere Fangtechnik für Robben und Seelöwen entwickelt. Dicht über dem Meeresgrund schwimmen sie unter ihrem Opfer, durch die dunkle Rückenmusterung perfekt getarnt. Erscheint der Moment zur Attacke günstig, schießen die Haie senkrecht nach oben und überrumpeln die deutlich kleineren Säugetiere. Dabei schleudern sie oft mehrere Meter aus dem Wasser.
"Die Robben sind viel wendiger als ihre Jäger, daher bleibt den Haien nur der Angriff aus dem Hinterhalt", so Hawksworth. Vor Seal Island, gerade sechs Kilometer von den Stränden Kapstadts entfernt, finden die großen Raubfische geradezu paradiesische Bedingungen - gleiches gilt für Naturfilmer.
Wann kommt der Hai? Wo greift er an?
Der nur 800 Meter lange Felsen zieht Matthew Hawksworth magisch an. Nach seinem Filmstudium reiste er immer wieder nach Afrika. Zunächst heuerte der junge Mann als Bootsgehilfe auf jeder Hai-Expedition an, die ihn mitnehmen wollte. Für Kost und Logis schuftete der Australier wochenlang - mit der Aussicht auf den perfekten Abschuss als Belohnung.
Denn die Kamera hatte er immer dabei, und in den Pausen starrte er mit den anderen auf das Wasser: "Wann kommt der Hai? Wo greift er an? Die Atmosphäre lässt sich kaum beschreiben." Und immer wieder konnte er am Abend die besten Bilder präsentieren.
Der Durchbruch gelingt ihm 2009, als eine Crew des Discovery Channel anreist, um eine Dokumentation über Weiße Haie zu drehen. Hawksworth filmt mit seinem günstigen Kamera-Equipment Aufnahmen, die selbst die Vollprofis aus den USA beeindrucken: "Von da an war ich dabei." Nur wenige Jahre später hat er nun Aussicht auf einen Emmy.
Für die Preisverleihung in Los Angeles hat sich Hawksworth, neben dem Gewinn der Trophäe, zweierlei vorgenommen: "David Attenborough hat sich angekündigt, ihm will ich auf jeden Fall die Hand schütteln." Seit seiner Kindheit verehrt er den legendären britischen Naturfilmer.
"Haie sind keine Killer-Maschinen"
Noch wichtiger ist ihm jedoch, das öffentliche Bild der wohl am meisten gefürchteten Meeresräuber zu korrigieren. "Weiße Haie sind eben keine Killermaschinen, die Jagd auf Menschen machen. Wären sie das, gäbe es pausenlos Angriffe. Wir sind leichte Opfer." Stattdessen zeichnet er das Bild eines neugierigen, intelligenten Tieres, das sich in Millionen Jahren der Evolution perfekt an seine Umgebung angepasst hat.
Hawksworth und seine Filmkollegen kennen die Haie von Seal Island inzwischen genau, die meisten haben Namen bekommen und tauchen in jedem Jahr wieder auf. Doch die Tiere schweben in Gefahr. Hai-Netze vor den Badestränden werden zur tödlichen Falle, präparierte Kiefer der geschützten Raubfische erzielen auf dem Schwarzmarkt Höchstpreise: "Lässt sich ein Hai plötzlich gar nicht mehr blicken, müssen wir das Schlimmste befürchten."
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