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02. März 2010, 12:51 Uhr

Geheimes Doppelleben

Der Polizist, der Hooligan war

Von , Bielefeld

Im Beruf sollte er Recht und Gesetz schützen, in seiner Freizeit prügelte er Dutzende Männer ins Krankenhaus: Der Bielefelder Polizist Stefan Schubert tobte sich acht Jahre lang als Hooligan in Deutschland und Europa aus. Niemand hielt ihn auf.

Der erste Blick fällt auf die Hände, sie sind klein, zart fast, und gut gepflegt. Sie könnten einem Mann gehören, der seit Jahren im Büro sitzt, Zahlen in einen Computer tippt und viel telefoniert, doch das tun sie nicht. Es sind die Hände eines Mannes, der mit ihnen viel Unheil angerichtet hat, der jahrelang in seiner Freizeit Nasen brach und Kiefer zertrümmerte, der immer wieder zuschlug, prügelte, wütete, meist ohne Grund, die bloße Gelegenheit genügte ihm.

Stefan Schubert heißt der Mann, und was ihn von den meisten Hooligans unterschied, die sich regelmäßig aus der Langeweile ihres geordneten Lebens in Gewaltexzesse flüchten, war der Umstand, dass er in dieser Zeit als Polizist arbeitete. Seinem Selbstverständnis nach gehörte er zu den Guten, den Aufrichtigen, den Anständigen sogar, doch seine Freunde, mit denen er nach und nach verschmolz, gehörten zur "Blue Army" Bielefeld, einer gefürchteten Hooligan-Truppe.

Wie lebt man zwei Leben zur selben Zeit?

"Gewalt ist eine Lösung" heißt das Buch, das Stefan Schubert über sein geheimes Doppelleben geschrieben hat und das nun erscheint. Es ist ein relativ spröder Bericht über das ungezügelte Dasein eines Kerls, der Gefallen daran gefunden hatte, Grenzen zu überschreiten und sich zu berauschen: mit Schlägereien, der Gesellschaft von "echten Männern" und viel Alkohol. "Wir waren jung und wollten Spaß haben", sagt Schubert. "Wir haben nicht viel gegrübelt."

Hat man ihn geschont oder geschützt?

Doch Schubert war eben Polizist - und hätte deshalb sowohl nachdenken sollen als auch eigentlich innerhalb kürzester Zeit auffliegen müssen. Er tat es nicht. Acht Jahre lang. Die Frage ist deshalb: Hat man ihn tatsächlich geschont oder geschützt, wie er behauptet?

Die Bielefelder Polizeiführung beantwortete eine am Freitagmittag gestellte SPIEGEL-ONLINE-Anfrage dazu bislang nicht.

Blaue Jeans, weißes Hemd, schwarze Strickjacke - der frühere Polizeiobermeister kommt heute als eleganter Geschäftsmann daher, der in Bielefeld ein Fitnessstudio besitzt. Schubert, 39, ist nicht sehr groß, aber er hält sich auffallend gerade, er ist nicht sehr breit, aber durchtrainiert. Er sagt: "Ich habe mich seit 13 Jahren nicht mehr geschlagen." Es klingt ein bisschen wie bei einem trockenen Alkoholiker.

Was man lernen kann aus Schuberts Buch, aus dem Gespräch mit ihm, ist, dass Gewalttätigkeit nicht plötzlich entsteht, sondern dass man sie sich angewöhnen muss wie jedes andere Laster und dass sie sich, so sie nicht rigoros unterbunden wird, ausbreiten wird. Sie bekommt Methode.

Die Saat war gelegt

Stefan Schubert prügelte sich zum ersten Mal als Teenager. Er wehrte sich im Bus gegen die täglichen Attacken einer Jugendgang - und gewann. Am nächsten Tag nickten ihm die, die gestern noch Gegner waren, anerkennend zu und ließen ihn zufrieden. "Dieses Gefühl von Macht. Man hatte Respekt vor uns. Ehrfurcht, Hochachtung", sagt Schubert. Das habe ihn erfüllt. Die Saat war gelegt.

Schubert diente sich der "Blue Army" an, einer auch "Ostwestfalenterror" genannten Hooligan-Gruppe im Umfeld des Fußballclubs Arminia Bielefeld, und mischte bald bei Krawallen in ganz Deutschland mit. Gleichzeitig schloss er beim Bundesgrenzschutz (BGS), der heutigen Bundespolizei, eine Ausbildung ab - als Klassenbester.

