Gute Mütter, schlechte Mütter "Unsere Kinder sollen Superkinder sein"

Die US-Autorin Ayelet Waldman ist umstritten: Behauptete sie doch, ihren Mann mehr zu lieben als ihre vier Kinder. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über Michelle Obama, Heimchen am Herd und die hohe Kunst, keine perfekte Mutter sein zu wollen.


SPIEGEL ONLINE: Mrs. Waldman, Kinder in die Welt zu setzen und vernünftig zu erziehen scheint eine besondere Herausforderung unserer Zeit zu sein. In Ihrem neuen Buch "Bad Mother" behaupten Sie, vor allem Frauen seien von der Idee besessen, in der Elternrolle zu versagen. Warum gerade Frauen?

Autorin Waldman: "Viele Stay-at-home-Mütter sind latent depressiv und verbittert"
Stephanie Rausser

Autorin Waldman: "Viele Stay-at-home-Mütter sind latent depressiv und verbittert"

Ayelet Waldman: Frauen verlangen mehr von sich als Väter, weil sie auf den Mythos der "guten Mutter" fixiert sind und perfekt sein wollen.

SPIEGEL ONLINE: Männer dagegen müssen, wie Sie sagen, nur pünktlich zur Schulaufführung erscheinen, um als "gute Väter" zu gelten. Warum messen wir im 21. Jahrhundert immer noch mit zweierlei Maß?

Waldman: Ich glaube, in dieser Hinsicht hat sich die Gesellschaft nicht nur nicht zum Positiven verändert, es ist sogar schlimmer geworden. Frauen meiner Generation - ich bin Anfang vierzig - wurden von Müttern erzogen, die von der Emanzipation geprägt waren und uns diese Ideen vermittelt haben. Als kleine Mädchen haben wir also nicht davon geträumt, eine tolle Mami oder Hausfrau zu werden, sondern Feuerwehrfrau, Anwältin oder Ärztin. Doch beim Eintritt ins Berufsleben mussten wir feststellen, dass sich die Gesellschaft nicht so schnell verändert hatte wie wir.

SPIEGEL ONLINE: Und so bleibt es im Kern für Frauen bei der Entscheidung Kind oder Karriere?

Waldman: Es ist für Frauen extrem schwer, beruflich ambitioniert zu bleiben und sich gleichzeitig im Privatleben zu verwirklichen. Wenn wir karriereorientierten Frauen diesen Teil unserer Identität hintanstellen, dann wollen wir wenigstens, dass sich das Opfer auch lohnt. Unsere Kinder sollen also Superkinder sein - nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch um unseretwillen.

SPIEGEL ONLINE: Und das kulminiert im schlimmsten Fall ...

Waldman: ... in einem toxischen Neurosencocktail. Wir drängen unsere Kinder hysterisch dazu, ein "Erfolg" zu sein und kontrollieren gleichzeitig jedes Löffelchen Nahrung, dass sie zu sich nehmen. Sind auch keine Schadstoffe im Brot, keine Antibiotika in der Milch?

SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Jahren schrieb eine deutsche Nachrichtensprecherin einen Bestseller, in dem sie nahe legte, dass berufstätige Frauen per se unglücklich seien, weil die Karriere kaum ein glückliches Familienleben zulasse. Sie empfahl Frauen, sich auf die Kinder zu konzentrieren - die Gesellschaft solle aufhören, Hausfrauen herabzuwürdigen. Können Sie diese Argumentation nachvollziehen?

Waldman: Natürlich kann man sagen "Ich gebe auf und verlege mich für den Rest meiner Tage aufs Stricken." Eine andere, weniger deprimierende Antwort auf das Dilemma Kind und/oder Karriere könnte sein, die Arbeitsbedingungen zu optimieren, so dass Menschen beides vereinbaren können. Ich bin sicher, dass es Frauen gibt, die zu Hause bleiben und damit vollauf zufrieden sind. Aber die meisten "Stay at home"-Mütter, die ich kenne, sind latent depressiv und verbittert. Das ist auch die Ursache vieler Eheprobleme.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst preisen Ihren Ehemann, Pulitzerpreisträger Michael Chabon, weil er sich im selben Maß wie Sie bei der Erziehung Ihrer vier Kinder engagiert.

