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Häusliche Gewalt: "Erzählen Sie mal als Mann, dass Ihre Frau Sie geschlagen hat"

Von Sonja Vukovic

Sie werden geschlagen und wehren sich nicht. Sie werden gedemütigt und reden nicht darüber: Für Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, gibt es in Deutschland kaum Zufluchtsorte. Ein gemeinnütziger Verein aus Oldenburg bietet ihnen Unterschlupf.

"Frauen haben keinen Zutritt zu dem Apartment", sagt Reiner W.* Ihn und die drei anderen Männer, die an diesem Nachmittag an dem mit feinem Porzellan gedeckten Kaffeetisch beisammensitzen, verbindet eine gemeinsame Beziehungserfahrung: Vor ihren Lebensgefährtinnen sind sie hierher geflüchtet, aus einem Alltag, in dem Gewalt und Demütigungen auf der Tagesordnung standen - sie selbst waren die Opfer. Das grau verputzte Reihenhaus bei Bremen ist Deutschlands wohl einziges Männerhaus.

Gründer des Oldenburger Projekts "Männersache": "Wer schlägt, muss gehen"
Sonja Vukovic

Gründer des Oldenburger Projekts "Männersache": "Wer schlägt, muss gehen"

"Männersache" steht auf dem Klingelschild. In den Zimmern stehen Blumen auf den Fensterbänken, auf dem Teppichboden liegt Playmobil-Spielzeug verteilt.

Wenn Jens*, wie an diesem Nachmittag, von seiner Ehe erzählt, dann tasten seine Augen ziellos den Raum ab. Beinahe zwei Jahrzehnte währte seine Beziehung zu einer acht Jahre älteren Frau. Aber nur wegen der sechs Paartherapien, die er initiiert habe, sagt der 39-Jährige. Von den beiden gemeinsamen Kindern sei eines "mehrfach schwerstbehindert". Das habe seine Frau nicht ertragen, ihre Verzweiflung habe die Mutter mit "unvorhersehbaren" verbalen und tätlichen Attacken am Ehemann ausgelassen.

An einem Tag im April 2006 der Eklat: "So hatte ich sie noch nie erlebt. Sie warf mit Geschirr nach mir", erinnert sich der Diplom-Sozialpädagoge. Durch seine Arbeit wusste er von der "Männerwohnhilfe". Wenige Stunden nach dem Vorfall zog er dort ein. Heute sagt er: "Es war besser so", der Kinder wegen, um deren Sorgerecht er derzeit vor dem Familiengericht kämpft.

Gewaltschutzgesetz - Männern nützt es nur wenig

Die Männerwohnhilfe entstand aus einer Partylaune heraus. Vor acht Jahren befand eine Runde Männer bei einer Feier, es müsse doch auch einen Ort geben, wo man(n) sich vor den Frauen zurückziehen könne.

Beruflich im sozialen und sozialpädagogischen Bereich tätig, fanden Diskussionsteilnehmer die Idee am Morgen immer noch richtig und wichtig: "Aus unserem Berufsalltag haben wir die Erkenntnis, dass Frauen, wenn Emotionen zur Entladung kommen, alles in die Hand nehmen, um sich auch körperlich gegen ihre Männer durchzusetzen", erklärt Wolfgang Rosenthal, einer der Mitbegründer der Herrenherberge.

Das bestätigt auch Bastian Schwithal, Forscher in der Partnerschaftssoziologie. 2005 veröffentlichte er seine Dissertation "Weibliche Gewalt in Partnerschaften" als Buch. "Männer und Frauen verüben Gewalt gegenüber Intimpartnern im etwa gleichen Maße", sagt Schwithal. Tätliche Übergriffe, ausgeübt von Männern, endeten häufiger tödlich, so der Soziologe, Frauen dagegen setzten öfter Gewaltmittel und Waffen ein, um "ihre geringere körperliche Stärke in Streitsituationen auszugleichen".

Erst Gewalt, dann Scheidungsschlacht und Sorgerechtskrieg

Das 2002 in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz nütze Männern aber nur wenig, sagt Wolfgang Rosenthal von der Männerwohnhilfe. "Auf dem Papier heißt es zwar: Wer schlägt, muss gehen - das Opfer bleibt in der Wohnung. Aber erzählen Sie mal als Mann einem Polizisten, dass Ihre Frau Sie geschlagen hat. Selbst wenn Sie den Mut aufbringen, Anzeige gegen Ihre Partnerin zu erstatten, kommt es aus Gründen der geringen Schuld oder aus mangelndem öffentlichen Interesse nie zum Verfahren", sagt er.

Deswegen seien Männer als die Opfer häuslicher Gewalt oft zweifach die Leidtragenden. Nach den Peinigungen müssten sie dann auch noch die Wohnung und damit ihre Kinder verlassen, sagt Rosenthal. Meist folge ein "Schrecken aus Scheidungsschlacht und Sorgerechtskrieg".

