Fotoprojekt in Georgien Was aus dem Sowjettraum wurde

Baufällige Sowjet-Wohnblocks umgeben von malerischer Landschaft: Zwei Fotografen waren im georgischen Vaziani. Sie trafen auf gastfreundliche Bewohner, die inmitten des Verfalls für ein besseres Leben arbeiten.

Arne Piepke/ Ingmar Nolting

Ein Interview von


ZUR PERSON
    Arne Piepke und Ingmar Nolting, Jahrgang 1991 und 1995, studieren Fotografie an der FH Dortmund. Mit drei weiteren Dokumentarfotografen haben sie das Kollektiv Docks gegründet. Gerade arbeiten sie an ihren Bachelorarbeiten. Ihr Projekt "Remains of a Soviet Utopia" wurde 2017 als beste Nachwuchsarbeit beim Vonovia Award für Fotografie ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der georgischen Siedlung Vaziani fotografiert. Was ist das für ein Ort?

Ingmar Nolting: Die Siedlung ist von einer hügeligen Landschaft und weiten Feldern umgeben und wirkt zunächst idyllisch. Doch die 42 Wohnblocks selbst sind sehr heruntergekommen.

Arne Piepke: Die Situation ist relativ schwierig. Die meisten Menschen sind arbeitslos, das Trinkwasser ist mit Fäkalbakterien verseucht und ein Teil der Gasleitungen funktioniert nicht. Vor ein paar Jahren ist ein Haus zur Hälfte eingestürzt, doch die andere Hälfte wird weiterhin bewohnt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt furchtbar.…

Piepke: Die Leute haben sich damit arrangiert. Ich hatte das Gefühl, dass die Gemeinschaft dadurch stärker geworden ist. Die Menschen helfen sich gegenseitig, tauschen viel und fast jeder baut noch selbst etwas an.

Fotostrecke

10  Bilder
Georgische Siedlung: Leben in Vaziani

Nolting: Für mich ist der Ort geradezu paradox! Trotz der äußeren Umstände sind alle herzlich und gastfreundlich. Das Leben spielt sich außerhalb der Häuser ab. Es gibt sehr viele Kinder in der Siedlung, die auf den alten Spielplätzen spielen oder sich in den Gassen treffen. Abends kommt man an kleinen Kiosken zusammen, tauscht sich aus und trinkt Wein.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Projekt trägt den Titel "Remains of a Soviet Utopia". Wie wurden die Wohnblocks ursprünglich genutzt?

Piepke: Vaziani war eine angesehene Siedlung für die sowjetischen Soldaten, die in der nahe gelegenen Militärbasis stationiert waren. Alle waren sehr wohlhabend. Doch nach dem Zerfall der Sowjetunion ist die Situation komplett gekippt. Seit Anfang der Neunzigerjahre wohnen dort arme Menschen, viele Flüchtlinge aus dem Abchasien- und Südossetien-Krieg, insgesamt so um die 4000 Leute.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie in Vaziani gelebt?

Nolting: Bei Edo und seiner Familie. Den haben wir in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, kennengelernt, zusammen mit anderen Jugendlichen, die dort auf den Straßen abhängen. Er hat uns von der Siedlung erzählt und uns zu sich nach Hause eingeladen. Somit sind wir durch Zufall an diesen Ort mitten im Nichts gekommen, den auch viele Georgier nicht kennen. Gleich beim ersten Besuch hat uns Edos Mutter eingeladen, dort zu übernachten. Die Familie hat extra eines ihrer drei Zimmer freigeräumt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ihnen alle Menschen dort so offen begegnet?

Nolting: Als wir das erste Mal da waren, wurden wir skeptisch beobachtet und waren noch eine Art Fremdkörper. Viele Bewohner waren verwundert, dass wir uns als Ausländer für ihre Heimat interessieren. Aber weil wir bei der Familie gewohnt haben, lernten wir schnell viele Bewohner kennen und wurden ein Teil ihres Alltags. Die Menschen waren auch an uns interessiert, wollten wissen, was wir machen und haben uns oft in ihre Wohnungen eingeladen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren zu zweit in Vaziani. Wie lief die Zusammenarbeit ab?

Nolting: Die meiste Zeit waren wir zusammen in der Siedlung unterwegs, manchmal aber auch jeder für sich. Gerade bei den Porträts haben wir gemeinsam überlegt, wie man das Bild aufbauen kann.

Piepke: Ja, man bestärkt und motiviert sich gegenseitig. Aber das Foto hat am Ende immer nur einer gemacht. Der, der den besseren Zugang zu der Person hatte. Es war von Anfang an klar, dass wir die Bilder am Ende mischen werden. Wer das einzelne Foto gemacht hat, ist egal. Wichtiger ist die Geschichte, die wir erzählen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Und wer hat Sie besonders beeindruckt?

Piepke: Edos Mutter Marina! Weil sie alles dafür gibt, um ihrer Familie ein gutes Leben zu bereiten. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt, kämpft gegen den Krebs - das ist alles nicht einfach für sie. Und trotzdem hat sie uns als Gäste sofort eingeladen, über Nacht zu bleiben, auch unter widrigen Bedingungen. Es gab zum Beispiel nur eine Glühbirne in der Wohnung, die dann abends jeweils umgeschraubt wurde, je nachdem in welchem Zimmer die Familie gerade Licht brauchte.

Nolting: Mich hat die Begegnung mit Lali beeindruckt. Sie wohnt seit 1993 in der Siedlung und ist die einzige Krankenschwester dort. Einen Arzt gibt es nicht. Sie war die Einzige, die zu uns gesagt hat: "Das hier ist mein Zuhause geworden!" Sie habe sich daran gewöhnt. Man dürfe nicht immer überlegen, wie es sonst sein könnte, sondern müsse sich mit den Begebenheiten arrangieren, findet Lali. Das unterscheidet sie von den anderen Menschen, die wir porträtiert haben.

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal Seen.by.

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