Waldman: Wir hatten Glück, weil er einen Beruf hat, der es ihm erlaubte, zu Hause zu bleiben, als die Kinder klein waren. Nachts konnte er arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gaben Sie Ihren Beruf auf - Sie waren eine profilierte Anwältin mit Harvard-Abschluss -, um sich um das Kind zu kümmern. Nach einer Woche waren Sie, wie Sie schreiben, "gelangweilt und unglücklich". Warum haben Sie's dann gemacht?

Waldman: Ich war eifersüchtig, weil Michael so viel Zeit mit unserer Tochter verbringen konnte - und sie mit ihm. Die beiden schienen da ein sehr nettes Leben zu haben, geradezu bukolisch. Und ich hatte es satt, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten. Trotzdem verstehe ich selbst nicht, warum ich damals so entschied. Wenn ich das Schreiben nicht entdeckt hätte, wäre ich zweifelsohne wieder in meinen Beruf zurückgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihren Erfahrungen sind es vor allem Mütter, die es - auch im Alltag - anderen Müttern schwer machen, die mäkeln und kritisieren.

Waldman: Absolut. Ich bin noch nie auf offener Straße von einem Mann kritisiert worden, weil ich mit den Kindern etwas falsch gemacht hätte, so was machen nur Frauen. Ich glaube, wir Mütter sind so geplagt von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, dass wir uns besser fühlen, wenn wir andere Mütter abmahnen können.

SPIEGEL ONLINE: Berühmt wurden Sie durch einen Zeitungsartikel, in dem Sie behaupteten, Sie liebten Ihren Mann mehr als Ihre Kinder. Sie wollten damit die Bedeutung einer erfüllten Partnerschaft bei der Kindererziehung betonen, wurden daraufhin jedoch als schlechte Mutter geradezu verteufelt. Bereuen Sie Ihre Äußerung?

Waldman: Nein, sie hat ja eine lebhafte Debatte angestoßen. Und wir beide diskutierten sicher nicht über "Bad Mother", wenn ich jenen Satz nie geschrieben hätte. Auf die Hass-E-Mails hätte ich allerdings verzichten können. Ich habe zwar ein großes Mundwerk, aber ich bin eben auch ganz schön sensibel.

SPIEGEL ONLINE: Umso mehr Überwindung muss es Sie gekostet haben, zum Beispiel über Ihre Abtreibung zu schreiben, wie Sie es in "Bad Mother" tun.

Waldman: Ich hatte das Gefühl, kein ehrliches Buch schreiben zu können, wenn ich das ausließe. Aber es war wirklich furchtbar. Vor allem macht es mir Angst, dass ich meine Kinder vielleicht einer Gefahr ausgesetzt habe - Anti-Abtreibungsfanatikern hier in Amerika ist alles zuzutrauen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Michelle Obama ist eine eben jener Übermütter ins Weiße Haus eingezogen, die Ihrer Ansicht nach dazu beitragen, dass sich normale Frauen an einem unerreichbaren Ideal orientieren - ist die neue First Lady nun Fluch oder Segen?

Waldman: Mein Mann und ich waren neulich im Weißen Haus eingeladen. Ich schenkte Michelle Obama ein Buch. Die Widmung lautete: "Danke, dass Sie uns alle so schlecht aussehen lassen."


Ayelet Waldman: Bad Mother. A Chronicle of Maternal Crimes, Minor Calamities, and Occasional Moments of Grace. Doubleday. New York, 2009; 224 Seiten; 17,85 Euro

