Haarfärbe-Trend: Viel Spaß in der Grauzone!

Von Daniel Haas

Haarfärbung: Die Grauen kommen Fotos
AP

Graue Haare galten lange Zeit nicht unbedingt als attraktiv, das hat sich grundlegend geändert: Haare grau zu lassen beziehungsweise silber zu färben ist DER Modetrend unter Frauen. Eine US-Autorin behauptet, mit Grauschopf lande sie besser bei Männern. Was steckt dahinter?

Seit ich denken kann, hat meine Mutter dieselbe Haarfarbe. Kastanienbraun mit einem leichten Rotstich. Meine Haarfarbe hat sich in den letzten Jahren stark verändert, die meines Vaters und meines Onkels ebenfalls. Wir tragen jetzt Straßenkötergrau oder Glatze. Die Haare meiner Mutter sind seit 1970 dieselben.

Sie ist mittlerweile 70 Jahre alt, sie kommt nicht mehr viel aus dem Haus, aber der Termin zum Färben, der wird wahrgenommen. Auch wenn die Migräne koordinierte Bewegungen bereits unmöglich macht - es geht zum Friseur, alle zwei Wochen.

Ernsthaft Sorgen mache ich mir erst, wenn meine Mutter nicht mehr zum Färben antritt. Die mit mikroskopischer Genauigkeit ausgeführte Tönung noch des kleinsten grauen Haars, das ist quasi der Workout dieser Generation. Man bügelt Bettwäsche, putzt regelmäßig das Silber und färbt sich die Haare. Eine Frage der Ästhetik, sicher. Aber genau so eine der Disziplin.

Man darf nicht vergessen: Leute wie meine Mutter waren Zeugen einer alltagschemischen Revolution. Was war nicht alles in den Fünfzigern und Sechzigern populär: Psychopharmaka, Uhu, Instant-Gerichte. Und eben Tönungsmittel. Aufgehellte Stimmung mit Valium, Mahagonihaar mit Schwarzkopf. Man soll die Moleküle feiern, wie sie unter den Händen innovativer Tüftler zusammenfallen.

Der Gandalf-Effekt

Heute ist so eine Haltung nicht mehr korrekt. Wir wollen natürlich sein und authentisch, das ist umso wichtiger, als durch das Netz unsere Lebensumstände immer künstlicher werden. Für Frauen wie meine Mutter hieße das: Hör auf zu färben. Lass das Grau raus.

In Amerika gibt es eine regelrechte Bewegung der Grauhaarigen, die Autorin Anne Kreamer hat ein Buch zum Thema geschrieben, in Deutschland zieht gerade die Journalistin Sabine Reichel nach ("Grau ist Great", Heyne).

Kreamer hat sich, wie sie in einer Fernsehsendung berichtete, zum Test auf einer Dating-Website angemeldet. Erst mit gefärbter, dann mit ihrer natürlichen Haarfarbe. Als Grauschopf habe sie dreimal so viele Anfragen bekommen. Warum? "Ich glaube, die Männer schöpfen dann leichter Vertrauen", sagt sie. "Sie wissen, was sie kriegen."

Haarefärben als Sucht

Ich habe mich gefragt, was das für Männer sind. Sind sie ein wenig unselbständig, unsicher? Sehnen sie sich nach einer Partnerin, deren Aussehen Erfahrung und Weisheit signalisiert? So wie im Film "Herr der Ringe" immer alle den Zauberer Gandalf fragen, was sie tun sollen? Gandalfs Beiname ist "der Graue", und wenn er mit seiner anthrazitfarbenen Mähne auftritt, dann denkt man: Klar, der weiß, wo's langgeht. Das wäre der Helmut-Schmidt-Effekt. Dessen Rat wollen ja auch alle hören. Ich bin mir sicher, ein Helmut Schmidt mit braun getönten Haaren wäre nicht halb so beliebt.

Oder sind es Männer, die immer von einer Blondine geträumt, aber zu lange gewartet haben? Blonde Frauen, das bestätigen Coiffeure, haben die besten Chancen, auf sehr attraktive Weise zu ergrauen. Denkt der Typ also: Für Daniela Katzenberger ist es zu spät, dann eben Helen Mirren, die kann außerdem Englisch.

Kreamer hat einen Zirkel gegründet, die "Silver Sisters", und es ist bemerkenswert, wie diese Frauen vom Haarefärben sprechen. "Ich habe vor zwei Jahren aufgehört", sagt eine stolz. "Ich bin jetzt grau seit drei Jahren", eine andere. "Ich bin so dankbar, nicht mehr alle drei Wochen loszumüssen!" Das klingt wie eine Runde Alkoholiker in der Therapiesitzung. Ich bin seit drei Jahren trocken! Die Kneipentouren haben aufgehört! Nüchtern seit 2010!

