Häusliche Gewalt "Wenn ich nicht sofort gehe, überlebe ich hier nicht"

Maria zog der Liebe wegen nach Deutschland. Aber der Mann, den sie heiratete, zeigte plötzlich brutale Seiten - und machte seine Frau zu einem anderen Menschen.

Frau will Schläge abwehren (Symbolbild)
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Frau will Schläge abwehren (Symbolbild)

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Ihr Mann weiß nicht, wo sie ist. Maria L. versteckt sich seit mehr als einem Jahr vor ihm in einem Frauenhaus in einer deutschen Großstadt - aus Angst, er könnte sie wieder bedrohen, schlagen oder, schlimmer noch, so umschmeicheln, dass sie zu ihm zurückgeht. Deshalb will die 39-Jährige zwar ihre Geschichte erzählen, aber unbedingt unerkannt bleiben, auch weil sie vor ihrem erwachsenen Sohn geheim halten möchte, was ihr passiert ist.

"Ich wollte als Mutter immer ein Vorbild sein. Eine starke, selbstbewusste Frau. So habe ich mich auch lange gesehen. Ich komme aus Lateinamerika, habe studiert, einen Betrieb gegründet, mein eigenes Geld verdient und nach der Scheidung von meinem ersten Mann mein Kind allein großgezogen. Ich war unabhängig.

Ich hätte deshalb nie gedacht, dass mir das passieren könnte. Dass ich einmal zu den Frauen gehöre, die von ihrem Mann geschlagen werden. Es war schlimm, das zu erleben, und es ist mir vor meinem Sohn peinlich, dass ich so schwach war. Ich habe ihm bisher nichts davon erzählt, auch sonst niemandem aus meiner Familie. Ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Aber ich denke trotzdem immer wieder darüber nach, wie es so weit kommen konnte."

Anfangs war noch alles gut

Maria L. ist eine elegant gekleidete Frau, gut aussehend, gepflegt, mutig wirkend - und auch verletzlich. Sie ist fest entschlossen, ihre Erlebnisse zu erzählen, in der Hoffnung, anderen Frauen damit zu helfen. Gleichzeitig ist deutlich zu merken, wie viel Überwindung sie das kostet.

Als das Gespräch beginnt, wirkt Maria L. sehr ernst, angespannt. Sie hat ihre Freundin als Stütze mitgebracht und sucht immer wieder deren Blick, während sie halb auf Deutsch, halb auf Spanisch erzählt. Am leichtesten fällt es ihr noch, nüchtern die Fakten zu beschreiben und von der Zeit zu erzählen, in der "noch alles gut" war. Vom Anfang.


Themenwoche "Gewalt gegen Frauen"

Maria L. lernt ihren Mann vor einigen Jahren in Lateinamerika kennen. Sie ist damals schon länger geschieden, ihr Sohn ist bereits ausgezogen und studiert. Maria L. verliebt sich. Schließlich zieht sie nach längerem Überlegen zu der "Liebe ihres Lebens" nach Deutschland. 2013 heiraten die beiden. Danach wohnt das Paar zusammen in einem Dorf in Süddeutschland, und wenig später fangen die Probleme an.

Maria L. sagt, der Start in Deutschland sei für sie ohnehin schwierig gewesen: Geringe Deutschkenntnisse, keine Möglichkeit, in ihrem eigentlich Beruf zu arbeiten, nur die Arbeit in einem Mini-Job, wenig Kontakte zu anderen Menschen aufgrund der Sprachbarrieren, aber auch weil ihr Mann sie von anderen ferngehalten habe. Selbst die Telefonate mit ihrem Sohn, der im Ausland lebt, hätten ihm nicht gepasst.

Ich sollte nicht mit meinem Sohn telefonieren

"Ich habe anfangs fast jeden Tag mit meinem Sohn telefoniert. Das hat ihn geärgert. Er hat gesagt, so enge Kontakte zwischen Eltern und Kindern seien in Deutschland völlig unüblich. Aber ich hatte überhaupt nicht den Eindruck, dass das stimmt und das habe ich ihm auch gesagt. Ich habe mir von ihm nicht verbieten lassen, mein Kind anzurufen.

