Bundesweite Hotline "Gewalt gegen Frauen" Hier finden Gewaltopfer Hilfe - in 17 Sprachen

Frauen, die Gewalt erleben, finden rund um die Uhr Beistand: Beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". Dort helfen geschulte Beraterinnen, Misshandlung und Erniedrigung zu entkommen.

Verletzte Frau am Telefon
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Verletzte Frau am Telefon


In direkter Nachbarschaft zur Kölner Messe steht ein grauer Betonbau. Hier befindet sich, wenn man so will, die Erste-Hilfe-Zentrale für Frauen, die geschlagen, vergewaltigt, erniedrigt werden. Unter der Nummer 08000 116 016 sind die Mitarbeiterinnen des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen" rund um die Uhr erreichbar - kostenlos und vertraulich. Auch per Chat oder E-Mail können Hilfesuchende Kontakt aufnehmen, Gebärdendolmetscher stehen zur Verfügung.

Die mehr als 70 Beraterinnen, die im Schichtbetrieb arbeiten, sind speziell geschult. Sie hören Betroffenen zu, leisten Beistand, suchen für sie Beratungsstellen und Frauenhäuser vor Ort heraus, die nach dem Gespräch weitere Hilfe anbieten können. Viele Mitarbeiterinnen sprechen mehrere Sprachen. Binnen einer Minute können außerdem zu jeder Tages- und Nachtzeit Übersetzerinnen für 17 verschiedene Sprachen zugeschaltet werden, darunter Vietnamesisch, Farsi oder Albanisch.

"Wir wollen den Frauen den Anruf so leicht wie möglich machen", sagt Petra Söchting, 55, die Leiterin der Hilfe-Hotline. "Denn die meisten Gewaltopfer offenbaren sich nicht, weil sie sich schämen oder mitschuldig fühlen." Wer sich traut, soll sofort Hilfe finden. Auch bei einem stundenlangen Stromausfall bleibt die Hotline erreichbar, dafür ist gesorgt.

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2017 wurden mehr als 37.000 Frauen beraten. Anonymität ist garantiert. Die Telefonnummer der Anruferin wird den Mitarbeiterinnen nicht angezeigt - umgekehrt taucht auch die Nummer des Hilfetelefons im Einzelnachweis der Telefonrechnung nicht auf.

Die Telefonate laufen ganz unterschiedlich ab, erzählt Söchting. Manchmal seien im Hintergrund noch Schreie oder ein Poltern zu hören, "dann dauert das Gespräch zuweilen nur ein paar Minuten oder bricht einfach ab". Manchmal liege "die Gewalterfahrung" einer Frau auch schon lange zurück. "Dann kann ein Gespräch auch mal eine Stunde dauern."

"Gewalt beginnt nicht erst dann, wenn es zu körperlichen Übergriffen kommt"

Gewalterfahrung - der Begriff klingt seltsam nüchtern für das, was die Mitarbeiterinnen des Telefons oft zu hören bekommen. Söchting vermeidet es, Einzelfälle zu schildern. Doch ein Blick in die Jahresberichte der Hilfeeinrichtung reicht, um die Dimensionen des Problems zu erahnen.

Frauen, die von ihrem Partner beschimpft und erniedrigt werden, melden sich demnach zur Beratung. Mobbingopfer. Prostituierte, die von Freiern verprügelt und bedroht werden. Frauen, die als Kind beschnitten wurden. Mütter, die ihren Kindern dieses Schicksal ersparen wollen. Weil die Beschneidung von Mädchen in Deutschland verboten ist, werden viele Kinder ins Ausland geflogen, um sie dort der grauenhaften Prozedur zu unterziehen.

Gewalt sei auch, wenn ein Partner den anderen verbal ständig niedermache, sagt Söchting. "Gewalt beginnt nicht erst dann, wenn es zu körperlichen Übergriffen kommt. Frauen, die eine solche Erfahrung machen und nicht weiter wissen, können und sollen sich ebenfalls bei uns melden."


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Besonders abends ab 18 Uhr steht das Telefon in Köln selten still, nachts melden sich besonders viele Betroffene. Nach Feierabend eben, wenn die meisten Menschen zu Hause sind. Denn die Mehrheit der Frauen, die anrufen, wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner misshandelt, sagt Söchting. Oft sei das ein schleichender Prozess gewesen.

"Viele Frauen erzählen von der ganz großen Liebe. Aber irgendwann kippt diese Nähe. Oft beginnt es damit, dass der Partner Dutzende SMS sendet: Wo bist du? Was machst du? Mit wem? Ist das noch Interesse oder schon Kontrolle?" Denn bei Gewalt gehe es meistens darum, Macht auszuüben.

Die Eifersucht des Partners könne sich an allem Möglichen entzünden, sagt Söchting. "Es muss gar kein anderer Mann sein. Oft geht es um den Freundeskreis der Frau, den Sportverein, ihre beruflichen Erfolge. Gewalttätige Partner wollen oft die totale Verfügungsgewalt über eine Frau."

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