San Francisco - Kaum eine Stadt gilt als so klischeehaft liberal wie San Francisco. Der Stadtteil Haight-Ashbury ist die Urheimat der Hippies, das Viertel Castro ein Pilgerort für Homosexuelle aus der ganzen Welt.
Ausgerechnet in der Hochburg der Demokratischen Partei hat man nun der öffentlichen Nacktheit den Kampf angesagt: Künftig dürfen sich Bewohner und Gäste der Westküstenmetropole nicht mehr im Adamskostüm auf den Straßen zeigen. Der Stadtrat votierte am Dienstag mit sechs Ja- bei fünf Gegenstimmen für die Verordnung, nach der das Zurschaustellen von Genitalien auf den meisten öffentlichen Plätzen verboten ist. Dazu zählen Straßen, Fußwege und der öffentliche Verkehr.
Ausgenommen sind allerdings besondere Anlässe: So soll Nacktheit beim alljährlichen "Bay To Breakers"-Volkslauf ebenso erlaubt sein wie beim Folsom-Straßenfest der Leder- und Fetisch-Szene oder der Gay-Pride-Parade. Die Vorschrift soll im Februar 2013 in Kraft treten. Sie muss zuvor eine zweite Abstimmung durchlaufen und vom Bürgermeister unterzeichnet werden.
Stadtrat Scott Wiener hatte sich für den Vorstoß stark gemacht, nachdem es immer wieder Beschwerden über eine Gruppe von Männern, die "Naked Guys" gab, die im Stadtviertel Castro nahezu täglich hüllenlos in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Viele Anwohner der Schwulenhochburg hätten sich bei ihm beschwert, sagte Wiener. Er forderte bei Verstoß gegen das neue Gesetz eine Geldstrafe von mindestens 100 Dollar. "Wiederholungstäter" sollen mit einem Bußgeld von bis zu 500 Dollar und einer Freiheitsstrafe von einem Jahr zur Kasse gebeten werden.
Vor einem Jahr hatte Wiener bereits eine Vorschrift durchgesetzt, die es Nackten verbietet, sich auf Parkbänke oder Stühle in Cafés zu setzen. Aus hygienischen Gründen müssen nun ein Handtuch oder eine ähnliche Unterlage benutzt werden.
Die Entscheidung über den Gesetzentwurf im Stadtrat war knapp. "Ich kann und werde nicht in diesen sauren Apfel beißen. Ich weigere mich, das Feigenblatt zu tragen", kündigte Stadtrat John Avalos an.
Empörte Nudisten hatten bereits im Oktober vor dem Rathaus von San Francisco protestiert - hüllenlos, versteht sich. In der vergangenen Woche hatte eine Gruppe Klage eingereicht. "Nacktheit fällt unter das Recht auf freie Meinungsäußerung", sagte die Anwältin Christina DiEdoardo. Das habe nichts mit "unsittlicher Entblößung" zu tun. DiEdoardo vertritt unter anderem eine dreifache Mutter, die eine Nudisten-Talk-Show mit dem Namen "Meine nackte Wahrheit" moderiert.
ala/dapd/dpa
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