Gewalt gegen Kinder Schläge für den Sohn, Säure für die Tochter

Sexuelle Erniedrigung, Schläge, Zwangsarbeit: Gewalt gegen Kinder ist allgegenwärtig, vor allem in armen Ländern. In Europa ist die Situation besser - doch auch hier sind Übergriffe laut Unicef keine Ausnahme. Allein in Deutschland nahmen die Jugendämter 33.700 Minderjährige in Obhut.

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UNICEF/Shehab Uddin/Drik

Hamburg - Laurent* aus der Zentralafrikanischen Republik wurde misshandelt, weil sein Onkel glaubte, der Junge habe seinen Cousin krankgemacht. "Zwei Wochen lang schlug er mich jeden Tag. Er sagte, ich sei ein Zauberer und hätte ein Tier in mir." Laurents Arm war gebrochen, sein Kopf blutete von Machetenschlägen, als der Junge dem Onkel entkam.

Parul ist eine junge Frau aus Bangladesch. Ihr Mann sagte ihr, wenn sie ein Mädchen zur Welt bringe, werde er es nicht einmal ansehen. Parul brachte ein Mädchen zur Welt. Der Vater malträtierte es mit Nägeln, hielt Parul vom Stillen ab. Nach sieben Monaten flößte der Mann dem Säugling ätzende Säure ein. Noch ein Jahrzehnt später, nach Operationen und Therapien, kämpft das Kind mit den Folgen.

Die zwölfjährige Pan* aus Burma wurde herumgereicht, nachdem ihre Mutter gestorben war. In den Familien musste die Zwölfjährige bis nachts kochen, bügeln, waschen, massieren, putzen. Ständig wurde sie geschlagen - teilweise mit Bambusstöcken und Kabeln. Ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation rettete sie, als sie von ihren Peinigern weglief. Ihr Leiden hat ein Ende, die Narben auf ihrem Körper bleiben.

"Gewalt gegen Kinder ist Alltag"

Laurent, Parul und Pan sind drei Beispiele für Gewalt gegen Kinder, Einzelfälle sind es nicht. Das zeigt der Report "Kinder vor Gewalt schützen", den das Uno-Kinderhilfswerk Unicef am Donnerstag bei seiner Jahrespressekonferenz vorgestellt hat. "In vielen Gesellschaften ist Gewalt gegen Kinder Alltag", sagt Marta Santos Pais, Uno-Sonderbeauftragte zum Thema Gewalt gegen Kinder.

Dabei handelt es sich um weitaus drastischere Erlebnisse als Rangeleien mit Spielkameraden. Es geht um Schläge von Erwachsenen, Folter und Vergewaltigung.

Der Report nennt erschreckende Zahlen:

  • Jährlich werden zwischen 500 Millionen und 1,5 Milliarden Kinder Opfer von Gewalt. Mehr als eine Milliarde Kinder lebt in Gebieten, in denen es bewaffnete Konflikte gibt.
  • In einigen Ländern ist die Bestrafung von Kindern mit Stock- und Peitschenhieben erlaubt, in manchen Staaten auch Steinigung, lebenslange Haft oder sogar die Verhängung der Todesstrafe. Fünf Länder, darunter Iran und Saudi-Arabien, haben nach 2005 die Todesstrafe an Minderjährigen vollstreckt.
  • Eines von sechs Kindern in Entwicklungsländern muss arbeiten - etwa als Haushaltshilfe, in Kohleminen oder Bordellen.
  • Zwangsheirat für Kinder, oft verbunden mit Zwangsarbeit, ist in vielen Regionen verwurzelt. Besonders betroffen sind Arme: In Entwicklungsländern heiraten Mädchen aus den ärmsten Familien dreimal häufiger vor dem 18. Lebensjahr als Mädchen aus reichen Familien.
  • In 156 Staaten gilt Gewalt in Kinderheimen als legitimes Erziehungsmittel.
  • In 88 Ländern sind körperliche Strafen in Schulen nicht ausdrücklich verboten oder sogar explizit erlaubt, etwa in Brasilien, Kolumbien, Entwicklungsländern im südlichen Afrika und Südasien, aber auch in Südkorea, Mexiko und in einigen US-Bundesstaaten.
  • In manchen Staaten ist laut dem Report sexueller Missbrauch vor allem von Schülerinnen durch Lehrer und andere Schulangestellte so verbreitet, dass Heranwachsende dafür den Begriff "Sex für Noten" geprägt haben.
  • Gerade einmal 29 Länder - die meisten davon in Europa - haben jegliche Form der Gewalt gegen Kinder geächtet, darunter Deutschland. Aber in diesen Ländern leben nur fünf Prozent aller Kinder.

