Frauen in Ägypten
Bedrängt, beschnitten, entrechtet

Von Annette Langer (Text) und Roger Anis (Fotos)

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Teil 2

Genitalverstümmelung in Ägypten

"Hört auf, eure Töchter auf die Schlachtbank zu führen"

Acht von zehn Ägypterinnen sind beschnitten. In Bani Suwaif kämpfen ein Imam und ein Priester gemeinsam gegen Genitalverstümmelung. Doch die blutige Tradition ist fest in den Köpfen der Menschen verankert.


"Die Sache war ganz einfach", sagt Sabah und lehnt sich vertrauensvoll nach vorn. "Ich war zwölf, da haben sie mich und meine jüngere Schwester von der Schule abgeholt und auf den Dachboden gebracht." Dort habe bereits die alte Daya, die Dorfhebamme, gewartet. "Sie hat die Tür zugemacht, die Rasierklinge rausgeholt, und dann ging es los."

Als es vorbei war, mussten sich die Mädchen in heißes Wasser setzen, dann streute man Asche auf ihre Wunden. "Wir bekamen ein großes Hähnchen zur Belohnung. Am Tag danach waren wir schon wieder auf der Straße, spielen."

An dieser Stelle lacht Sabah laut auf - unmöglich zu sagen, ob aus Sympathie für ihr damaliges Ich, aus Verdrängung oder weil sie sich über das schmerzverzerrte Gesicht ihres Gegenübers amüsiert. Vielleicht ist ihre robuste Reaktion ein Zeichen überdurchschnittlicher Resilienz. Vielleicht ist es nur das Echo eines unseligen Mantras, das Genitalbeschneidung seit Jahrhunderten begleitet: "Zier dich nicht, jammere nicht, es ist zu deinem Besten."

Sabah

Sabah ist heute 50 Jahre alt. Sie erzählt, wie es den Frauen in ihrem Dorf nahe der Wüstenstadt Bani Suwaif ergeht. Seit Generationen. Sie beschreibt die Regel, nicht die Ausnahme. Ihre Hochzeit mit 15, nur ein Ritual ohne Imam, aber insgesamt eine tolle Sache: "Die Musik, das Fest, wir haben uns richtig erwachsen gefühlt." Bis eine große, kräftige Frau auf sie zukam, da habe sie wegrennen wollen. Aber Sabah hatte keine Chance. Mit den Fingern entjungferte die von der Familie bestellte Unschuldsprüferin die junge Braut. Das Laken mit dem Blut solle sie gut aufbewahren, so die Anweisung. Dann wurde das Kind an den 27-jährigen Ehemann weitergereicht.

Sabah ist eine von etwa 20 Frauen, die zu Scheich Sayed Zayed in die Deiri-Moschee gekommen sind. Aus der Kinderkrippe im unteren Stockwerk hört man Kichern und Greinen, Helferinnen bieten heißen Tee in kleinen Gläsern an.

Die Frauen schauen mit ernsten, fast grimmigen Gesichtern auf ihren Imam, der ihnen heute etwas erzählen will - über weibliche Genitalverstümmelung, kurz FGM (Female Genital Mutilation). Der Geistliche kommt ohne Umstände zur Sache: "Die Beschneidung ist ein Fluch", sagt er. "Wir müssen diese Praxis ausrotten, denn sie ist nichts weiter als eine barbarische Tradition." Der Islam fordere FGM nicht ein, wie religiöse Extremisten es gern behaupteten: "Es ist keine etablierte Praxis, Mohammed hat sie nicht vorgeschrieben, sie steht nicht im Koran und ist in den Hadithen nicht als verpflichtend angeführt."

In Ägypten gibt es die weibliche Genitalbeschneidung seit mindestens 2500 Jahren, weshalb sie auch pharaonisch genannt wird. Es wird viel gestritten über die Herkunft der unsäglichen Tradition, "aber das sind alles nur Versuche, das blutige Geschäft zu rechtfertigen", sagt der Scheich. "Es resultiert aus Armut, Unwissenheit und Stigma."

Scheich Sayed Zayed kämpft seit Jahren gegen weibliche Genitalverstümmelung. Er predigt in der Al-Deiri-Moschee von Bani Suwaif, rund 150 Kilometer südlich von Kairo.