Das Interview führte Patricia Dreyer



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
ChristianBW, 14.07.2009
1. Hinterm Zaun....
Zitat "Waldman: Ich war eifersüchtig, weil Michael so viel Zeit mit unserer Tochter verbringen konnte - und sie mit ihm. Die beiden schienen da ein sehr nettes Leben zu haben, geradezu bukolisch. Und ich hatte es satt, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten". Dieser Satz ist schon kennzeichnend: Man könnte überspitzt formuliert sagen: Mit Nichts zufrieden oder hinterm Zaun des Nachbarn ist es immer schöner. Ansonsten netter Artikel, aber keine wesentlichen neuen Erkenntnisse. Wobei das Ehepaar wohl eher priviligiert ist (Einkommen, Bildung) und vermutlich nicht die US-Durchschnittsfamilie und ihre Problme repräsentiert.
heinrichp 14.07.2009
2. Vertrauen
Zitat von sysopDie US-Autorin Ayelet Waldman ist umstritten: Behauptete sie doch, ihren Mann mehr zu lieben als ihre vier Kinder. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über Michelle Obama, Heimchen am Herd und die hohe Kunst, keine perfekte Mutter sein zu wollen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,635057,00.html
Es sind Ängste bei der Erziehung der Kinder etwas falsch zu machen, Schuldgefühle die am Ende depressiv machen. Wir sind einfach überfordert, haben uns selbst überfordert. Was uns heute allen fehlt, ist das Vertrauen! Wir leben in einer noch viel größeren Welt, als wir gemeinhin annehmen. Und das ist vielen nicht mehr bewusst. http://kurie.com
nyclion17, 14.07.2009
3. Warum müssen Mütter Perfekt sein?
Ich glaube das Problem heutzutage im Wesentlichen ist folgendes: Früher waren die Eltern die „Sonne“ und die Kinder die „Planeten“ und heute sind die Kinder die Sonne und die Eltern kreisen um die Kinder um und daher vieles bzgl. der Partnerschaft bleibt auf die Strecke. Eltern haben sehr viele Hoffnung über ihre Kinder, oft unrealistische. Den Kindern wiederum kann es eine Last sein. Ganz akut ist es bei Einzelkindern weil die ganze Hoffnung der Eltern auf ein Kind lastet. Seid Jahren wird in USA den Kindern gepredigt: „You’re special“, “You’re talented”, “You’re gifted”, „You can grow up to be anything you want“, etc., etc., etc. ob es stimmt oder nicht. Die Kinder wachsen auf und denken sie sind der Mittelpunkt dieser Erde zusammen mit der Tatsache dass sie auch viele zu viel Zeit mit sog. „Bauchnabelbetrachtung“ verbringen. Und dann macht Junior die Erfahrung dass er/sie gar nicht so „spezial“ und „gifted“ ist und noch obendrein, the world doesn’t give a shit. Und dann kann er/sie nicht damit umgehen. Ich habe auch nie die Lust verspürt eine perfekte Mutter zu sein, was auch immer das ist. Ich habe meine Tochter alleine großgezogen, da wird man in allen Richtungen gezogen: Kind, Arbeitgeber, Haushalt, Garten, etc. Ich habe mein Bestes getan. Ja ich bin Mutter, habe aber auch mein eigenes Leben und auch andere Interessen außer Mami-sein. Ich habe keine Zeit für ein schlechtes Gewissen und für was? Weil ich nicht die Ideale die jemand anders auferlegt hat verkörpere? Meine Tochter ist mittlerweile knapp 17 und hat einen 2’er Schnitt auf dem Gymnasium. Sie weiß ganz genau dass ich von ihr folgendes erwarte: studieren und einen Beruf zu haben von dem sie sich selbst ernähren kann – auf Ehe und Erbschaft ist nun mal kein Verlass. Und außerdem ist es sehr wichtig fürs Selbstwertgefühl zu wissen dass man auf eigenen Beinen stehen kann und selbständig durchs Leben zu gehen. Aber ich erwarte nicht dass sie ein Superkind oder den nächsten female Einstein wird/ist.
camemberta 14.07.2009
4. ...
