Zufriedenheit der Deutschen Der Westen lacht, der Osten schmollt

Die Deutschen sind so glücklich wie nie - das zumindest besagt der neue Glücksatlas. Und: mit zunehmender Toleranz steige auch das Wohlbefinden. Doch lässt sich das tatsächlich so sagen?

Glücksatlas
Deutsche Post

Glücksatlas

Von Juri Auel


Wo leben die glücklichsten Deutschen? Was ist ihr Geheimnis? Und wie wirkt sich die Flüchtlingskrise auf den Gemütszustand der Nation aus? Das sind Fragen, die interessieren, und wer Antworten zu bieten hat, kann sich einer großen Aufmerksamkeit sicher sein.

Die Deutsche Post weiß um die Attraktivität des Glücks und so finanziert sie Jahr für Jahr eine Erhebung namens Glücksatlas. Ein Hauptergebnis vorweg: Glaubt man dem Report, dann fühlen wir Deutschen uns so gut wie seit sechs Jahren nicht mehr - allem Gerede über Terrorangst und Flüchtlingschaos zum Trotz. Auf einer Skala von null bis zehn liegt die gefühlte Zufriedenheit der Bevölkerung gerade bei 7,11 Punkten - das sind 0,09 Punkte mehr als vor einem Jahr.

Der jährlich erscheinende Bericht hat jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt. In diesem Jahr versuchten die Experten herauszufinden, wie sich die "kulturelle Vielfalt" des Landes auf das Glücksgefühl der Deutschen auswirkt.

Die Autoren der Studie stützen sich auf verschiedene Umfragen, die sich unter anderem um Themen wie Einkommen, Gesundheit und persönliches Glücksempfinden drehen. Darunter sind zum einen Erkenntnisse aus einer großen Dauerstudie, dem sogenannten Sozio-ökonomischen Panel. Mit knapp 30.000 Befragten gelten diese Daten als wissenschaftlich solide, genau wie die Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage mit gut 5800 Teilnehmern, die ebenfalls in die Berechnung der Glückspunkte einfließt.

"An der unteren Grenze der Repräsentativität"

Anders sieht es allerdings bei der Umfrage aus, die sich damit beschäftigt, wie sich das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft auf unser Glücksempfinden auswirkt. Die Befragten gaben dafür an, wie sie sich selbst einschätzten: Von "wenig tolerant" bis "besonders tolerant".

Die Studie ergab, dass 38 Prozent der Befragten, die sich selbst als "besonders tolerant" bezeichneten, auf der Zufriedenheitsskala eine Neun oder Zehn angaben. Bei denjenigen, die sich als "wenig tolerant" einschätzten, seien es nur 16 Prozent gewesen. "Je toleranter ein Mensch ist, desto zufriedener ist er in seinem Leben", schlussfolgern die Autoren.

Das Problem: Es muss davon ausgegangen werden, dass die Einschätzungen der eigenen Toleranz auch danach gewählt wurden, wie sie sozial erwünscht sind - auch wenn sie womöglich nicht den Tatsachen entsprechen.

Und: Bei der Umfrage machten lediglich 1001 Personen mit. Damit sei die Erhebung "an der unteren Grenze der Repräsentativität", sagt Alexander Thumfart, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Erfurt. Die gestellten Fragen seien außerdem "zu unterkomplex", zu einfach gestrickt also. Der Sinnzusammenhang zwischen "tolerant sein und zufrieden sein" ließe sich nicht so einfach herstellen. Anders gesagt: Auch wenn ein statistischer Zusammenhang festgestellt wird, kann daraus keine allgemeingültige Erkenntnis abgeleitet werden. Ob tolerante Menschen immer zufriedener sind als intolerante, bleibt offen.

Die Ergebnisse, die sich mit der Toleranz der Befragten beschäftigen, sind also mit Vorsicht zu genießen. Dennoch kann der Glücksatlas helfen, sich einen vorsichtigen Überblick über die Stimmung im Land zu verschaffen.

Die glücklichsten Deutschen leben nach wie vor in Schleswig-Holstein. Unter 19 Regionen landete das Bundesland zum vierten Mal in Folge mit einem Wert von 7,41 auf der Glücksskala ganz vorn, gefolgt von Franken und der Region Niedersachsen/Nordsee. Am Ende liegt erneut Mecklenburg-Vorpommern mit einem Wert von 6,77.

Regionale Lebenszufriedenheit in Deutschland

Rang 2016 Rang 2015 Region Glücksindex 2016 Glücksindex 2015
1 (1) Schleswig-Holstein 7,41 7,36
2 (5) Franken 7,22 7,14
3 (3) Niedersachsen / Nordsee 7,22 7,17
4 (2) Baden 7,21 7,22
5 (6) Hessen 7,20 7,13
6 (4) Hamburg 7,20 7,14
7 (12) Nordrhein / Köln 7,18 7,07
8 (10) Bayern-Süd 7,17 7,07
9 (7) Württemberg 7,15 7,12
10 (9) Niedersachsen / Hannover 7,14 7,08
11 (11) Westfalen 7,12 7,07
12 (8) Nordrhein / Düsseldorf 7,09 7,11
13 (13) Rheinland-Pfalz / Saarland 7,08 7,05
14 (16) Thüringen 6,94 6,80
15 (15) Sachsen 6,88 6,82
16 (14) Berlin 6,85 6,89
17 (17) Brandenburg 6,80 6,76
18 (18) Sachsen-Anhalt 6,78 6,69
19 (19) Mecklenburg- Vorpommern 6,77 6,67

