Waldbrände in Griechenland Das Inferno von Mati

Dutzende Menschen starben bei den verheerenden Bränden nahe Athen. Wurden die Anwohner im kleinen Ort Mati mit der Gefahr alleingelassen? Überlebende berichten.

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Aus Mati berichtet


Die Wände im Haus verrußt, die Baumstämme im Vorgarten verkohlt: Philippos steht inmitten der Trümmer auf seinem verbrannten Grundstück. Am Montag wurde es von dem katastrophalen Waldbrand getroffen, der in Mati wütete, einem kleinen Ortsteil rund 30 Kilometer östlich von Athen. Er sei dankbar, sagt Philippos, trotz all der Zerstörung. "Meine Frau und mein 17 Jahre alter Sohn sind hier lebend rausgekommen. Nur das zählt."

Mindestens 81 Menschen haben es nicht geschafft. Von so vielen Todesopfern gehen die Behörden zwei Tage nach den Waldbränden aus, die mittlerweile größtenteils unter Kontrolle sind. Mehrere Menschen werden allerdings noch vermisst, mehr als 180 wurden verletzt. Die Flammen zerstörten mindestens 1500 Häuser und 2000 Hektar Wald.

Philippos war bei der Arbeit in Athen, als er am Montagnachmittag die ersten Berichte über das Feuer hörte. "Ich rief meine Frau an. Im ersten Moment sagte sie mir, sie sehe keine Anzeichen eines Feuers in der Nähe. Kurz darauf brannte der Garten hinterm Haus."

Philippos
Giorgos Christides

Philippos

Philippos' Frau und sein Sohn entschieden sich, zu Fuß über eine Treppe zu dem kleinen Strand zu flüchten, der unter ihrem Haus liegt - ein Glücksfall. Denn die Straßen waren verstopft von panischen Anwohnern, viele starben in ihren Autos. Am Strand, neben der Taverne "Argira Akti", konnten sich Hunderte retten.

Die Klippe war zu steil

"Als ich zum Strand kam, suchte ich verzweifelt nach meiner Familie", sagt Philippos. "Ihre Handys waren im Wasser, der Strand war überfüllt und völlig verraucht, daher hat es einige Stunden gedauert, bis ich sie endlich fand."

Andere hatten weniger Glück: 26 Menschen starben direkt neben dem Haus von Philippos. Sie wurden von den Flammen eingeschlossen und konnten die Treppe zum Strand nicht erreichen. Die Klippe war zu steil und zu tief, um zu springen. Rettungskräfte fanden die Leichen am Dienstag, einige von ihnen lagen sich in den Armen.

Der Geruch von verbranntem Holz liegt schon zwei Kilometer vor Mati in der Luft. Entlang des Weges in den Ort: verkohlte Felder, ausgebrannte Autos und Gebäude.

In der Nacht zu Mittwoch liegt eine gespenstische Stille über Mati. Nur die Taschenlampen der Feuerwehrleute durchbrechen die Dunkelheit. Die Einsatzkräfte gehen von Tür zu Tür und suchen nach Überlebenden - und Toten. "Es werden noch so viele Menschen vermisst. Wir müssen unser Bestes geben, sie zu finden", sagt ein Feuerwehrmann.

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Griechenland: Inferno in Mati

Auch Sabi Kissov ist ein Überlebender. Der Pfleger kümmert sich um eine 73-jährige Französin, die in Mati lebt. Als die Flammen am Montagnachmittag näher kamen, wollte er mit der alten Dame im Auto fliehen, aber die Straße war dicht. Sie sprangen aus dem Wagen, liefen zum Strand und gingen ins Wasser.

"Der Rauch war das Schlimmste"

Im Meer hielten sie sich an einem kleinen Felsen fest. "Der Rauch war das Schlimmste", sagt Kissov. "Wir konnten kaum atmen. Immer wenn die Flammen in unsere Richtung züngelten, tauchten wir die Köpfe unter und beteten." Fünf Stunden hätten sie im Wasser ausgeharrt. "Ein Fischerboot hat uns gegen 23.30 Uhr eingesammelt. Es ist ein Wunder, dass wir gerettet wurden."

Am Mittwochmorgen sind nur wenige Anwohner nach Mati zurückgekehrt. Fast jeder hat hier Familienmitglieder oder Nachbarn verloren. Der Ort wirkt wie eine Geisterstadt, die Stromversorgung ist unterbrochen.

Viele Nationen haben ihre Hilfe angeboten. Bei der griechischen Botschaft in Berlin gingen einer Sprecherin zufolge zahlreiche Anrufe und Nachrichten ein. "Viele wollen mit Geld und Lebensmitteln helfen", sagt die Sprecherin. "Die Deutschen zeigen großes Mitgefühl."

In Griechenland gibt es oft Waldbrände, dennoch gilt die Ausrüstung der Feuerwehr als unzureichend und veraltet. Mehrere Überlebende sagten im Gespräch mit dem SPIEGEL, sie hätten keine Instruktionen für den Ernstfall bekommen. Es gebe keine Übungen für Anwohner, keine präventiven Maßnahmen.

In Griechenland suchen viele nun nach Schuldigen. War der Staat schlecht vorbereitet? Hätte die Regierung schneller reagieren müssen? Hätte man angesichts der Brandgefahr evakuieren sollen?

Die Griechen verlangen Antworten auf diese Fragen. In Mati zeigen sich die Anwohner am Mittwochvormittag aber nicht wütend. Zunächst müssen sie ihre Wunden heilen. Und um die Toten trauern.

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