Ägypten hat jahrzehntelang mit staatlichen Kampagnen und landesweiten Initiativen gegen weibliche Genitalbeschneidung gekämpft - mit wenig Erfolg. Schon Anfang der Zwanzigerjahre warnten Ärzte in Kairo vor der Praxis, seit 2008 ist sie auch gesetzlich verboten. Wer FGM praktiziert, kann bis zu sieben Jahre ins Gefängnis kommen. Wird ein Opfer schwer verletzt oder stirbt, drohen 15 Jahre Haft.

Dennoch ist FGM in dem Land am Nil traurige Realität. Laut einer Unicef-Studie sind 87 Prozent der Ägypterinnen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Damit liegt das Land im internationalen Negativ-Ranking auf einem unrühmlichen sechsten Platz. Für Frauen auf dem Land, die arm und ungebildet sind, ist das Risiko am größten.

"Wer von euch hat seine Töchter beschneiden lassen?", fragt Scheich Zayed in die Runde. Viele Finger schnellen in die Höhe. "Und wer hat bewusst darauf verzichtet?" Zwei Hände heben sich.

Sabah ließ zwei ihrer Töchter von einem Arzt beschneiden, "das ging zack, zack". Dann sah sie im Fernsehen einen Bericht über ein Kind, das nach der Tortur gestorben war. "Da habe ich beschlossen: Das lasse ich nie wieder zu!" So blieb die dritte Tochter verschont.

"Das dumme Gerede, sie würden reiner, schöner, bekämen einen guten Mann, das ist nur ein Mythos", schimpft sie. All das Leid, das sie gesehen habe: Mädchen, die heimlich beschnitten wurden, obwohl die Mütter es nicht wollten. Ehen, die geschieden wurden, weil die Frau verstümmelt und deswegen gefühllos war. Frauen, die unverheiratet blieben, weil sie nicht beschnitten waren. "Wie dumm und ungebildet wir waren, dass wir das gemacht haben", sagt Sabah.

Den älteren Töchtern gegenüber empfindet sie heute Schuld. "Beide haben schwere seelische Schäden davongetragen, sie sind nicht glücklich in ihren Leben." Immerhin: Die Jüngste ist inzwischen verheiratet und weiß genau, dass sie ihre Töchter nie verletzen wird. "Unsere Generation ist verloren, aber die neue hat vielleicht eine Chance", sagt Sabah.

Das Konzept der "Reinheit", die Fixierung auf das weibliche Geschlecht und seine Unberührtheit wirkt bisweilen pathologisch. Im September 2016 forderte der Parlamentarier Elhamy Agina lautstark Jungfräulichkeitstests für angehende Studentinnen. Derselbe Politiker hatte zuvor Genitalverstümmelung für vorteilhaft befunden, weil sie die sexuelle Begierde der Frau verringere.

Drei von vier Mädchen unter 14 Jahren werden in Ägypten mittlerweile von medizinischem Personal beschnitten. "Weil die Eltern glauben, es sei hygienischer und sicherer, hat sich FGM dadurch sogar noch weiter verbreitet", erzählt Imam Zayed. Möglich, dass durch die Professionalisierung tödliche Infektionen seltener werden. Die physischen und psychischen Spätfolgen des Eingriffs aber bleiben. "Beschnitten zu sein ist wie eine Amputation - den Frauen fehlt ein wichtiger Teil ihres Körpers", sagt der Geistliche.

"Beschneidung verursacht Probleme - während der Regel, in der Schwangerschaft, beim Sex, verharmlost das nicht!", warnt die Gesundheitsexpertin des Nationalen Frauenrats (NCW), Nermeen Mahmoud, die ebenfalls zu dem Treffen angereist ist.

"Wir wollen doch alle, dass es unseren Kindern besser geht, deshalb müssen wir sie aufklären und ihnen zu Bildung verhelfen", ruft sie. Zustimmendes Nicken. Noch immer kann mehr als ein Viertel der Ägypterinnen nicht schreiben und lesen, auch deshalb "fallen Frauen noch immer auf die Lügen von Scharlatanen herein", sagt Mahmoud.

Praktiziert wird in Ägypten vorwiegend Typ I und II der Genitalbeschneidung - beim ersten wird die Klitoris teilweise oder ganz entfernt, beim zweiten zusätzlich die kleinen Schamlippen. Je weiter man in den Süden des Landes kommt, desto umfassender wird die Verstümmelung. Dort trifft man auch auf Typ III, die traumatische, potenziell lebensgefährliche Infibulation, bei der die Vulva quasi ausradiert, das weibliche Geschlecht vernichtet wird.

