Geoutete Sex-Bloggerin Die Legende der fröhlichen Hure

Clever, witzig, höchst erfolgreich: Sechs Jahre lang bloggte eine anonyme Britin unter dem Pseudonym "Belle de Jour" über Sex und ihre Erfahrungen als Prostituierte. Nun gab die 34-Jährige ihre Identität preis - und überraschte selbst ihre schärfsten Kritiker.

Von , London

AP/ Showtime

London - Diese Männerphantasie sei "zu gut, um wahr zu sein", befand die "Sunday Times" bereits im März 2004. Die Rede war von einer neuen anonymen Sex-Bloggerin, die seit einigen Monaten in Londons Medienzirkeln für Furore sorgte. Wer war diese geheimnisvolle "Belle de Jour", die im Internet von ihrem Leben als Callgirl im Londoner Nachtleben berichtete und zwischendurch kenntnisreich die Namen von Schriftstellern und Philosophen einstreute?

Die "Sunday Times" bezweifelte, dass diese "multitalentierte Sexmaschine" überhaupt echt sei und gab ihren eigenen Tipp ab: Hinter dem Blog stecke wohl eher "ein älterer Autor mit Hornbrille". Es war eines der unzähligen Gerüchte, die sich in den folgenden Jahren um "Belle de Jour" ranken sollten. Weil das Blog gut geschrieben war, gerieten mehrere bekannte Journalisten und Schriftsteller in Verdacht. Doch die wahre Identität der Autorin blieb stets geheim.

Auch als Belles erstes Buch 2005 ein Bestseller wurde ("Intime Abenteuer eines Londoner Callgirls"), und schließlich 2007 die Fernsehserie "Geheimes Tagebuch eines Callgirls" anlief, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen, wer hinter dem Werk steckte.

Unsichtbare "Belle"

"Belle" hatte sich unsichtbar gemacht: Alle Kontakte und Zahlungen liefen über gut getarnte E-Mail-Adressen, Firmen und Konten, nicht einmal ihr Agent wusste, wer sie war. Der Neugier der Öffentlichkeit tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Bei jeder neuen Veröffentlichung wurde in den Medien wieder über die Person hinter dem Blog spekuliert.

Das Rätselraten hat nun ein Ende. "Ich bin Belle de Jour", stand am Wochenende in rosafarbenen Lettern über einem Aufmacherfoto in der "Sunday Times". Eine elegante Blondine, in eine Satinrobe gehüllt, stand da vor einem Hotelbett und blickte herausfordernd in die Kamera. Brooke Magnanti, so ihr wirklicher Name, ist 34 Jahre alt, hat einen Doktor in Epidemologie und erforscht gerade in Bristol die Wirkung von Pestiziden auf Föten.

Damit ist eines der bestgehüteten Geheimnisse Großbritanniens gelüftet. Sie habe genug von dem Versteckspiel, begründete die Forscherin ihr Coming-out. Ein "perfekter Sturm der Gefühle" habe sie überzeugt, dass die Zeit reif sei. Auch wollte sie offenbar einem Ex-Freund zuvorkommen, der damit gedroht haben soll, alles auszuplaudern.

Hübsche, intelligente, junge Frau

Magnanti erzählte ihre Geschichte der "Times"-Kolumnistin India Knight, bis dato eine ihrer schärfsten Kritikerinnen. Knight zeigte sich erstaunt, eine hübsche, intelligente, junge Frau zu treffen, hatte sie doch auch zu jenen gehört, die vermuteten, hinter dem Blog stecke "ein perverser Loser, der für andere perverse Loser schreibt".

Zur Prostituierten wurde Magnanti 2003, während sie an ihrer Doktorarbeit schrieb. Sie war gerade aus Sheffield nach London gezogen und brauchte dringend Geld. Im Internet fand sie einen Escortservice. Über ihr Bewerbungsgespräch in einem Café konnte man bald schon alles in ihrem Blog lesen - es war der Anfang ihres Lebens als "Belle de Jour".

Der Name geht auf den gleichnamigen Buñuel-Film aus dem Jahre 1967 zurück, in dem Catherine Deneuve eine masochistische Hausfrau spielt, die aus Langeweile zur Hure wird.