Auch in Deutschland ist die Lage alles andere als gut. "Gewalt gegen Kinder ist ein globales Problem", sagt Pais. Zwar mag sie hierzulande wie in anderen Industrieländern offiziell tabu sein - doch allzu oft wird sie verklärt, etwa als notwendige Form der Bestrafung. 13 Prozent der deutschen Eltern erziehen nach Schätzungen des Deutschen Kinderschutzbundes "gewaltbelastet", wie es heißt.

Großes Dunkelfeld, hohe Kosten

Eines von fünf Kindern wird Opfer sexueller Übergriffe. 2009 zählte die amtliche Kriminalstatistik 11.319 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen sowie deren sexuellen Missbrauch, obwohl Experten davon ausgehen, dass nur in jedem zehnten Fall das Jugendamt informiert wird. In etwa drei Vierteln der Fälle stammt der Täter aus dem näheren Umfeld der Kinder.

2009 wurden 152 Kinder in Deutschland getötet, davon waren 123 jünger als sechs Jahre. Jugendämter nahmen 33.700 Kinder in Obhut - ein Plus von 30 Prozent gegenüber 2004. 39 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die bei Hilfe-Hotlines anrufen, berichten von Mobbing-Erfahrungen, 26 Prozent von körperlichen Misshandlungen.

Zudem haben Industriestaaten wie Deutschland neue Probleme: Technologien wie das Internet bieten Kindern laut Pais zwar die Möglichkeit, sich besser gegen Gewalt wehren zu können, etwa durch einfacheren Zugang zu Ombudsstellen - aber das Netz ist auch eine Gefahrenquelle. Online gebe es "sexuell eindeutige Anfragen an kleine Mädchen und jede Menge mit Handykameras aufgenommene Filme von Vergewaltigungen", sagt die Uno-Beauftragte.

Diese Daten sind erschreckend genug - doch sie dokumentieren nur einen Bruchteil der Gewalt gegen Kinder. Dem Bericht zufolge sind Behördliche Erhebungen nur begrenzt in der Lage, das wahre Ausmaß zu erfassen, es gibt ein großes Dunkelfeld. In Entwicklungsländern etwa ist dem Report zufolge nur die Hälfte aller Kinder amtlich gemeldet, der Rest existiert für die Behörden nicht. Deshalb empfindet es Pais schon als Fortschritt, dass immer mehr Länder Daten sammeln - denn eine umfassende Analyse ist derzeit wegen der dünnen Informationsgrundlage schwierig.

Gesetze allein "reichen nicht"

Gewalt gegen Kinder zu bekämpfen ist für Pais nicht nur eine moralische Frage, wie der Unicef-Report zeigt. Die Ächtung hilft dabei, Entwicklungsstörungen, verminderte Lernfähigkeit, schlechte schulische Leistungen, Beziehungsunfähigkeit, geringes Selbstwertgefühl, psychisches Leid und Depressionen sowie überzogene Risikobereitschaft und aggressives Verhalten bei Heranwachsenden zu vermeiden.

Das ist auch wirtschaftlich bedeutsam. "Die gesellschaftlichen Kosten der Gewalt sind enorm", sagt Pais. Nur ein Beispiel: Nach Angaben der Europäischen Union kostet allein der Kampf gegen häusliche Gewalt, auch gegen Kinder, jährlich 16 Milliarden Euro. Es sei viel besser, in präventive Maßnahmen zu investieren - Studien haben laut Pais gezeigt, dass hier jeder Euro eine soziale Rendite von 87 Euro bringt.

Trotz Millionen minderjähriger Gewaltopfer sieht Pais in den vergangenen Jahren Fortschritte. So sei das Bewusstsein für das Problem gestiegen. Und Verantwortliche stünden "unter größerem Druck der Öffentlichkeit". Beispiele für positive Entwicklungen finden sich laut Pais in Norwegen und den USA, wo große Kampagnen gegen Mobbing in der Schule laufen. In Brasilien steht ein Gesetz kurz vor der Verabschiedung, das Gewalt gegen Kinder in jeglicher Form ächtet. Und in Indien gibt es seit 2010 ein Gesetz, wonach alle Kinder das Recht auf kostenlose Bildung haben und Bestrafung durch Gewalt verboten ist.