Mahmoud erzählt, dass die "milde Sunna", das Einritzen der Klitorisvorhaut als weniger brachiale Minimalvariante der Beschneidung, vermehrt zu beobachten sei. Für Kritiker ist das nur ein übler Kompromiss, der FGM eher fördert als verhindert. Die Missachtung der Menschenwürde und der Akt der Körperverletzung bleiben.

Der Nationale Frauenrat versucht, mit Kampagnen gegen das unerschütterliche Festhalten an der Tradition vorzugehen. Auf dem Land, wo FGM weiter verbreitet ist als in den Städten, gehen Aktivisten von Tür zu Tür, in den Schulen findet Aufklärungsunterricht statt. Letztlich sind es aber TV-Formate, die Umfragen zufolge besonders erfolgreich gegen FGM sensibilisieren - oder im Gegenteil die Beschneidung preisen, wie es diese TV-Predigt eines muslimischen Klerikers zeigt:

Islamistischer Prediger lobt FGM

Es gibt eine Kinderschutz-Telefonhotline, über die Nachbarn oder Familienangehörige die Behörden bei erfolgter oder drohender FGM alarmieren können. Im Idealfall soll die Polizei dann vorbeifahren und kontrollieren. "Dieser Weg wird aber selten beschritten. Meist im Falle gesundheitlicher Komplikationen wie Blutungen, septischem Schock oder Infektionen", sagt Mahmoud. Und, nein, es existiere keine staatliche Taskforce, die Kinder bei Gefahr in Verzug aus den Familien nehmen könne.

Die Zustimmung für FGM in der Bevölkerung ist trotz aller Bemühungen weiter hoch. Wenn die Mutter beschnitten ist, steigt Studien zufolge die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Tochter zum Opfer wird. Ursprünglich von Männern benutzt, um die Lust der Frauen in ihre Schranken zu weisen, sie zu kontrollieren und zu dominieren, ist FGM längst auch Frauensache geworden. "Es ist Gewalt, die von Frau zu Frau weitergegeben wird", sagt Mahmoud. "Deshalb habt ihr es in der Hand, ihr müsst diesen Kreislauf unterbrechen!"

Mahmoud begrüßt ausdrücklich das Engagement von Imam Zayed: Geistliche hätten den besten Kontakt zu Familien in der Nachbarschaft und könnten mit ihnen über alles reden. "Sie können echte Überzeugungsarbeit leisten, denn sie sind anerkannte Autoritäten. Was sie sagen, ist Gesetz."

Zayed hat in Kairo Religionsgeschichte und Predigen studiert - an der Azhar-Universität, der größten sunnitischen Bildungseinrichtung in Ägypten. Die erzkonservative, staatlich gelenkte Institution ist alles andere als ein Hort der Frauenrechtler. In Sachen FGM jedoch erließ der Oberste Rat der Azhar Ende 2006 eine Fatwa, die klarstellte, dass weibliche Genitalbeschneidung nicht im islamischen Recht verankert sei und vermieden werden sollte.

Imam Zayed findet Strafen wichtig - wenn die Täter denn angezeigt und entsprechend verurteilt würden. Stattdessen hätten Muslimbrüder in der Vergangenheit auf dem Land völlig unbehelligt Mädchen beschnitten - in Shuttlebussen, unter dem Deckmantel eines mobilen Gesundheitsdienstes. "Gott schütze uns vor diesen Extremisten", sagt er.

Herrschende Gesetze würden nicht umgesetzt. Deshalb habe die Kriminalisierung von FGM außer einer Preissteigerung auch wenig gebracht. "Früher zahlte man zehn Pfund, knapp 50 Cent, an die traditionellen Beschneider - heute sind es 1000 bis 2000 Pfund, bis zu 95 Euro." Der hohe Preis schrecke aber niemanden ab, im Gegenteil: "Das Verbotene ist nur noch interessanter."

