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Großrazzia: Hunderte Beamte durchsuchen Flatrate-Bordelle

Sogenannte Flatrate-Bordelle sind Ziel einer polizeilichen Großaktion: Mehrere hundert Beamte durchsuchten am Sonntag Sexclubs in vier deutschen Orten, darunter auch ein in die Kritik geratenes Bordell in Fellbach bei Stuttgart.

Fellbach/Heidelberg - Es geht um viel Sex für wenig Geld - und um die Frage, ob das, was in den Flatrate-Bordellen einer gebürtigen Rumänin geschieht, mit der Menschenwürde vereinbar ist. Durchsucht wurden Bordelle in Schönefeld bei Berlin, Fellbach bei Stuttgart, Heidelberg und Wuppertal.

Die Razzia ist offenbar der nächste Schritt in einer seit Wochen andauernden Auseinandersetzung zwischen einer Bordellbetreiberin auf der einen und Politik und Justiz auf der anderen Seite. Die "Pussy Clubs" in den genannten Orten bieten nämlich etwas, das Frauenrechtlerinnen, Lokalpolitiker und andere derzeit in Sorge und Wut versetzt: Flatrate-Sex.

Die "Pussy Clubs" werben mit den Schlagwort "alles inklusive": Für tagsüber 70, abends 100 Euro sollen Freier in den Bordellen so oft Sex haben können, wie sie wollen, auch mit mehreren Frauen. Zusätzlich sollen Getränke, Essen und die Benutzung von Wellness-Anlegen im Preis inbegriffen sein. Kritiker sehen hier ein menschenunwürdiges Modell: Eine Gruppe von Fellbachern beispielsweise spricht in einem offenen Brief an Baden-Württembergs Ministerpräsident Günter Oettinger, Bundeskanzlerin Angela Merkel und eine ganze Reihe anderer hochrangiger Politiker von einer "menschenunwürdigen, frauenverachtenden Geschäftspraxis". Der Fellbacher Oberbürgermeister Christoph Palm nennt das Modell einen "eklatanten Verstoß gegen die Menschenwürde".

Nach SPIEGEL-Informationen will auch das Land Baden-Württemberg gegen die Flatrate-Bordelle in Heidelberg und Fellbach vorgehen. "Wenn man deren Werbung ernst nimmt, ist von einem Verstoß gegen die Menschenwürde der dort arbeitenden Prostituierten auszugehen", so Justizminister Ulrich Goll (FDP). Aus seiner Sicht sei "das Selbstbestimmungsrecht der Frauen verletzt"; damit liege auch "eine Störung der öffentlichen Sicherheit vor", die Polizei und Ordnungsbehörden zum Einschreiten zwinge.

Bordellbetreiberin Patricia Floreiu dagegen findet, ihr Geschäftsmodell biete den Frauen mehr Sicherheit und reduziere den Konkurrenzdruck. Ihre Angestellten haben in einem Brief an Bürgermeister Palm sogar gefordert, er solle für sie nicht den Helden spielen: "Sie brauchen uns nicht zu bevormunden."

Bordellchefin Foreiu verweist ihrerseits in einem offenen Brief auf der Web-Seite ihres Unternehmens darauf, dass ihre Häuser nicht die einzigen mit derartigen Angeboten seien: "Ich war eine der Ersten, die das Konzept angeboten hat, bin aber lange nicht mehr die Einzige in der Branche." Das Konzept habe sich "längst etabliert und bewiesen". Das wertet sie als Argument gegen die Vorwürfe ihrer Kritiker: "Ohne die Akzeptanz der Damen wäre es soweit gar nicht gekommen."

Nun versuchen Polizei und Justiz Beweise für die Unrechtmäßigkeit des Flatrate-Geschäftsmodells zu finden. Bei den Großrazzien wurden wurden sämtliche Mitarbeiter, Prostituierte und Kunden der vier Bordelle kontrolliert, wie ein Sprecher der Polizeidirektion Waiblingen mitteilte. Die Aktion beruhe auf dem Verdacht, dass die Bordellbetreiber Beiträge zur Sozialversicherung hinterzogen hätten und ohne Genehmigung ausländische Prostituierte beschäftigen.

An der Aktion waren den Angaben zufolge die Polizei, Staatsanwaltschaften, der Zoll sowie andere Überwachungsbehörden beteiligt. Auch die Gaststätten-, Gewerbe- und Gesundheitsaufsicht schickten Beamte. Sie gingen konkreten Hinweisen nach, nach denen es in den Bordellen hygienische Missstände geben soll. Die Koordination der Durchsuchungen erfolgt durch die Polizei in Waiblingen.

cis/dpa

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