Projekt gegen häusliche Gewalt Die Nachbarschaft schützt mich

Ein Hamburger Projekt zeigt, wie wichtig Nachbarn sein können, um bedrohten Frauen und ihren Kindern beizustehen. Und wie wenig manchmal schon reicht, um Betroffenen zu helfen.

Aktivistinnen des Projekts "Stop" in Hamburg-Steilshoop
StoP Steilshoop

Aktivistinnen des Projekts "Stop" in Hamburg-Steilshoop


Am Freitag glühte die Spitze des Michels apfelsinenfarben, so wie viele andere Hamburger Kirchen, Banken und Geschäfte. Das Frauennetzwerk Zonta will mit "Orange your city" Zeichen setzen gegen die allzu alltägliche Gewalt an Bürgerinnen. Die Aktion kommt an: Sogar weit weg von der City, in den Hochhäusern von Steilshoop, leuchteten einige Fenster wie Warnlampen.

"Sichtbarkeit ist ganz wichtig", sagt Silke Jawara-Joof. Die 56-jährige hat orangefarbene Transparente um Windlichter gebastelt, sie glimmen auf ihrem Balkon im vierten Stock. "Alle sollen wissen: Wir sind da, wir schauen hin, wir hören zu." Die siebenfache Mutter zog vor 15 Jahren nach Steilshoop, weil hier Wohnraum billig war und sie ihren gewalttätigen Mann verlassen hatte.

Silke Jawara-Joof an einem Stop-Infostand
StoP Steilshoop

Silke Jawara-Joof an einem Stop-Infostand

Heute engagiert sich die gebürtige Niedersächsin selbst für Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Bei "Stop", "Stadtteile ohne Partnergewalt". Stop-Gruppen gibt es in fünf Hamburger Vierteln, in Dresden und in Wien. Die Sozialwissenschaftlerin Sabine Stövesand von der HAW Hamburg hat das Projekt entwickelt; die öffentliche Hand finanziert es in der Stadt mit rund 170.000 Euro im Jahr, hinzu kommen Spenden. Im Kern geht es bei Stop darum, dass Betroffene ermutigt werden, über Schlagen, Bedrängen und Bedrohen in den eigenen vier Wänden offen zu sprechen, damit Nachbarn sensibilisiert werden und sich solidarisieren.

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Ihr Aha-Erlebnis hatte die Professorin einst als Sozialarbeiterin im Hafenviertel Sankt Pauli. Eine Mutter vertraute dort einer Kindergartenmitarbeiterin an, dass ihr Mann sie und auch die Kinder gelegentlich einsperre. Die Mitarbeiterin hörte sich diskret um und schaltete die Polizei ein, der Ehemann musste die Wohnung verlassen.

Er tyrannisierte seine Familie weiter, einmal schoss er sogar ins Fenster. Doch die Nachbarn bewachten die Wohnung und richteten eine Telefonkette mit nächtlichem Bereitschaftsdienst ein. Ein Hafenarbeiter gab bei der Unterstützergruppe sogar seinen Schichtplan ab: Wenn er frei habe, solle man ihn einsetzen.

Am Ende gab der Ehemann auf. "Seine Frau ist eine der wenigen Betroffenen häuslicher Gewalt, die in ihrer gewohnten Umgebung bleiben konnten", sagt Stövesand, "entscheidender Faktor dafür war die hilfsbereite Nachbarschaft." Solche Nachbarschaften sollen sich überall bilden, das ist der Gedanke hinter Stop.

Stop-Aktivistin Ewgenia Falkenberg
StoP Steilshoop

Stop-Aktivistin Ewgenia Falkenberg

Damit das Projekt in einem Viertel angenommen wird, braucht es gut vernetzte Menschen vor Ort. In Steilshoop etwa hatte sich die Leiterin des Jugendhauses für Stop begeistert. Mit ihrer Hilfe kam ein Schneeballsystem in Gange: der Imam, Kirchenmitarbeiter, die Leiterin der Elternschule sowie Stadtteilbeiräte wurden eingeweiht und luden ihrerseits zu Treffen. "Das funktioniert am besten, wenn man sagt: Frau Sowieso ist auch dabei", sagt Stövesand. Heute kommen ein Dutzend Aktive einmal im Monat zum sogenannten Küchentisch. Bei selbst gekochten Speisen tauschen sie sich aus und planen Aktionen.