"Eine Frau, die den Sex und das Bargeld genießt"

14 Monate lang ließ sich Magnanti von Männern für Sex bezahlen, zwei bis dreimal die Woche, 300 Pfund die Stunde. Auch als sie einen Job als Programmiererin fand, hüpfte sie nachts weiter durch die Hotelbetten. Das Image vom "Happy Hooker", der fröhlichen Hure, die mit Spaß bei der Sache ist, machte ihre Anziehungskraft aus.

Belle sei "eine Frau, die den Sex und das Bargeld genießt", erklärte die Schauspielerin Billie Piper, die in der Fernsehserie die Hauptrolle spielte. Wie zuvor "Sex and the City" und "Bridget Jones" traf die Figur einen Nerv, bald zählte Belle zum Kanon der britischen "Chick Lit", Unterhaltungsliteratur für Frauen.

Belles zahlreiche Kritiker hingegen warfen ihr vor, die Prostitution zu verherrlichen. "Wir sollen glauben, dass diese Sexarbeiter unabhängige Frauen sind", schäumte der Erzbischof von York. Doch sei es ein "Mythos", dass Frauen sich prostituierten, weil sie dies als sichere und lukrative Karriere ansähen. Drei Viertel der Callgirls in Großbritannien würden misshandelt, und die Todesrate der Londoner Huren sei zwölfmal höher als der nationale Durchschnitt. Der Bischof war nicht allein mit seiner Empörung.

Gefragte Autorin

Dazu sagt nun Magnanti, dass sie Glück gehabt habe. Ihr sei nie etwas passiert und sie bereue es nicht. Aber künftig wieder als Callgirl zu arbeiten, wolle sie auch nicht - selbst wenn es finanziell eng würde. Inzwischen hat sie es auch nicht mehr nötig: Aus dem Blog ist der Markenname eines ganzen Imperiums geworden. Belle ist eine gefragte Autorin und Kolumnistin.

Neben den beiden veröffentlichten Tagebüchern stehen noch ein Roman und ein Ratgeber ("Belle de Jour's Guide to Men") in den Buchhandlungen. Zwei weitere Bücher sind in Arbeit. Die Fernsehserie lief sogar in den USA. Die Rezensionen sind überwiegend positiv, es fallen Adjektive wie "clever" und "witzig".

Das Blog läuft unterdessen weiter, er ist in diesen Tagen die beste Plattform der Eigenvermarktung. Interviewanfragen seien an ihre Agenten zu richten, heißt es im Eintrag vom "Lundi" - alle Tagesangaben sind stilecht auf Französisch. Anfangs habe sie nicht gedacht, dass das Blog so lange laufen könnte, sagt Magnanti. Doch nun wolle sie es noch eine Weile fortführen - "bis zum Happy End".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 160 Beiträge
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Seite 1
lalito 17.11.2009
1. clever
Scheinbar sind oft hergestellte Korrelationen zwischen Haarfarbe und Fähigkeiten wohl wahr wie falsch zugleich.
Bala Clava 17.11.2009
2. Clever?
Zitat von lalitoScheinbar sind oft hergestellte Korrelationen zwischen Haarfarbe und Fähigkeiten wohl wahr wie falsch zugleich.
Wieso "scheinbar"? Anscheinend verwechseln Sie da was ...
schmoggelmopps 17.11.2009
3. Zzzz ...
*gäääähn* Mnjamm-mjamm ...
stanis laus 17.11.2009
4. No sex please, not from Brits
Wie armselig muss eigentlich eine Gesellschaft sein, die aus den Erlebnissen einer Hure eine kulturelle Veranstaltung macht. Wie armselig muss eigentlich eine Gesellschaft sein, in der eine junge Frau mit ihrem Hintern mehr Geld verdient als mit ihrem Kopf. Traurig, wie dieses Great Britannia verkommen ist.
proc09 17.11.2009
5. Spiegel
"Inzwischen hat sie es auch nicht mehr nötig: Aus dem Blog ist der Markenname eines ganzen Imperiums geworden. "Belle" ist eine gefragte Autorin und Kolumnistin." SPIEGEL-Reporter scheinen heutzutage nur 20-jährige Praktikanten zu sein, die nach ihren Fähigkeiten, Artikel ins deutsche zu übersetzen und Pressemeldungen mit google-Informationen zu füttern, ausgewählt wurden. Null Literatur- und Filmkenntnisse bzw. Allgemeinwissen.
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