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Genitalverstümmelung: "Ihr Körper muss das Zeichen der Klinge tragen"

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In Deutschland leben etwa 20.000 genitalverstümmelte Frauen, weiteren 5000 droht dasselbe Schicksal. Nun wächst auch in Afrika der Widerstand gegen die blutige Tradition.

Beschneidungsinstrument Rasierklinge: Furcht vor Sanktionen Zur Großansicht
REUTERS

Beschneidungsinstrument Rasierklinge: Furcht vor Sanktionen

Hamburg - Alle zehn Sekunden wird weltweit ein Mädchen an seinen Genitalien verstümmelt. Großmütter, Tanten, Hebammen oder Medizinmänner greifen zu schartigen Messern, Rasierklingen oder Dosendeckeln und entledigen die Wehrlosen ihrer äußeren Geschlechtsmerkmale. Kurz nach der Geburt oder im Teenageralter, manchmal während einer Schwangerschaft.

Die Folgen sind verheerend: Blutverlust, Schockzustände, tödliche Infektionen, Zystenbildung, Organschädigungen, Inkontinenz, erhöhte Müttersterblichkeit, Totgeburten, Depressionen, Suizid.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass insgesamt mehr als 100 Millionen Frauen und Mädchen beschnitten sind. Jedes Jahr erhöht sich die Zahl um etwa drei Millionen. In Deutschland leben laut "Terre des Femmes" etwa 20.000 genitalverstümmelte Mädchen und Frauen, 5000 sollen akut gefährdet sein, dasselbe Schicksal zu erleiden.

Das Kinderhilfswerk Plan International hat jetzt eine Studie aus Hamburg vorgelegt, um erstmals folgende Fragen zu klären: Wie wahrscheinlich ist es, dass Mädchen aus afrikanischen Ländern in Deutschland beschnitten werden? Wie viele Migranten befürworten solche Eingriffe und wie kann man sie verhindern?

Für die Studie haben 20 junge Afrikaner in Hamburg mit 1767 Migranten aus 26 Ländern südlich der Sahara Interviews geführt. Drei verschiedene Fragebögen wurden erarbeitet: einer für die befragten Mitglieder der afrikanischen Gemeinden in Hamburg, einer für mehrheitlich deutschen Hebammen, Pädiater und Gynäkologen, ein weiterer für sowohl deutsche als auch afrikanische interkulturelle Berater, Wissenschaftler oder Behördenvertreter.

Die gute Nachricht: Die Macher der Studie konnten nicht nachweisen, dass Mädchen in Hamburg beschnitten werden. "Das ist ein überraschendes Ergebnis, denn wir hatten ganz andere Befürchtungen", sagt Anja Stuckert, Gender-Referentin von Plan International. "Wirklich keiner unserer Gesprächspartner hat auch nur nahegelegt, dass in der Hansestadt Genitalverstümmelung praktiziert wird."

Die Gründe? Viele Afrikaner hätten große Angst, ihren Aufenthaltsstatus zu gefährden und in der Folge als Ernährer für ihre Familien daheim auszufallen, sagt Stuckert. Deshalb hätten "alle großen Respekt vor der deutschen Gesetzgebung". Letztere definiert weibliche Genitalverstümmelung gemäß §223 des Strafgesetzbuches als Körperverletzung, die mit Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren bestraft werden kann.

"Es ist gefährlich, den Deutschen davon zu erzählen"

Doch auch die Einwandererstruktur der Stadt spielt eine Rolle: "Die hiesigen afrikanischen Gemeinden sind sehr klein. Jeder weiß so gut wie alles über seine Landsleute, nichts bleibt verborgen, da geht niemand das Risiko einer Beschneidung ein", so Stuckert weiter. Dies sei zum Beispiel in Frankreich anders, wo es tatsächlich zu Beschneidungen käme. Viele Afrikaner in Hamburg fürchten, dass eine Verstümmelung bei medizinischen Untersuchungen entdeckt werden oder Lehrer und Sozialarbeiter davon erfahren könnten.

Die Furcht schlägt bisweilen offenbar in Aggression um. So sahen sich einige der Interviewer in Hamburg mit feindseligen Gesprächspartnern konfrontiert, die ihr Gegenüber beschimpften und beleidigten: "Er sagte mir, dass meine Großmutter, meine Mutter und ich beschnitten seien und ich nicht einfach unsere Kultur verneinen könne. Er nannte mich eine schlechte Frau, die die Gesetze der eigenen Gesellschaft nicht akzeptiert", erinnert sich eine der Afrikanerinnen an ein Gespräch.

In der Hansestadt gibt es laut Plan International niemanden, der mit den blutigen Riten vertraut ist, sie durchführen könnte. Solche "Experten" gibt es in den Herkunftsländern zuhauf, und dort werden Mädchen in der Regel vor der Ausreise nach Deutschland oder während längerer Heimataufenthalte der schmerzhaften Prozedur unterzogen.

So sagte eine Frau aus Guinea den Interviewern: "Ich war in diesem Jahr in Guinea und wollte meine dritte Tochter beschneiden lassen, doch ich hatte Angst, sie würde erzählen, was ihr geschehen ist, wenn sie wieder in Deutschland ist. Deshalb warte ich noch ein wenig, bis sie weiß und versteht, dass es gefährlich ist, Deutschen davon zu erzählen. Ich werde sie beschneiden lassen. Ihr Körper muss das Zeichen der Klinge tragen. Das ist sehr wichtig."

