Treffen von Rechtspopulisten "Ich habe selbst einige homosexuelle Freunde"

Das rechtspopulistische Blatt "Compact" will auf einer Konferenz der Frage nachgehen, ob Europa der Untergang bevorsteht. Die obskure Veranstaltung versammelt Gegner der Schwulen-Ehe: Thilo Sarrazin, Eva Herman und Béatrice Bourges sind dabei, auch Russland ist prominent vertreten.

AFP

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Hamburg - Die Hände hinter dem Nacken verschränkt, neben sich eine zum Sprung ansetzende Katze, posiert Thilo Sarrazin lässig in seinem Berliner Garten für ein Interview mit dem "Compact"-Magazin.

Er redet von Tieren. Löwen und Faultieren, die "beide unterschiedliche Eigenschaften haben". Genau wie die traditionelle Ehe und die schwule Lebenspartnerschaft. Ein kruder Vergleich, bei dem gleichgeschlechtlich Liebende als träge Samen- und Eizellenverschwender rüberkommen, sich brav fortpflanzende Eheleute hingegen als mutige Raubkatzen.

Aber nein, sagt Sarrazin kurz darauf auf die Frage, ob der Staat "gezielt Jungs in rosa Kleidchen fördert": "Auch die Tunte kann sehr tüchtig sein."

Mancher SPDler reagierte auf die Aussagen des Genossen bereits mit dem Wunsch, Sarrazin möge sich von den Sozialdemokraten entfernen, er sei bei der NPD besser aufgehoben.

Dass Sarrazin der SPD den Gefallen tut, ist unwahrscheinlich. Sicher ist, dass er seine seltsamen Thesen im November auf der Leipziger "Konferenz der Souveränität" am 23. November verbreiten wird. Der Chefredakteur des rechtspopulistischen "Compact"-Magazins, Jürgen Elsässer, hat ihn eingeladen, über Familienpolitik und Demografie zu referieren.

"Gefährlichste Frau des Landes"

Elsässer wettert sonst gern gegen die "Verschwulung der Familienpolitik", ist bekannt für seine kruden Thesen. 2012 schrieb er im Editorial von "Compact", es gebe eine "winzige globale Finanzoligarchie, die mit neuen Reproduktions- und Gentechnologien ihr tausendjähriges Reich errichten will".

Das Thema der Konferenz soll nun sein: "Werden Europas Völker abgeschafft?" Die Veranstalter beschwören "Familienfeindlichkeit, Geburtenabsturz, sexuelle Umerziehung". Geladen ist neben anderen der CSU-Bundestagsabgeordnete und "Junge Freiheit"-Autor Norbert Geis - als "kraftvoller Anwalt der christlichen Familie". Außerdem der Nahost-Experte und Gaullist Peter Scholl-Latour, der sich der Frage widmen wird: "Droht der Untergang Europas?"

Die Rednerliste für die geplante Konferenz ist lang - und sorgt für Aufruhr unter Homosexuellen: Das Schwulenmagazin "Queer" wittert bereits eine Allianz gegen die Homo-Ehe. Elsässer reagierte auf den "Queer"-Beitrag: "Compact" sei keinesfalls homophob und die Referenten der Konferenz seien es auch nicht.

Unter diesen Referenten befindet sich die Französin Béatrice Bourges, Sprecherin des katholisch-traditionalistischen Bündnisses "französischer Frühling" - und radikale Gegnerin der gleichgeschlechtlichen Ehe. Selbst der europaweit agierenden Anti-Schwulenehe-Bewegung "Le Manif Pour Tous" war diese Frau zu militant - sie wurde als Sprecherin entlassen.

Frankreichs Innenminister Manuel Valls bezeichnete sie als "gefährlichste Frau des Landes". Bourges besteht darauf, dass sie Demokratin ist und eigentlich nichts gegen Schwule habe. Aber: "Wenn ein heterosexuelles Paar (ein Kind - d. Red.) adoptiert, erfüllt oder reproduziert es die Rolle der biologischen Eltern. Wenn ein homosexuelles Paar (ein Kind - d. Red.) adoptiert, leugnet es den natürlichen Ursprung der Menschheit", sagte sie dem britischen "Independent".

