Genozid-Debatte um Armenien Türkei empört sich über "Kreuzzugsmentalität" des Papstes

Der Papst spricht in Armenien von Völkermord - und die Türkei reagiert reflexhaft: Im Vatikan herrsche eine "Kreuzzugsmentalität", so der Vorwurf. Der Papst habe die historischen Fakten nicht verstanden.

DPA

Am ersten Tag seiner Reise nach Armenien verurteilte Papst Franziskus den Völkermord an geschätzt 1,5 Millionen Armeniern durch das Osmanische Reich. Am zweiten Tag gedachte er der Opfer des Massakers in der Gedenkstätte der Hauptstadt Jerewan. Am Ende des zweiten Tages schaltete sich die türkische Regierung ein.

Vizepremier Nurettin Canikli nannte die Kommentare des Pontifex "überaus unglücklich" und sah darin Züge einer "Kreuzzugsmentalität". Die Bemerkungen des Papstes seien parteiisch und hätten "keinerlei Bezug zur Realität", sagte Canikli am Samstagabend auf einer Pressekonferenz.

Aus Sicht der Türkei, dem Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs, handelte es sich bei den Ereignissen in den Jahren 1915 bis 1917 um einen Bürgerkrieg zwischen Türken und Armeniern, bei denen beide Seiten zahlreiche Opfer zu beklagen hatten. Die Armenier sprechen dagegen von einem systematischen Völkermord der osmanischen Führung der Jungtürken, dem geschätzt 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen.

Franziskus hatte bereits im vergangenen Jahr im Petersdom während des Gedenkens zum 100. Jahrestag der Massaker unmissverständlich von einem Genozid gesprochen. Der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu sprach damals empört von einer Diskriminierung aller Muslime und Türken. Der türkische Botschafter beim Vatikan wurde abgezogen. Vor einigen Monaten kehrte er allerdings wieder an seinen Posten in Rom zurück.

"Keinerlei Bezug zu den historischen Fakten"

Laut Nurettin Canikli hat auch die Haltung der Bundesregierung in Sachen Genozid "keinerlei Bezug zu den historischen Fakten". Der Bundestag hatte Anfang Juni in einer mit überwältigender Mehrheit verabschiedeten Resolution erstmals von einem Völkermord gesprochen und damit die Türkei verärgert. Unter anderem verweigert Ankara nunmehr dem Verteidigungsstaatssekretär Ralf Brauksiepe (CDU) einen Besuch bei der Bundeswehr im türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik.

"Möge Gott die Erinnerung des armenischen Volkes beschützen!", schrieb der Papst nun in das goldene Buch der Gedenkstätte in Jerewan. "Die Erinnerung kann weder unterdrückt noch vergessen werden!", fügte er hinzu und riskierte damit gewohnt unverblümt einen weiteren diplomatischen Eklat.

Der Papst traf in Armenien auch mit Nachfahren von Massaker-Überlebenden zusammen, die Papst Benedikt XV. während des Ersten Weltkriegs in der päpstlichen Residenz Castel Gandolfo aufgenommen hatte.

Nach armenischer Zählung haben bereits 27 Länder das Massaker als Völkermord bezeichnet. Armenien ist das erste Land weltweit, das Anfang des vierten Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion erhob. 90 Prozent der Bevölkerung gehören der armenisch-apostolischen Kirche an, weniger als zehn Prozent sind Katholiken.

Bei seinem Besuch in der Genozid-Gedenkstätte Zizernakaberd wurde Franziskus vom armenischen Präsidenten Sersch Sarkissjan und dem Oberhaupt der armenisch-orthodoxen Kirche, Kerekin II., begleitet.

Am Sonntag soll eine Messe in der apostolischen Kathedrale in Etschmiadzin gefeiert werden, dem religiösen Zentrum des Landes etwa 20 Kilometer westlich von Jerewan. Trotz unterschiedlicher Auffassung über das Primat des Papstes pflegt die armenische Kirche enge Verbindungen zur katholischen Kirche, die Franziskus mit seinem Besuch unterstrich.

Auch ein Besuch der türkisch-armenischen Grenze stand am dritten Tag des Papst-Besuchs auf dem Programm. Die Türkei hatte alle Genzübergänge 1992 geschlossen, um ihren Verbündeten Aserbaidschan im Konflikt mit Armenien um die Region Bergkarabach zu unterstützen. Franziskus rief Armenien und die Türkei dazu auf, sich zu versöhnen. "Möge auch in Bergkarabach Frieden einkehren."

ala/dpa

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