Sind also rechtliche Sanktionen und soziale Kontrolle ein wirksames Mittel im Kampf gegen die menschenverachtende Praktik? "Nein, das sind wichtige Instrumente, sie taugen aber nicht zur Prävention ", sagt die Gender-Expertin. Schutzfaktoren seien vor allem eine gute Integration der Migranten, ein hoher Bildungsstand und enge Kontakte zu Menschen, die nicht dem eigenen Kulturkreis entstammten.

Schirmherr der Plan-Studie ist Dietrich Wersich (CDU), Senator für Gesundheit und Soziales in Hamburg. Er versprach, dass die Ergebnisse der Befragung genutzt werden sollen, "um den Opferschutz weiterzuentwickeln".

Zahlenmaterial ist nun vorhanden, dennoch können die Resultate nicht eins zu eins auf andere deutsche Metropolen übertragen werden. "Die Zusammensetzung der afrikanischen Gemeinden ist zum Beispiel in Frankfurt am Main ein ganz andere als in Hamburg. Dem muss man bei einer Einschätzung Rechnung tragen", sagt Gender-Expertin Stuckert.

"Um zu heiraten, muss man beschnitten sein"

Der Studie zufolge ist jede dritte in Hamburg lebende Frau aus einem praktizierenden Land beschnitten. Sieben Prozent der Töchter wurden ebenfalls verstümmelt. Zwar sprechen sich beeindruckende 81 Prozent der befragten Männer und Frauen "deutlich" gegen die Beschneidung von Mädchen aus. Dies könnte aber der Furcht vor Sanktionen geschuldet sein. Immerhin drei Prozent befürworten die Maßnahme - die Kinderhilfsorganisation sieht 13 von 1172 Töchtern akut bedroht.

Befürworter kamen überwiegend aus ländlichen Regionen in Nigeria, Guinea, Gambia, Nord- und Zentraltogo, Nordbenin, Mali sowie Burkina Faso. Die meisten hatten eine geringe Schuldbildung und fühlten sich in Deutschland nicht integriert. Mindestens ein Elternteil war muslimisch. Noch immer sehen Verfechter der traditionellen Praktik die Beschneidung als einen Weg für die Frau, sozial akzeptiert zu werden. Die Genitalverstümmelung bewahrt demnach die Jungfräulichkeit der Mädchen, Ehefrauen sind angeblich treuer, weil ihre sexuelle Lust reduziert ist.

"Die weibliche Beschneidung gibt Frauen einen guten Status", sagte eine Frau aus Gambia. "Um zu heiraten, muss man beschnitten sein, ansonsten bekommt man keinen Ehemann. Ich weiß, dass viele Leute heutzutage gegen diese Praktik sind, aber es ist eine Tradition, die afrikanischen Frauen echte Werte bietet."

Eine aktuelle Unicef-Studie kommt zu dem Schluss, dass auch in den Ländern, in denen Mädchen beschnitten werden, bereits ein Bewusstseinswandel eingesetzt hat und Beschneidungen tendenziell zurückgehen. Demnach sank in Ägypten der Anteil der Frauen, die ihre Töchter der Praktik aussetzen wollten von 82 Prozent im Jahr 1995 auf heute 63 Prozent. In Äthiopien halbierte sich die Zahl der Befürworter auf 31 Prozent, im Sudan sank die Zahl von 79 Prozent in den neunziger Jahren auf 51 Prozent.

Aufklärungskampagnen gegen Mädchenbeschneidung sind laut Unicef nur dann erfolgreich, wenn die Gemeinschaften sie nicht als Angriff auf ihre Kultur verstehen. Gesetze seien wichtig, die Entscheidung für eine Abkehr von der Praktik und damit der Tradition könne aber nicht von einer Familie allein getroffen werden, sondern müsse von der Gemeinschaft getragen werden.

Das ist es hilfreich, wenn auch Gelehrte Zeichen setzen: "Viele Befürworter der weiblichen Beschneidung gehen irrtümlicherweise davon aus, dass die Praktik religiöse Gründe hat", kritisierte ein 39-jähriger religiöser Führer äthiopischer Herkunft im Rahmen der Plan-Studie. Das jedoch sei ein Trugschluss. "Weibliche Genitalverstümmelung hat nichts mit der Verehrung Gottes zu tun. Ich sehe nur Nachteile darin, Mädchen sowohl körperlich als auch seelisch zu verletzen."

Wenn man davon ausgehe, dass Gott Mann und Frau aus sich erschaffen habe, dann seien alle Organe, die er ihnen gegeben habe, wichtig. "Wenn ein Organ herausgeschnitten wird, dann ist das nicht nur schmerzhaft für die Person, die einen Teil ihres Körpers verloren hat, sondern auch für Gott, der die Menschen vollständig mit allen Organen erschaffen hat," so der Äthiopier.

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Genitalverstümmelung
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet vier Formen von Genitalverstümmelung.
Typ I: "Sunna"
Beschneidung der Vorhaut mit der ganzen oder einem Teil der Klitoris.
Typ II: "Exzision"
Entfernung der Klitoris mit der partiellen oder völligen Entfernung der kleinen Labien.
Typ III: "Infibulation"
Sogenannte Pharaonische Verstümmelung: Entfernung der ganzen oder eines Teils der äußeren Genitalien und Zunähen des Orificium vaginae bis auf eine minimale Öffnung. Dabei stirbt jedes dritte Kind.
Typ IV: Andere Praktiken
Beispielsweise Punktion, Piercing, Einschnitt und Einriss der Klitoris.


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