Was das bedeutet, weiß Reiner W. nur zu gut. Der Musiker, 50 Jahre alt, ist 1,70 Meter groß, 63 Kilogramm schwer und hatte seiner langjährigen Lebensgefährtin nie viel entgegenzusetzen, wenn sie "mit einem Stuhl auf mich einschlug oder zugetreten hat". Er habe "unglaubliche Erfahrung mit einer gewalttätigen, herrschsüchtigen Frau" gemacht, gibt W. an.

Zurückzuschlagen, das sei für ihn nie in Frage gekommen. "Ich wollte die Familie, die ich da hatte, unbedingt zusammenhalten", sagt er. Erst nach neun Jahren, als die Frau ihn mit Glassplittern verletzte, wagte W. den Weg zum Familiengericht. Das aber gab das Kind in die Obhut seiner Ex-Freundin - trotz eines psychologischen Gutachtens, in dem die Mutter Übergriffe auf den Vater auch vor der damals Vierjährigen eingeräumt hatte. Herr W. "habe eine Art, sie an ihre Grenzen der Wut und darüber hinaus zu bringen", wird in der Expertise attestiert.

Männer- und Opferrolle unvereinbar

1976 eröffnete das erste Frauenhaus - inzwischen sind es mehr als 400 bundesweit. Sie alle werden staatlich gefördert und für die Gesellschaft ist der Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt durch die Solidargemeinschaft längst selbstverständlich.

Aber ein "Männerhaus" fördern? So etwas sei "angesichts endlicher Haushaltsmittel nicht gerechtfertigt", erklärt Andreas Aumann, Pressereferent im Bundesfamilienministerium.

Experte Bastian Schwithal wirft der Politik vor, "den wissenschaftlichen Erkenntnissen nur wenig Beachtung schenken zu wollen": "Bei den meisten Untersuchungen zum Thema der häuslichen Gewalt werden immer noch ausschließlich die Gewalthandlungen vom Mann gegenüber seiner Partnerin untersucht."

Bundesweit hielten für das Jahr 2006 nur die Landeskriminalämter Brandenburg, Hessen, Saarland und Berlin den Anteil weiblicher Tatverdächtiger bei innerfamiliärer Gewalt fest: Bei den über 21-Jährigen lag er bei 13, 3 und 11,6 beziehungsweise 20,01 und 22,2 Prozent.

Die Auswertung qualitativer Interviews mit betroffenen Männern, erklärt Partnerschaftssoziologe Schwithal, habe ergeben: Den Frauen gehe es um das Streben nach Macht und Kontrolle der Beziehung, sagt er. Vor allem Männer, die sich in finanzieller und emotionaler Abhängigkeit zu ihren Lebensgefährtinnen befinden, sind gefährdet, Opfer psychischer und physischer Gewalt in der Partnerschaft zu werden. Diese Männer verdrängen demnach zumeist die Gewalthandlungen, aufgrund der "Unvereinbarkeit von Mann- und Opferrolle": "In der Folge leiden sie dann an Depressionen, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Angstzuständen." Und das wiederum verfestige die Stellung der Frau als stärkerer Part der Beziehung - und somit den Konflikt.

Berliner Männerhaus vor dem Aus

Eine Oldenburger Baugesellschaft erklärte sich 2002 bereit, dem Verein Männerwohnhilfe e.V für ihr Vorhaben eine Wohnung kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Mehr als 40 Männer fanden in dem Dreizimmerappartment seither ein sicheres Zuhause. Zahlen mussten sie nur die Nebenkosten in Höhe von 70 Euro pro Woche.

Ein vergleichbares Projekt gibt es nur an der Spree. In seinem Reihenhaus am Rande von Berlin Spandau gewährt Diplom-Sozialpädagoge Horst Schmeil seit 1995 Hilfesuchenden Asyl. Nach der Trennung von seiner Frau gründete der Pädagoge die Initiative "Väteraufbruch für Kinder", einen Verein, der dafür kämpft, dass Männer einer gescheiterten Partnerschaft gleichberechtigte Erziehungspartner bleiben.

Das Männerbüro Berlin, eine ambulante Beratungsstelle für Männer mit Beziehungskonflikten, vermittelt seit 1997 Hilfesuchende aus der ganzen Bundesrepublik an das "Männerhaus", bislang sollen es rund 600 gewesen sein.

Um Zuschüsse vom Senat hat sich Horst Schmeil vergeblich bemüht. Deswegen zahlten die Mitbewohner etwas zur Miete dazu oder kauften ein - mal mehr, mal weniger, sagt der 66-Jährige. Zur Finanzierung des Männerhauses reicht das nicht. Nach 13 Jahren steht das Haus jetzt kurz vor der Zwangsversteigerung.

In Oldenburg dagegen ist die Situation entspannter, die Bilanz erfreulich: Zwei Drittel der Betroffenen, die das Angebot nutzten, waren nach durchschnittlich drei Monaten Aufenthalt in der Lage, eine eigene Wohnung zu beziehen und die Beziehungskonflikte zu klären. "Die Vereinskassen sind gut gefüllt. Wir planen, bald eine zweite Wohnung zu eröffnen", sagt Reiner und klingt zufrieden.

* Namen von der Redaktion geändert

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