Genitalverstümmelung Rache der Beschneiderinnen

Bedroht und nackt durchs Dorf getrieben: Verfechter der Genitalverstümmelung haben in Sierra Leone eine Journalistin malträtiert. In Afrika ist die Beschneidung von Frauen und Mädchen grausamer Alltag - auch in Deutschland sind rund 20.000 Frauen beschnitten.

Von und


Hamburg - Manja Balama-Samba steht noch immer unter Schock, wenige Tage nach ihrem Horrortrip. "Ich bin mit meinen Nerven am Ende", sagt die Journalistin am Telefon zu SPIEGEL ONLINE. Seit kurzem ist sie zurück in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones. Balama-Samba sagt, sie sei immer noch in Gefahr, doch schweigen will sie nicht.

Mit drei Kolleginnen wurde die Radio-Reporterin vor einer Woche verschleppt und gezwungen, sich auszuziehen. Ihre gesamte Ausrüstung wurde zerstört. Danach musste Balama-Samba nackt durch die Straßen Kenemas laufen, eine Stadt im Osten Sierra Leones, rund 200 Kilometer von Freetown entfernt. "Ich hatte riesige Angst und flehte die Entführerinnen an, mich gehen zu lassen", erzählt Balama-Samba.

Doch erst nach Protesten des Journalistenverbandes wurden sie und ihre Mitstreiterinnen von Polizisten befreit. Eine Bondo-Geheimgesellschaft von Beschneiderinnen statuierte ein Exempel an der Journalistin, sie sollte ihrer Ehre beraubt werden. In Radiosendungen hatte sie zuvor kritisch über Genitalverstümmelungen berichtet - zuletzt am Internationalen Tag "Null Toleranz gegen Genitalverstümmelung". Offen bekannte sich am Montag die Chefin der Bondo-Gruppe, Haja Massah Kaisamba, zu der Verschleppung. Die Frauen seien "in Gewahrsam genommen worden, weil sie sich im Radio unvorteilhaft geäußert haben", sagte sie.

Kaisamba ist eine von etwa 50.000 Beschneiderinnen in dem kleinen westafrikanischen Land. Sierra Leone hat fünf Millionen Einwohner. Die Geheimbünde sind stark wie nirgendwo sonst in Afrika, ihre Mitglieder genießen ein hohes gesellschaftliches Ansehen und verdienen überdurchschnittlich. Sierra Leones Politiker trauen sich bislang nicht, kritisch gegen die mächtigen Vereinigungen vorzugehen.

Doch nach dem Verbrechen vom Wochenende hoffen Menschenrechtsaktivisten auf eine Verbesserung der Lage. Die Organisation Reporter ohne Grenzen mahnte in einer Erklärung, "die schändlichen Taten beschädigen in hohem Maß das Image Sierra Leones". In mehreren Treffen mit den regionalen Paramount Chiefs, den Oberhäuptern in der Provinz, wollen Menschenrechtler nun über das Verbrechen von Kenema und die Genitalverstümmelung sprechen.

Balama-Samba ist allerdings skeptisch. Bislang habe die Polizei nichts unternommen, in einer Presseerklärung bestreitet Kenemas Polizeichef sogar, dass sie nackt durchs Dorf getrieben wurde. Auch bei ihrer Berichterstattung habe sie das Einverständnis des Gemeindeoberhauptes gehabt, sagt Balama-Samba, dennoch sei sie entführt und misshandelt worden.

94 Prozent der Frauen in Sierra Leone sind beschnitten

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind bis zu 140 Millionen Frauen weltweit beschnitten. In Sierra Leone sind es laut Uno-Angaben 94 Prozent der Frauen und Mädchen im Alter von 15 bis 49 Jahren. Die Beschneidung bedeutet unvorstellbare Qualen, wird häufig mit Rasierklingen oder Glasscherben vorgenommen - und führt nicht selten zum Tod.

Laut Terre des Femmes werden alle elf Sekunden auf der Welt einem Mädchen gewaltsam die Klitoris und Teile der Schamlippen abgeschnitten. Die Frauenrechtsorganisation geht davon aus, dass allein in Deutschland rund 20.000 betroffene Frauen leben. Hinzu kommen die Frauen, die illegal hierzulande leben oder aber die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

20.000 Frauen in Deutschland - das ist nur die Untergrenze, schätzt Terre des Femmes.

4000 Mädchen unter 15 Jahren sind außerdem dem Risiko ausgesetzt, illegal in Deutschland oder aber in den Ferien im Herkunftsland der Eltern verstümmelt zu werden - teilweise auch dann, wenn die Eltern die grausame Praxis ablehnen, sich aber beispielsweise die Großmutter als Hüterin der Tradition versteht und ein Mädchen beschneiden lässt, während die Eltern abgelenkt sind.

"Das Thema Genitalverstümmelung ist in Europa vor allem ein Thema durch die Migration. Mit dem Überschreiten der Grenze hört das Problem nicht automatisch auf", sagt Franziska Gruber, Referentin gegen die weibliche Genitalverstümmelung bei Terre des Femmes. In den vergangenen Jahren hat die Organisation in verschiedenen Fällen Anzeigen gegen Arztpraxen erstattet, die illegal Beschneidungen in Deutschland durchführen sollen. Alle Verfahren mussten aus Mangel an Beweisen schließlich eingestellt werden.

Zumeist wird die Beschneidung bei Mädchen im Alter bis 15 Jahre vorgenommen. Die gesundheitlichen und psychischen Folgen sind dramatisch: ständige Entzündungen im Genitalbereich, Inkontinenz, starke Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, hohe Gefahr von HIV-Infektion. Bei der Menstruation kann das Blut nicht abfließen, bei einer Geburt ist das Leben von Mutter und Kind in Gefahr.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.