Geheimdokumente Bischof prangert Korruption im Vatikan an

Die Veröffentlichung geheimer Briefe bringt den Vatikan in Bedrängnis: In mehreren Schreiben an den Papst prangert ein Erzbischof und früherer hoher Verwaltungsbeamter Korruption im Kirchenstaat an - und beschwert sich über seine Versetzung in die USA.

AFP

Vatikanstadt - Vetternwirtschaft, Mauscheleien - und alles im Namen des Herrn: Der Vatikan sieht sich schweren Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Ein Bericht des italienischen TV-Senders La 7 vom Mittwochabend hat den Skandal publik gemacht. Seitdem bemüht sich der Vatikan um Schadensbegrenzung.

Die Vorwürfe wiegen besonders schwer, weil ein Insider sie erhebt: Erzbischof Carlo Maria Viganò, ehemals die Nummer zwei der Verwaltung des Vatikans. Die investigative Sendung zeigte Briefe Viganòs. Darin bat er Papst Benedikt XVI., nicht versetzt zu werden, nachdem er Korruption in dem Kirchenstaat offengelegt hatte. Viganò war seit 2009 in der Verwaltung des Vatikans für die Gärten, Gebäude, Straßen und Museen zuständig.

In dem Schreiben wehrt sich Viganò zudem gegen eine Kampagne anderer hoher Offizieller des Vatikans. Die Gruppe wolle ihn versetzen lassen, weil er drastische Schritte unternommen habe, um Korruption und Vetternwirtschaft zu beenden.

"Heiliger Vater, meine Versetzung würde viel Orientierungslosigkeit und Entmutigung für die bedeuten, die daran glauben, dass es möglich ist, so viele Fälle von Korruption und Machtmissbrauch in der Verwaltung vieler Abteilungen aufzuklären", schrieb Viganò dem Papst am 27. März 2011. In einem weiteren Schreiben am 4. April teilte der Bischof Benedikt XVI. mit, er habe entdeckt, dass die Verwaltung mancher Investments des Vatikans in die Hände italienischer Banker gelegt worden sei, "die mehr nach ihren als nach unseren Interessen schauen". Im selben Brief schreibt Viganò zudem, dass allein eine finanzielle Transaktion im Dezember 2009 "uns zweieinhalb Millionen Dollar gekostet hat".

Netz aus Korruption, Vetternwirtschaft und Seilschaften

In dem Bericht wurde ein Mann - laut La 7 einer der Banker - zitiert, der sagte, Viganò habe mit seiner hartnäckigen Forderung nach Transparenz und Wettbewerb den Ruf eines Aufräumers gehabt.

In Viganòs Briefen wird deutlich, dass er bei Amtsantritt auf ein Netz aus Korruption, Vetternwirtschaft und Seilschaften gestoßen war. Dieser Filz sei mit der Vergabe von Aufträgen an externe Unternehmen zu überhöhten Preisen verbunden gewesen. Teilweise sei mehr als doppelt so viel gezahlt worden, wie andere Anbieter verlangt hätten. So habe 2009 etwa die Krippe auf dem Petersplatz 550.000 Euro gekostet. Er habe das Budget dafür um 200.000 Euro reduziert, schreibt Viganò.

Der Vatikan bestätigte am Donnerstag die Authentizität der Briefe. Auf die Korruptionsvorwürfe ging die Mitteilung nicht ein. Die jetzige Verwaltung setze das korrekte und transparente Management fort, das Viganò angetrieben habe.

Gleichzeitig wurden die "fragwürdigen journalistischen Methoden" des TV-Berichts und die "oberflächliche und unausgewogene Darstellung" der Unterlagen kritisiert. Es sei traurig, dass vertrauliche Dokumente publiziert worden seien. Man werde sich notfalls auch juristisch wehren, um das Ansehen des Vatikans und die Ehre der moralisch aufrechten Personen zu schützen, die der Kirche dienten.