Allerdings warnt Pais: Gesetze machten es Kindern einfacher, sich zu wehren - "aber sie reichen nicht". Die Regelungen müssten auch umgesetzt, Kinder informiert werden, an wen sie sich wenden können. "Es braucht eine Weile, bis sich die Geisteshaltung einer Gesellschaft ändert."

*Name geändert

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 328 Beiträge
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Seite 1
michaelzen 30.06.2011
1. Gewalt Gegen Kinder
Deutschland Ist Eindeutig Ein Kinder Unfreundliches Land! Die Entwicklung Der Bevoelkerungszahlen Beweisen Dies. Es Wird Mehr Geld Fuer Hunde Und Katzen Futter Ausgegeben Als Fuer Kinder Lebensmittel. Auto , Urlaub Und Sex Reisen Nach Thailand Sin Die Prioritaet , Es Ist Eine Grosse Schande Fuer Ein Land Das Gerne Ueber Wirtschaftliche Erfolge Prahlt !
indosolar 30.06.2011
2. Gewalt gegen Kinder ist nicht hinnehmbar!
Aber dieser Satz: "Jugendämter nahmen 33.700 Kinder in Obhut - ein Plus von 30 Prozent gegenüber 2004" hat nichts mit zunehmder Gewalt zu tun, sondern mit der Art deutscher Jugendämter, so auch gewaltfreie Familienkonflikte zu lösen. Gerade die Inobhutnahmepraxis deutscher Jugendämter ist zu einem signifikanten Prozentsatz eine Fall staatlicher Kriminalität und Gewalt gegen Kinder, mit der sich die Jugendämter in vorauseilender Aktion iher Verantwortung für das Wohl von Kindern und Familien entledigen. Mein Kind wurde 2008 völlig unbegründet in Obhut genommen und leidet bis heute an der durch die Inobhutnahme entstandenen Traumatisierung. Zur damaligen Zeit waren in der Inobhutnahmestelle sogar zwei Elternpaare, die gemeinsam versuchten, ihr Kind aus der Inobhutnahme zu befreien und denen dies es erst nach längeren gerichtlichen Auseinandersetzungen gelang. Nicht selten wird von einem Elternteil versucht, im Trennungskonflikt das Kind zu entziehen. Durch ungerechtfertigte Inobhutnahmen und privaten wie staatlichen Missbrauches der Gewaltschutzgesetze wird es Eltern und hier insbesondere Vätern nahezu unmöglich gemacht, dies zu verhindern. Ich möchte einfach mal behaupten, dass die Inobhutnahmen ihren Anstieg auch dem rechtsfreien Raum staatlichen Gewaltmissbrauches durch Jugendämter und frauenpolitischer Instrumentalisierung von durchaus vorkommender Gewalt haben. Inobhutnahmen sind zu einem nicht geringen Prozentsatz nicht Folge von Gewalt, sondern brutalste staatliche Gewaltanwendung gegen Kinder, darüber darf Unicef einmal nachdenken!!
altebanane 30.06.2011
3. Ich bin wieder blond
"Eines von fünf Kindern wird Opfer sexueller Übergriffe. ... obwohl Experten davon ausgehen, dass nur in jedem zehnten Fall das Jugendamt informiert wird. " Also 20 von hundert Kindern * 10, sind also 200% aller Kinder Opfer oder wie. Das ist mir zu hoch.
odessu 30.06.2011
4. Einfach nur peinlich
wie wir uns Gedanken über Stuttgart 21, Hartz IV Sätze, EHEC usw machen wärend weltweit Kinder die das höchste Gut unserer Gesellschaft darstellen leiden müssen. Wievielen Kindern hätte man eigentlich mit dem Geld was man den Banken gegeben hat und in Rüstungspolitik steckt ein besseres sogar gutes Leben ohne Gewalt, Hunger und Schulbildung ermöglichen können? Wir sind doch alle zusammen Barbaren. Einfach nur peinlich.
leser_81 30.06.2011
5. Mnn Rechenfehler
Zitat von altebanane"Eines von fünf Kindern wird Opfer sexueller Übergriffe. ... obwohl Experten davon ausgehen, dass nur in jedem zehnten Fall das Jugendamt informiert wird. " Also 20 von hundert Kindern * 10, sind also 200% aller Kinder Opfer oder wie. Das ist mir zu hoch.
ist mir auch aufgefallen ;- ) Da stimmte doch was nicht mit der Rechung !
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