Gwyneth Paltrow über #MeToo "Immer noch nicht verarbeitet"

Gwyneth Paltrow beschuldigte Harvey Weinstein als eine der Ersten der sexuellen Belästigung. Wie sehr das ihr Leben veränderte, erzählte sie jetzt erstmals öffentlich - gemeinsam mit anderen Betroffenen.

AFP

Als Gwyneth Paltrow Anfang 20 war, bekam sie eine Rolle, die aus ihr einen Star machen sollte: Sie spielte die Hauptrolle in der Jane-Austen-Verfilmung "Emma". Der Filmproduzent Harvey Weinstein hatte sie dafür engagiert.

Was dann geschehen sein soll, damals, Anfang der Neunzigerjahre, abseits des Scheinwerferlichts, machte Paltrow erst vor wenigen Monaten öffentlich - und befeuerte damit die brodelnde #MeToo-Debatte. Im Oktober 2017 beschuldigte die Schauspielerin Weinstein, sie vor den Dreharbeiten zu "Emma" in seine Hotelsuite eingeladen haben. Dort habe er sie unangemessen berührt und versucht, sie zu einer Massage im Schlafzimmer zu überreden. Die "New York Times" machte Paltrows Anschuldigungen öffentlich.

Mit Paltrow gingen auch weitere Prominente den Schritt - mehr als hundert Frauen warfen Weinstein sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung vor (mehr zum Fall Weinstein lesen Sie hier). Inzwischen muss sich der Filmproduzent vor Gericht verantworten.

Für Paltrow offenbar ein kathartischer Moment: Seitdem fühle sie, wie der "Schleier der Scham von der ganzen Sache gehoben" worden sei, erzählte die 45-Jährige jetzt einer Reporterin derselben Zeitung. In einem Statement beschreiben Paltrow und weitere Frauen, wie es ihr Leben verändert hat, "Me too" zu sagen.

Fotostrecke

6  Bilder
Nach #MeToo: Gwyneth Paltrow: "Frei vom Schleier der Scham"

Gwyneth Paltrow

"Ich habe das Gefühl, es immer noch nicht verarbeitet zu haben. Ich stehe immer noch komplett unter Schock. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der diese Art von Systemen Bestand hatte. Jemanden wie Harvey Weinstein in Handschellen zu sehen, der in meinem professionellen Umfeld als omnipotent galt und so sehr über meine Karriere bestimmte... es ist einfach atemberaubend.

Dieses System hat seit Tausenden von Jahren existiert, und jetzt darf man sich plötzlich nicht mehr so benehmen. Für uns, die von Männern in Machtpositionen ausgenutzt wurden, hat das große psychologische Folgen. Wir haben unsere Identitäten, unsere Abwehrsysteme, unsere Stärke aufgebaut, indem wir uns vor diesem System schützten. Für mich als Mutter einer 14-jährigen Tochter ist es überwältigend, zu wissen, dass wir jetzt in einer Welt leben, in der solches Verhalten Konsequenzen hat."

Schauspielerin Ashley Judd war im Oktober 2017 laut "New York Times" die Erste, die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein erhob. "Ich habe darauf vertraut, dass sich alles fügen würde", sagte die 50-Jährige jetzt. Acht Monate später scheint es, als würde sie recht behalten: Unterwegs sprechen sie immer wieder Menschen auf ihren Einsatz an - und bedanken sich überschwänglich bei Judd - so erzählt es die Schauspielerin.

Fotostrecke

38  Bilder
US-Debatte: Vorwürfe, Reaktionen, Konsequenzen

Ashley Judd

"Menschen überreichten mir Dankesbekundungen im Flugzeug, sie schrieben sie auf Notizzettel. Frauen und Männer. [...] Eine Frau war auf dem Weg zur Abschlussfeier ihrer Schwester. Die Schwester müsse dort gemeinsam mit ihrem Vergewaltiger feiern. Auf einem anderen Flug hatte ich mein T-Shirt mit der Aufschrift "Time's Up" an. Als ich aus dem Flugzeug stieg, standen die Menschen Schlange, um sich bei mir zu bedanken.

Ich habe getan, was ich getan habe, weil es richtig war. Jetzt will ich freudig von den Dächern schreien: Traut euch alle, meldet euch. Man muss seine eigenen Entscheidungen treffen, aber zum Glück sind Millionen andere hier, um zu helfen. Niemand kann es für mich tun, aber ich muss es nicht allein tun."

Außer Paltrow und Judd beschrieben 18 weitere Frauen, wie sich ihr Leben verändert hat, seitdem sie ihre mutmaßlichen Peiniger öffentlich beschuldigten. Unter ihnen ist auch Sängerin Vanessa Carlton. Vor ihrer Musikkarriere arbeitete die heute 37-Jährige als Tänzerin am renommierten New York City Ballett.

Inzwischen musste der damalige Chefchoreograf Peter Martins seinen Posten aufgeben - mehr als 20 Frauen beschuldigten ihn im Zuge der #MeToo-Debatte der sexuellen Belästigung. Carlton hatte in den Medien die "Kultur des Schweigens" angeprangert, die in der Ballettwelt dazu führe, dass Betroffene Belästigungen und Vergewaltigungen für sich behielten.

Vanessa Carlton

"Es war wie eine kollektive Katharsis für viele von uns. Im Ballett herrscht eine Kultur des Schweigens. Das wird dir schon mit elf oder zwölf eingebläut. Ich hatte keine Ahnung, wie viele andere gelitten haben. Man ist so isoliert, dass man wirklich nur die eigenen Erfahrungen kennt.

Es ist furchteinflößend, öffentlich darüber zu sprechen. Wenn man erst mal den Absprung gewagt und es ausgesprochen hat, merkt man aber, dass da gar keine Klippe war. Stattdessen öffnet sich eine Tür und auf der anderen Seite stehen alle diese Leute, die sagen: 'Me too'"

lmd



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.