Laila Abu-Akl von der örtlichen Abteilung des Justizministeriums verzweifelt bisweilen an dieser Haltung: "Es ist verrückt, dass es uns bis heute nicht gelungen ist, FGM auszumerzen", ruft sie in Bani Suwaif in die Runde. "Der Sexualtrieb wird doch vom Kopf kontrolliert und nicht durch einen Schnitt ins Fleisch." Es sei bekannt, dass FGM dort weniger werde, wo es mehr Bildung gebe. "Helft uns, die Botschaft zu verbreiten: Hört auf, eure Töchter auf die Schlachtbank zu führen."

Zayed hat sich für seine Aufklärungskampagne Verstärkung geholt: Sein Freund, der orthodoxe Priester Athanasius von der Kirche der Jungfrau Maria, ist gekommen. "FGM ist ein Verbrechen", sagt er. "Es ist eine Beleidigung für den Körper der Frau." Auch einige Christen würden dem Brauch folgen. Er selbst habe der Großmutter eines gefährdeten Mädchens einst mit dem Gemeindeausschluss gedroht - erfolgreich. "Heute ist die Enkelin verheiratet und eine glückliche, unversehrte Frau."

Imam und Priester

In Zeiten massiver antichristlicher Gewalt mit vielen Toten und zahllosen zerstörten Kirchen ist die demonstrative Solidarität zwischen Imam und Priester bemerkenswert. Für die Kopten in Bani Suwaif ist sie auch eine Überlebensstrategie, denn sie stellen hier gerade mal fünf Prozent der Bevölkerung.

Die Bedrohung kommt von allen Seiten - dem "Islamischen Staat", militanten Muslimbrüdern, religiösen Extremisten, manchmal auch den Behörden. Erst im Sommer schlossen diese in einem Dorf nahe Bani Suwaif eine Kirche, im Oktober erstach ein angeblich psychisch kranker Mann einen koptischen Priester aus der Stadt.

"In der Gesellschaft gibt es viele Probleme zwischen Christen und Muslimen, aber nicht in unserer Gemeinde", betont Athanasius. "Der Imam und ich stehen füreinander ein, weil wir an das Konzept der Liebe glauben. Vielleicht sind ein Prozent der Muslime Extremisten, aber wir wollen Frieden."

Dieses eine Prozent setzt dem Scheich allerdings zu. "Hier draußen ist es gefährlich, sich liberal zu äußern", sagt er. Die Muslimbruderschaft sei eine bewaffnete Gruppe von Extremisten, die den Islam nicht kenne und ihn nur instrumentalisiere. "Sie haben mich einen Ungläubigen genannt, mich verfolgt und versucht, mich umzubringen. Sie haben vor meinem Haus demonstriert und meinen Tod gefordert."

Zayed ist beileibe kein Feminist. Sein Kampf gegen FGM ist akademisch und politisch motiviert. Er ist für die richtige Interpretation der Schriften und gegen religiösen Extremismus. Dennoch bleibt die Frage, warum er sein Leben für den Kampf gegen FGM riskiert. "Ich habe so viele Predigten gehört, die mit dem Alltag der Gläubigen nichts zu tun hatten. Die Menschen, die ich traf, waren arm, krank und unglücklich. Ich fühle ihren Schmerz. Seitdem will ich ihnen eine Stimme geben."

Zayed kämpft gegen FGM, aber auch gegen Aids und Analphabetentum. Er arbeitet mit der Weltgesundheitsorganisation zusammen, hat Broschüren verfasst, Bücher geschrieben. Tatsächlich zeigen Umfragen, dass die Zahl der Beschneidungen in Zukunft zurückgehen könnte.

Wie geht der Imam mit Rückschlägen um, der panischen Angst der Menschen, aus dem traditionellen Raster zu fallen? "Wenn ich nur eine von 50 retten kann, ist das ein Sieg", sagt er. Fragt man die Frauen in der Moschee, lachen sie laut. Stellvertretend für viele sagt Sabah: "Alle tun es. Es wird nie enden."

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Frauen in Ägypten: Bedrängt, beschnitten, entrechtet

Impressum


Autorin: Annette Langer

Fotos: Roger Anis

Redaktion: Benjamin Schulz, Patricia Dreyer

Grafiken und Programmierung: Dawood Ohdah

Bildredaktion: Ireneus Schubial

Layout: Hanz Sayami

Dokumentation: Almut Cieschinger, Mara Küpper

Schlussredaktion: Lena Ekelund

Weitere Fotos: AFP, Reuters Getty Images/Corbis



Diese Reportage ist Teil des Projekts Expedition #ÜberMorgen.