Hast du Langeweile?

Kreamer und ihre Mitstreiterinnen empfinden das Haarefärben als Sucht. Man hängt am Färbepinsel des Friseurs, und wehe es gibt keinen Termin, dann setzt der Entzug ein. Männer würden so nie über ihre Optimierung sprechen. Schwarzenegger, Berlusconi, diese Typen färben einfach. Ob sie ihr Alter damit verschleiern oder eitel wirken, ist ihnen scheinbar wurscht.

Ich fände es schade, wenn meine Mutter nun denkt, sie sei ein pathologischer Fall, nur weil sie sich eisern zum Friseur schleppt, damit ihre Harre aussehen wie die einer 30-Jährigen.

Umgekehrt müsste man dann nämlich auch Frauen wie Lady Gaga sagen: Lass das mal mit den Silberhaaren, was soll das überhaupt? Hast du Langeweile? Ist die Ironie mit dir durchgegangen? Wenn schon! Ein Supermodel wie Kristen McMenamy mit grau gefärbten Haaren ist erst einmal überraschend, und darum geht es nicht nur im Pop, sondern beim Schönsein allgemein: um Verblüffung.

Bei älteren Menschen denke ich mittlerweile: Sie färben sich die Haare, weil sie uns Jüngere schonen wollen. Sie ersparen uns, wenigstens auf den ersten Blick, die Einsicht, dass der gepflegt ergraute Sixtysomething ein Typus ist, den wir wohl nie verkörpern werden. Finanzkrise, Rentenschwund, Altersarmut: Wenn wir in diese Phase kommen, sind uns die Haare aufgrund der Verhältnisse (Billigessen, Wohnen am Stadtrand) vermutlich schon ausgefallen.

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insgesamt 49 Beiträge
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1. soviel zur Sexismusdebatte...
sok1950 01.02.2013
Zitat von sysopAPGraue Haare galten lange Zeit nicht unbedingt als attraktiv, das hat sich grundlegend geändert: Haare grau zu lassen beziehungsweise Silber zu färben ist DER Modetrend unter Frauen. Eine US-Autorin behauptet, mit Grauschopf lande sie besser bei Männern. Was steckt dahinter? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/haare-grau-faerben-ist-der-neue-trend-gut-gegen-sexismus-a-880342.html
Was dahinter steckt? Frau will offensichtlich angemacht werden - soviel zur Sexismusdebatte.
2. wer...
Spiegelleserin57 01.02.2013
länger arbeiten muss ist gut bedient die Haare zu tönen bzw. zu färben. Das wirkt jünger und zahlt sich besonders beim Umgang mit Jüngeren aus ganz zu schweigen bei Bewerbungen. In Deutschland herrscht in den Betrieben immer noch der Jugendwahn obwohl diese eigentlich schon andere Erfahrungen gemacht haben sollten. Es ist nicht unbedingt die Eitelkeit die ältere Menschen dazu bringt, es ist auch die fehlende Akzeptanz der Jüngeren dass auch ältere Menschen qualifiziert sind und alleine schon auf der Grund der Erfahrung der Jugend doch etwas überlegen sind. Leider sehr oft höre ich immer noch die Vorurteile und den mangelnden Respekt in Äußerungen vor den Älteren, übrigens auch häufig in der Pflege vertreten!
3. Haarfärbe-Trend
spon-1291302835717 01.02.2013
Wo bitte schön, bleibt die Schönste von Allen: Emmylou Harris? Habt Ihr die einfach vergessen? Ts ts... http://www.biography.com/imported/images/Biography/Images/Profiles/H/Emmylou-Harris-9542119-1-402.jpg
4. bag to the nature
pulli67 01.02.2013
Man kann die Natur nur eine Zeit lang überlisten! Was solls, steht zu euren friedhofsblonden Haaren! Es spart ne Menge Stress und Geld.
5.
tritop111 01.02.2013
Zitat von sok1950Was dahinter steckt? Frau will offensichtlich angemacht werden - soviel zur Sexismusdebatte.
Manche kapieren's leider nie und Sie scheinen dazu zu gehören: wenn frau sich aufbrezeln will, kann sie das tun, wie ihr der Sinn danach steht. Und es bedeutet gleichzeitig, dass dies noch ganz ganz lange nicht einen Freischein für Männer auf dämliche Anmache beinhaltet!
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