Ich habe vier Kinder, freiwillig, einfach, weil wir es toll finden mit Kindern, und da sowohl mein Mann als auch ich der Meinung sind, Eltern sollten selber erziehen, bin ich zu Hause geblieben. Ich hab auch studiert und möchte diese und die Erfahrung des darauf folgenden (kurzen) Berufslebens auch nicht missen - aber das macht weder mich noch meine Kinder aus. Dass das Kindergroßkriegen so schwierig sein soll, das weiß ich erst durch diese ganzen Bücher und Artikel. Meine Kinder bereichern mein Leben sicher sehr viel mehr, als es ein Beruf wohl gekonnt hätte, da es leider sehr wenige richtig gute "Karriere"-stellen gibt. Aber das gilt für mich, und wenn es andere Frauen anders empfinden, so sollen sie es anders machen. Aber es ist dann IHRE Entscheidung und eigentlich kein weiteres Buch nötig. Warum sollte ich als Frau mich schlecht fühlen, dass Michelle Obama die Überfliegerin ist? Wie viele freie Präsidentenehefrauen- oder Ministerinnen-Stellen gibt es denn? Bin ich mir so wenig wert, dass ich mich an anderen orientieren muss, um mich toll zu fühlen? Nein, ich schau mir meine Kinder an - und fühle mich toll, einfach, weil sie da sind und ich sie unendlich liebhabe! Es ist weder schlimm, Hausfrau zu sein (da schafft man sich durchaus eigene Nischen, Nebenjobs, Hobbys, wenn man nicht ganz auf den Kopf gefallen ist), noch ist es schlimm, beides zu machen (wie es im Übrigen auch die Altvorderen außer in den gehobensten Kreisen immer schon gemacht haben) noch dramatisch, wenn frau keine Kinder hat, wenn sie keine will. Schlimm ist aber, dass ständig darüber diskutiert wird, was frau nun wieder falsch macht. Hey, es geht um Kinder! Wir sind doch nicht die Ersten, die Kinder in die Welt setzen! (Aber die Ersten, die so ein Gewese drum machen.)
Betonia, 14.07.2009
5. *
Zitat von nyclion17Ich glaube das Problem heutzutage im Wesentlichen ist folgendes: Früher waren die Eltern die „Sonne“ und die Kinder die „Planeten“ und heute sind die Kinder die Sonne und die Eltern kreisen um die Kinder um und daher vieles bzgl. der Partnerschaft bleibt auf die Strecke. Eltern haben sehr viele Hoffnung über ihre Kinder, oft unrealistische. Den Kindern wiederum kann es eine Last sein. Ganz akut ist es bei Einzelkindern weil die ganze Hoffnung der Eltern auf ein Kind lastet. Seid Jahren wird in USA den Kindern gepredigt: „You’re special“, “You’re talented”, “You’re gifted”, „You can grow up to be anything you want“, etc., etc., etc. ob es stimmt oder nicht. Die Kinder wachsen auf und denken sie sind der Mittelpunkt dieser Erde zusammen mit der Tatsache dass sie auch viele zu viel Zeit mit sog. „Bauchnabelbetrachtung“ verbringen. Und dann macht Junior die Erfahrung dass er/sie gar nicht so „spezial“ und „gifted“ ist und noch obendrein, the world doesn’t give a shit. Und dann kann er/sie nicht damit umgehen. Ich habe auch nie die Lust verspürt eine perfekte Mutter zu sein, was auch immer das ist. Ich habe meine Tochter alleine großgezogen, da wird man in allen Richtungen gezogen: Kind, Arbeitgeber, Haushalt, Garten, etc. Ich habe mein Bestes getan. Ja ich bin Mutter, habe aber auch mein eigenes Leben und auch andere Interessen außer Mami-sein. Ich habe keine Zeit für ein schlechtes Gewissen und für was? Weil ich nicht die Ideale die jemand anders auferlegt hat verkörpere? Meine Tochter ist mittlerweile knapp 17 und hat einen 2’er Schnitt auf dem Gymnasium. Sie weiß ganz genau dass ich von ihr folgendes erwarte: studieren und einen Beruf zu haben von dem sie sich selbst ernähren kann – auf Ehe und Erbschaft ist nun mal kein Verlass. Und außerdem ist es sehr wichtig fürs Selbstwertgefühl zu wissen dass man auf eigenen Beinen stehen kann und selbständig durchs Leben zu gehen. Aber ich erwarte nicht dass sie ein Superkind oder den nächsten female Einstein wird/ist.
Gut beobachtet. Und das das heute so ist, tut den Kindern gar nicht gut. Sie vermissen die Orientierung. Auf das richtige Maß kommt es an, manche Kinder bekommen zuwenig Aufmerksamkeit und manche zuviel.
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