Zwei Dinge hätte man ihm beim BGS, nach einer Keilerei mit Soldaten in einer niedersächsischen Dorfdisco, als Grundregeln für körperliche Auseinandersetzungen eingebläut, erinnert sich Schubert: "Erstens: Handeln Sie sich keine Anzeige ein! Und zweitens: Gewinnen Sie!"

Das sollte zu machen sein.

"Ich erwischte den Typen mit einem rechten Schwinger hart an der Schläfe", schreibt Schubert über eine seine ersten Schlägereien. "Er verlor umgehend das Gleichgewicht, ließ die Flasche zu Boden fallen und stolperte nach hinten. Ich setzte nach und traf ihn mit einem Kickbox-Tritt hart an den Kopf. Der Typ war bereits angezählt, als ich einen weiteren Schritt nach vorne trat, meinen Fuß über seinen Kopf hob und mit voller Wucht fallen ließ."

Schuberts Problem war: Niemand hielt ihn auf. Niemand setzte ihm Grenzen. Niemand sagte, jetzt ist Schluss.

Über sein "Hobby" getuschelt

Bei der Polizei habe man jahrelang über sein "Hobby" getuschelt, so Schubert, ihn aber nie zur Rede gestellt. Auch seien keine Berichte über sein brutales Treiben verfasst, stattdessen sei sogar eine Anzeige unterschlagen worden. "Warum hätte ich mein aufregendes Leben ändern sollen?", fragte sich der Polizist und Hooligan: Weshalb auf den Kick verzichten, auf das Gefühl des Triumphs, auf den Rausch des Sieges? Es ging doch immer alles glatt.

Die Konsequenzen seiner Taten habe er einfach hingenommen, sagt Schubert, moralische Bedenken: keine. Angst, Mitleid, Schuldgefühle: abtrainiert, weggeboxt und kleingesoffen. "Die anderen wollten sich doch auch schlagen", beruhigte sich "Schubi", der Bielefelder Hooligan aus Block vier: "Wie viele Knochenbrüche, Blutergüsse und posttraumatische Belastungsstörungen wir in dieser Zeit hinterlassen haben, lässt sich kaum zählen."

Und so hauten sich Schubert und die anderen enthemmten Wohlstandskinder Wochenende für Wochenende gegenseitig die Nasen platt. Zu viel Testosteron und zu wenig Mitgefühl sind eine gefährliche Mischung.

Und die, die sich heute noch schlimmste Verletzungen zufügten, konnten morgen schon - etwa bei einem Länderspiel - gemeinsam, als Verbündete gleichsam, auf andere eindreschen. Gewalt war diesen Männern Zeitvertreib, Unterhaltungsprogramm, sie entsprang keiner Überzeugung.

Krawalle auf dem Klosterplatz

Ironischerweise sollte Stefan Schubert schließlich eine Schlägerei zum Verhängnis werden, an der er gar nicht beteiligt gewesen sein will. Ein Fernsehteam hatte Schubert bei Krawallen auf dem Bielefelder Klosterplatz im Juni 1996 gefilmt, jedoch schwört der Ex-Beamte noch heute, dass er damals nicht zugelangt habe. Er sei dort gewesen, mehr nicht. Das Landgericht verurteilte den seinerzeit 27-Jährigen trotzdem zu 5400 Mark Geldstrafe. Der Polizist musste nun Innendienst schieben und durfte nicht mehr Streife fahren.

Doch wichtiger als die Strafe war der plötzliche Druck, den Schubert nun von allen Seiten bekam, von der Justiz, der Polizeiführung und der Presse. Er merkte, dass sein Handeln Konsequenzen haben würde, dass sein Dusel, auf den er immer hatte vertrauen können, ihn endgültig verließ.

"Da habe ich aufgehört. Von jetzt auf gleich." Kein Fußball mehr, keine weiteren durchzechten Nächte in Szenebars und vor allem größtmögliche Distanz zu seinen Kumpels von der "Blue Army". Es war vorbei. Wenig später quittierte Schubert auch den Polizeidienst.

Und jetzt?

Heute sei er gereift, sagt Schubert. Erwachsen geworden, vernünftig, glücklich.

Bereut er?

"Manches. Manchmal."

Schlägt er wieder zu?

"Wenn ich muss. Und nur dann!"

Anm. d. Red.: Die Polizei Bielefeld teilt zehn Tage nach der SPIEGEL-ONLINE-Anfrage vom 26. Februar mit, dass man seither versucht habe, den 14 Jahre zurückliegenden Fall zu rekonstruieren. Inzwischen sei klar: Schubert "wurde zu keiner Zeit von seinen Bielefelder Kollegen gedeckt", so ein Behördensprecher.

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