Anonyme Pressekampagne

Obwohl er mit Sparmaßnahmen und seinem Bemühen um Transparenz aus dem Defizit der Vatikanstadt in Höhe von acht Millionen Euro einen Überschuss von 34 Millionen Euro machte, wurde Viganò am 22. März 2011 abserviert - drei Jahre vor dem geplanten Ende seiner Amtszeit. Kardinal Tarcisio Bertone teilte ihm mit, dass der Posten anderweitig besetzt werde. Zuvor waren anonyme Artikel in der Zeitung "Il Giornale" erschienen, die Viganòs Management als ineffizient kritisierten. Fünf Tage nach seiner Demission schrieb Viganò an Bertone, er sei von der Entscheidung verblüfft. Bertones Motive erinnerten ihn sehr an die anonymen Anschuldigungen in der Presse.

Viganò wusste sich offenbar nicht mehr anders zu helfen und schrieb direkt an den Papst. Er habe "hart gearbeitet, um Korruption, Einzelinteressen und Störungen in vielen Abteilungen zu beseitigen". Die Pressekampagne gegen ihn käme nicht überraschend, weil er sich durch seinen Kampf gegen Korruption Feinde gemacht habe.

Zudem bat Viganò, seine Versetzung - selbst wenn sie nach außen wie eine Beförderung aussehen würde - zu überdenken, weil er sie "nur schwer akzeptieren" könne. Dieser Appell fand kein Gehör.

Im Oktober wurde Viganò als Botschafter des Vatikans nach Washington versetzt. Der vorige Amtsinhaber Pietro Sambi war kurz zuvor gestorben. Der Vatikan verteidigte Viganòs Versetzung. Botschafter in den USA sei eine der wichtigsten Positionen in der Diplomatie des Vatikans. Das zeige "unstrittigen Respekt und Vertrauen" des Papstes in Viganò.

Tatsächlich gilt die Stelle in Washington als prestigeträchtig - in Viganòs Fall dürfte sie aber eher ein Abstellgleis sein. Durch die Versetzung kommt Viganò nicht mehr für den Job als oberster Verwalter in Frage, die mit dem Titel eines Kardinals einhergeht.

ulz/Reuters/AP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
uschikoslowsky 27.01.2012
1. Ach was?!
Korruption, Vetternwirtschaft, Mauscheleien, eigentümliches Finanzgebahren, Strafversetzungen im Vatikan. Nein, wirkich? Was für eine Überaschung!
veritysniper 27.01.2012
2.
Benedikt XVI. zu den Korruptionsvorwürfen: "Das wird doch alles von den Medien hochsterilisiert!"
idealist100 27.01.2012
3. Einfach
Zitat von uschikoslowskyKorruption, Vetternwirtschaft, Mauscheleien, eigentümliches Finanzgebahren, Strafversetzungen im Vatikan. Nein, wirkich? Was für eine Überaschung!
Einfach den Film "DER PATE" anschauen. Mehr ist garnicht nötig.
hubertrudnick1 27.01.2012
4. Korruption im Vatikan?
Zitat von uschikoslowskyKorruption, Vetternwirtschaft, Mauscheleien, eigentümliches Finanzgebahren, Strafversetzungen im Vatikan. Nein, wirkich? Was für eine Überaschung!
Wie kann das denn sein, denn wenn ich die Aussagen der Religionführer richtig verstanden habe, so sind sie alle doch die ehrlichsten, aufrichtigsten und moralisch sauberen Menschen die es überhaupt gibt, da hat einer bestimmt was falsch verstanden, oder? HR
panzerknacker51, 27.01.2012
5. Oh Wunder
Zitat von sysopDie Veröffentlichung geheimer Briefe bringt den Vatikan in Bedrängnis: In mehreren Schreiben an den Papst prangert ein Erzbischof und früherer hoher Verwaltungsbeamter Korruption im Kirchenstaat an - und beschwert sich über seine Versetzung in die USA. Geheimdokumente: Bischof prangert Korruption im Vatikan an - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,811793,00.html)
Mal bei Karl-Heinz Deschner "Kriminalgeschichte des Christentums" nachlesen; dann wundert einen sowas gar nicht...
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