Quelle: Deutsche Post Glücksatlas 2016

Nachdem sich die subjektive Zufriedenheit der Menschen in Ost- und Westdeutschland in den letzten Jahren angenähert hatte, driftet sie nun wieder leicht auseinander. Während im Westen das Stimmungsbarometer im Durchschnitt stieg und jetzt 7,16 Punkte erreicht, verschlechterte sich die Stimmung im Osten der Republik. Im Schnitt kommt die Region lediglich auf 6,88 Punkte. Warum das so ist, können sich die Forscher nicht erklären, zumal sie darauf hinwiesen, dass die Arbeitslosigkeit im Osten zuletzt stärker gesunken ist als im Westen.

Im europaweiten Vergleich landet Deutschland auf dem neunten Rang und verbessert sich somit um einen Platz. Ungeschlagen an der Spitze bleibt Dänemark, in Griechenland ist die Stimmung am schlechtesten.

Lebenszufriedenheit in Europa

Rang 2015 Rang 2014 Land Glücks-
index 2015
2014 2010 2005
1 (1) Dänemark 9,0 8,9 8,8 8,8
2 (3) Niederlande 8,2 8,1 8,2 8,1
3 (2) Schweden 8,1 8,3 8,1 8,1
4 (5) Großbritannien 7,8 7,7 7,6 7,3
5 (9) Irland 7,8 7,4 7,2 7,5
6 (4) Luxemburg 7,7 7,8 7,8 8,1
7 (6) Finnland 7,7 7,7 7,6 7,6
8 (7) Malta 7,5 7,5 6,5 6,9
9 (10) Deutschland 7,4 7,3 6,8 6,6
10 (8) Belgien 7,2 7,4 7,2 7,2
11 (11) Österreich 7,0 7,3 6,8 6,8
12 (14) Slowenien 6,9 6,7 6,8 7,0
13 (13) Frankreich 6,8 6,8 6,6 6,5
14 (12) Zypern 6,8 6,8 6,9 7,2
EU 6,7 6,5 6,4 6,6
15 (15) Tschechien 6,6 6,4 6,3 6,4
16 (16) Polen 6,4 6,3 6,3 5,8
17 (19) Spanien 6,4 6,1 6,2 6,7
18 (18) Estland 6,3 6,2 5,9 5,7
19 (22) Litauen 6,2 5,8 5,0 5,1
20 (23) Kroatien 6,1 5,8 5,8 5,9
21 (21) Lettland 6,0 5,8 5,3 5,4
22 (20) Slowakei 6,0 6,0 6,2 5,5
23 (25) Ungarn 5,6 5,1 4,7 5,1
24 (17) Türkei 5,6 6,2 5,7 6,3
25 (24) Italien 5,5 5,1 5,8 6,1
26 - Albanien 5,5 - - -
27 - Montenegro 5,4 - - -
28 (27) Rumänien 5,2 4,7 4,1 4,6
29 - Mazedonien 5,1 - 5,0 -
30 (28) Portugal 5,1 4,2 4,4 5,0
31 (26) Serbien 4,5 4,9 - -
32 (29) Bulgarien 4,4 4,0 3,9 3,4
33 (30) Griechenland 4,0 4,0 4,3 5,6

Quelle: Deutsche Post Glücksatlas 2016

Die Umfrage bestätigt zudem alte Gewissheiten: Während 70 Prozent der Menschen im Westen es gut finden, dass Deutschland durch die Einwanderung vielfältiger wird, sind es im Osten nur 56 Prozent.

Dabei zeigt sich, dass der persönliche Kontakt ausschlaggebend ist. Während 88 Prozent der Westdeutschen angeben, persönlich Kontakt zu Zugewanderten zu haben, sind es im Osten nur 62 Prozent.

Zwei Drittel der Gesamtbevölkerung finden es gut, dass Deutschland durch die Zuwanderung vielfältiger wird. Und fast genauso viele, nämlich 65 Prozent, empfinden Einwanderung als persönliche Bereicherung.

Dennoch fällt das Urteil über das Gelingen von Integration eher nüchtern aus. So meint lediglich etwa die Hälfte der Befragten, das Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern habe bisher alles in allem gut funktioniert. 44 Prozent sehen das nicht so, im Osten sind es sogar 58 Prozent.

Glücklich sind die Deutschen vor allem, wenn sie gesund sind. Religiosität landet hingegen nur auf Platz zehn der Glücklichmacher. Der Tod eines Partners, soziale Isolation und Arbeitslosigkeit sind hingegen neben Krankheiten die größten Glückshemmer.

Interessant sind zudem die Erhebungen zum Elternglück: Zwar wächst das Glücksempfinden bei beiden Geschlechtern mit jedem Kind, allerdings sind die Mütter dabei stets glücklicher als die Väter.

Mit Material von dpa und AFP



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