Der Kongress wird in Zusammenarbeit mit dem in Paris ansässigen "Institut für Demokratie und Zusammenarbeit" (IDC) veranstaltet. Dessen Direktorin, die ehemalige russische Duma-Abgeordnete Natalja Narochnitskaya, hofft, dass auch Jelena Misulina nach Leipzig kommen wird. Die wiederum ist Autorin des heftig umstrittenen russischen Gesetzes gegen "Schwulenpropaganda", das Homosexuelle als Freibrief für homophobe Übergriffe in der ohnehin schwulenfeindlichen russischen Gesellschaft brandmarkt.

"Misulina ist sehr professionell, eine sachliche Frau, die nur auf Grundlage wissenschaftlicher Fakten argumentiert", lobt die Veranstalterin. Und stimmt ein in den Kanon ihrer Mitstreiter: "Niemand greift die Rechte der Schwulen an, wir sind alle sehr froh, dass die rigiden Gesetze aus der Sowjetzeit abgeschafft wurden", sagt Narochnitskaya. Freude über die Situation von Homosexuellen in Russland? Angesichts der dort alltäglichen Diskriminierung mag man es kaum glauben.

"Ich habe selbst einige homosexuelle Freunde"

Zu Sowjetzeiten gingen Homosexuelle für ihre Orientierung ins Gefängnis. Heute bezahlen sie für "Propaganda von nicht traditionellen sexuellen Beziehungen" Bußgelder von bis zu 24.000 Euro. Ausländer können 15 Tage festgehalten und dann ausgewiesen werden. Was unter "Propaganda" fällt, weiß niemand so richtig. Aber es funktioniert als Druckmittel. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen auf Schwule.

Unter den Traditionalisten aber geht die Angst um. Die Furcht "vorm Untergang der Familie, vor der Pornografisierung der Jugend", wie es "Compact"-Chefredakteur Jürgen Elsässer formuliert. Darum gehe es auf der Veranstaltung. "Das hat doch mit homo oder hetero nichts zu tun", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Und die russische PR-Truppe? Will Elsässer für das Anti-Schwulenpropaganda-Gesetz der Russen werben? "Nein, die Bewegungen in Frankreich oder das Gesetz in Russland haben nur die Fronten verhärtet", sagt er.

Auch Eva Herman wird in Leipzig reden. Das Thema der Ex-NDR-Moderatorin: "Gender Mainstream". Sie empfindet die Gleichstellung der Geschlechter als Gleichmacherei und beklagt, dass in gewissen Kindergärten die Kleinen inzwischen "vorsätzlich und mit Zustimmung der Eltern gezwungen werden, sich nicht ihrem natürlichen Geschlecht entsprechend zu verhalten". Da würden Mädchen genötigt, nur noch mit Pistolen und Autos zu spielen, Jungs dazu verdammt, mit Barbies zu hantieren. "Das führt zu Identitätsstörungen bei den Kindern", meint Herman.

Eine steile These, selbst wenn es solche Kindergärten geben sollte: Wissenschaftliche Belege, die für sie sprechen, gibt es nicht.

Von Diskriminierung durch reaktionäre Rollenmuster will Herman nichts hören. "Ich hab nicht vor, Schwulenhetze zu betreiben. Ich habe selbst einige homosexuelle Freunde, mit denen ich diese Dinge diskutiere."

Wir fassen zusammen: Niemand hat die Absicht, Schwule zu diskreditieren. Sagen Veranstalter und Teilnehmer. Die Familie soll geschützt, der Nationalstaat verteidigt, die Globalisierung verdammt werden. Wer den Beteuerungen misstraut, sollte vielleicht zur "Konferenz der Souveränität" gehen und selbst zuhören. Abendkasse 100 Euro - für "Normalzahler".



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