Drogendealer in Berlin-Kreuzberg Kampf um den Görlitzer Park

Was haben die Behörden nicht alles versucht, um den Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg zu befrieden. Der Erfolg blieb aus: Es kommt weiter zu Gewalttaten, Dealer prägen das Bild. Nun kam es zu einer neuen Eskalation.

Von Vivian Alterauge, und (Videos)


Berlin - Es genügt ein Blick. Aufschauen heißt: potenzieller Käufer. Zu Boden blicken: Lass mich in Ruhe. Eine Kommunikation ohne Worte, die hier, im Görlitzer Park, inzwischen jeder beherrscht. Es ist Mittwochnachmittag, als die Polizei einen Jugendlichen abführt, auch das keine ungewöhnliche Szene mehr am Görli, wie die Berliner den Park nennen.

Gedealt wird in Kreuzberg seit Jahren. Ebenfalls seit Jahren kommt es immer wieder zu Zwischenfällen im Park. Überfälle, auch Vergewaltigungen soll es gegeben haben. Anfang des Jahres gruben Kinder beim Spielen Drogen aus dem Sand. Der Park wird zusehends vermüllt.

Was hat man nicht alles versucht? Mit Flohmärkten, Picknicken und Musikauftritten erhofften sich die Anwohner, Aufmerksamkeit auf die Situation zu lenken. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann schlug vor, einen Coffeeshop von öffentlicher Hand zu eröffnen. Und somit den Drogenhandel selbst zu kontrollieren. Vor ein paar Wochen verteilte die Polizei zweisprachige Flyer, englisch und deutsch. Darin warnten sie davor, beim Drogenkauf ausgeraubt zu werden.

Selten zeigten sich Behörden so liberal-kreativ, um einen Brennpunkt zu befrieden. Nur: Es hat nichts geholfen, die Situation verschlechterte sich Monat für Monat.

Tägliche Anrufe bei der Polizei

Die Händler stehen nicht nur im Park, nicht nur unter der U-Bahn-Brücke, sie stehen vor Cafés, vor Spätis, vor Kneipen. Ladenbesitzer erzählen von den Dealern vor ihren Läden, dass sie dort Drogen bunkern, Gäste beleidigen, sie bedrohen.

Einer hat nun offenbar zur Selbstjustiz gegriffen: In der Nacht auf Sonntag stach ein Wirt zwei Jugendliche vor seiner Bar nieder. Während die Polizei den Tatort sicherte, ein Krankenwagen die Jugendlichen notversorgte, tauchte eine Gruppe von jungen Männern auf, störte laut Polizeibericht die Arbeit der Beamten und Sanitäter. Um neun Uhr kamen sie wieder, zerstörten Fenster, warfen Möbel auf die Straße. Gegen 14 Uhr zündeten sie im Lokal Polstermöbel an. Nun ermittelt die Mordkommission gegen den Wirt, dazu wegen Landfriedensbruch und versuchter schwere Brandstiftung gegen mehrere Verdächtige.

Beinahe siebzigmal hatte der Wirt laut Berichten der "taz" die Polizei in den vergangenen Wochen angerufen. Das bestätigte Thorsten Neuendorf, Sprecher der Berliner Polizei. Jedes Mal eine Anzeige. Eine Funkstreife. Keine Dealer vor Ort. Sie haben offenbar ein Warnsystem entwickelt, noch bevor die Polizei eintrifft, sind sie verschwunden.

Auch der Besitzer des benachbarten Restaurants Hannibal, Senol Cacan, beschwerte sich in den letzten Monaten beinahe täglich bei der Polizei. Die konnte ihm bislang allerdings ebenfalls nicht helfen.

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Im Görli, wo die Dealer an jedem Eingang warten, durch den Park radeln und nach Käufern Ausschau halten, kreuzen Kindergartengruppen ihren Weg. Durch ein hölzernes Tor gelangen die Kleinen auf einen Stadtbauernhof. Schafe, Hühner, brauner Matsch unter den Füßen, während hinter dem Zaun gedealt wird. Claudia Hiesl, die Leiterin des Bauernhofs, hat immer häufiger mit besorgten Eltern zu tun.

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Mehr als einmal täglich rückte die Polizei nach eigenen Angaben in diesem Jahr aus. Dreimal so häufig wie noch im Jahr 2013. Im Mai gründete sich die Soko "Görli". Doch die Ermittler beklagten, nicht genug Unterstützung von Landeskriminalamt und Polizeipräsidium zu bekommen. Anfang November löste sich die Soko auf. "Man muss erkennen, dass all diese Maßnahmen nicht die Wirkung erzielten, die wir uns erhofft haben", erklärt der Polizeisprecher. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann sprach in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" von organisierter Kriminalität. "Für die aktuellen Probleme hat der Bezirk allein keine Lösung."

Dienstag kündigte Innensenator Frank Henkel an, eine Task Force einzuberufen. Mit dem Polizeipräsidenten, der Ausländerbehörde, Justizverwaltung, dem Bezirksamt und der Staatsanwaltschaft. Der nächste Versuch.

Anwohner sagen, mit den steigenden Flüchtlingszahlen in Kreuzberg sei auch die Zahl der Dealer gestiegen. Viele der Männer im Görlitzer Park sind Westafrikaner, mutmaßlich Flüchtlinge. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit Drogen.

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Die Anwohner des Hauses, vor dem die Flüchtlinge niedergestochen wurden, sind beunruhigt, wollen sich nicht offen äußern. Niemand habe etwas dagegen, dass Flüchtlinge in Kreuzberg Schutz suchen. Und auch nicht, dass Anwohner und Touristen ihre Tüten rauchen. Doch haben sie Angst, irgendwann zwischen die Fronten zu geraten. Sie wünschen sich, dass die Situation sich endlich entspannt, fasst einer der Anwohner zusammen.

Ein halbes Dutzend Bewohner wollen dafür einstehen, dass der Görlitzer Park nicht mehr gemieden wird. Sie wollen den Drogenhandel nicht abschaffen, sondern appellieren an Respekt und Fairness, wie sie auf ihrer Seite schreiben. 2012 gründeten sie die Anwohnerinitiative Görlitzer Park. Sie wollten mit den anderen Bewohnern des Kiezes reden. Gemeinsam Lösungen finden. Im Juni luden sie zu einer Gesprächsrunde. 60 Menschen kamen, darunter 30 Gegner.

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Am Mittwochabend führte die Polizei eine weitere Razzia durch. 70 Beamte durchkämmten den Park, auch Spürhunde sollten Drogenverstecke wittern. Mobile Flutlichter, befestigt an Lkw, verdrängten die Dunkelheit. Weitere Einsätze sollen folgen. Sie geben den Park nicht auf, sie versuchen es weiter.



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