Gewalt gegen Frauen
    Am Sonntag, 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der SPIEGEL widmet sich diesem Thema mit einer Schwerpunktwoche, die Betroffenen eine Stimme geben soll: Frauen, die von ihren Ehemännern oder Partnern geschlagen, missbraucht oder manipuliert wurden. Es sollen aber auch Wege aufgezeigt werden, wie Opfer der Gewalt entkommen konnten - und welche Möglichkeiten es gibt, mit der Situation umzugehen.
  • Wenn Sie in Ihrer Partnerschaft Gewalt erfahren haben, finden Sie rund um die Uhr unter 08000 - 116 016 beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" kostenlos, vertraulich und anonym Ansprechpartnerinnen und Unterstützung. Mehr über das Hilfetelefon erfahren Sie hier.
Weitere Informationen, etwa zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, gibt es beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

Da sind vor allem die Infostände. Bei Festen im Viertel stehen die Frauen in ihren grünen Stop-T-Shirts, verteilen bedruckte Stifte oder Taschen und halten Tafeln hoch mit Sprüchen wie "Männer können auch anders streiten - ohne Gewalt". Die Harmlosigkeit hat System. "Es hat keinen Sinn, eine Nachbarin mit einem dicken Auge zu fragen: Schlägt Ihr Mann Sie?", sagt die Aktivistin Jawara-Joof.

Die Aktion "Orange your city" in Hamburg
DER SPIEGEL

Die Aktion "Orange your city" in Hamburg

Man könne der Frau aber im Hausflur einen Flyer zustecken, vielleicht traue sie sich ja dann zu einem Stop-Frühstück oder einem Café-Nachmittag. Und wer aus der Wohnung nebenan verdächtige Geräusche höre, binde sich am besten die Küchenschürze um, klingle und frage höflich: "Hätten Sie zufällig etwas Mehl für mich?" So zeigt man Präsenz, ohne aggressiv zu wirken - und kann womöglich Schlimmeres verhindern.

Bei Gewaltausbrüchen dazwischen zu gehen, empfiehlt das Stop-Konzept nicht unbedingt. Silke Jawara-Joof tut es trotzdem, "ich bin ja geschult", sagt sie selbstbewusst. Neulich habe sich ein junges Paar in einem Tunnel direkt neben ihrem Wohnblock gestritten. Sie kannte die beiden, hatte die Frau schon mal auf das Gewaltproblem des Verlobten angesprochen. Die 18-Jährige aber hatte ihr beschieden: "Alles gut".


Themenwoche "Gewalt gegen Frauen"

Diesmal langte der Mann richtig zu, die junge Frau schrie "Hör auf!" Jawara-Joof hat dann mitgebrüllt. Der Mann habe von seiner Verlobten abgelassen und stattdessen der Nachbarin gedroht: "Ich kenne Ihre Söhne." "Und meine Söhne kennen Sie", habe sie gekontert. Die misshandelte Frau jammerte, das sei alles ihre Schuld, sie habe ihren Mann provoziert. Das Paar zog ab, Jawara-Joof lief misstrauisch hinterher: Eine Ecke weiter schlug der junge Mann wieder zu. Die Stop-Aktivistin hat dann die Polizei geholt.

Hinterher rief sie eine Mitstreiterin an, "das belastet einen schon sehr". Ihre erwachsenen Söhne hätten über die Drohung zwar nur gelacht. "Aber es bleibt natürlich ein Risiko", sagt Silke Jawara-Joof. "Was, wenn ein Mann sich mal rächt?" Passiert sei das jedoch noch nie.

Aufhören kommt für sie sowieso nicht infrage. Derzeit wirbt die Erzieherin für eine Stop-Gruppe im gutbürgerlichen Poppenbüttel, wo sie arbeitet. Von den Kindern hört sie einiges über die Gewalt, die sich auch hinter den Mauern dieser Vorstadtsiedlung abspielt.

Die junge Nachbarin, der Jawara-Joof neulich beistand, hat die Verlobung inzwischen gelöst.



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