Aber es gab andere Themen, bei denen ich mich nicht so gewehrt habe. Mein Mann hat zum Beispiel oft mit mir geschimpft, weil ich zu wenig Geld verdienen würde. Immer ging es ihm um Geld, dabei hatten wir eigentlich genug zum Leben. Er hat mir nie geholfen, mein Deutsch zu verbessern, um eine qualifiziertere Arbeit zu finden. Er wollte nur, dass ich Geld verdiene, egal, wie.

Er sagte mir auch fast jeden Tag, ich würde im Haushalt alles falsch machen. Ich könne nicht kochen, mein Essen sei nicht genießbar, das würde nicht einmal ein Hund anrühren. Einmal habe ich einen Topf nicht richtig geschrubbt. Da ist er ausgerastet. Ich sei zu dumm, um abzuwaschen. Ich könne überhaupt nichts.

So hat mich mein Mann immer wieder kleingemacht und beleidigt, als Hexe, Luder und Schlampe beschimpft, mich psychisch massiv unter Druck gesetzt. Da hätte ich schon alarmiert sein und handeln müssen. Dazu kann ich nur jeder Frau raten, die in so eine Situation gerät. Aber ich habe anfangs nicht erkannt, was da passiert und wo das alles hinführen könnte. Ich habe gedacht, wenn ich mich nur mehr anstrengen und alles richtigmachen würde, dann würde es zwischen uns wieder besser werden."

"Ich liebe meinen Mann"

Maria L. erzählt, wie sie immer wieder Entschuldigungen für das Verhalten ihres Mannes suchte. Sie glaubte, dass er psychische Probleme habe, dass sie die gemeinsam in den Griff bekommen könnten. "Ich habe geglaubt, mit viel Liebe könnte alles gut werden", sagt sie, knetet ihre Hände, sieht ihre Freundin an. Die nickt zustimmend.

"Wir Frauen glauben immer an die Liebe", sagt die Freundin. Sie hat selbst über Jahre mit einem gewalttätigen Mann zusammen gelebt und viel Kraft gebraucht, um sich zu trennen. Das Problem sind all diese widersprüchlichen Gefühle: Angst, Verzweiflung - aber auch tiefe Zuneigung.

Gewalt gegen Frauen
    Am Sonntag, 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der SPIEGEL widmet sich diesem Thema mit einer Schwerpunktwoche, die Betroffenen eine Stimme geben soll: Frauen, die von ihren Ehemännern oder Partnern geschlagen, missbraucht oder manipuliert wurden. Es sollen aber auch Wege aufgezeigt werden, wie Opfer der Gewalt entkommen konnten - und welche Möglichkeiten es gibt, mit der Situation umzugehen.
  • Wenn Sie in Ihrer Partnerschaft Gewalt erfahren haben, finden Sie rund um die Uhr unter 08000 - 116 016 beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" kostenlos, vertraulich und anonym Ansprechpartnerinnen und Unterstützung. Mehr über das Hilfetelefon erfahren Sie hier.
Weitere Informationen, etwa zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, gibt es beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

"Ich liebe meinen Mann", sagt Maria L. in dem Gespräch immer wieder. Es habe oft auch schöne Momente zwischen ihnen gegeben, etwa einen romantischen Urlaub. "Er kann sehr positiv sein, sehr sensibel, sehr liebevoll." Auch der gemeinsame Alltag sei an vielen Tagen gut gewesen, ohne Erniedrigung, ohne Demütigung.

Aber es gab eben auch immer wieder böse Szenen. So brutal ist das, was ihr Mann ihr angetan hat, dass Maria L. immer wieder weint, während sie sich die Erlebnisse in Erinnerung ruft. Manchmal gehen Teile ihrer Geschichte ganz in Tränen auf, so nah ist dann alles wieder.

Ich konnte mich nicht wehren

"Irgendwann hat mein Mann mich nicht mehr nur mit Worten kleingemacht, sondern ist gewalttätig geworden. Er hat mich hasserfüllt angesehen, Gegenstände in die Hand genommen und gedroht, damit nach mir zu werfen. Er hat mich gegen Wände oder Möbel geschubst und nach mir getreten. Wegen Kleinigkeiten. Weil ich irgendetwas nicht so gemacht hatte, wie er sich das vorgestellt hatte. Einmal hat er mit einem Lederriemen heftig gegen meinen Kopf geschlagen, als ich auf dem Boden lag. Er ist ein großer Mann, ich konnte mich nicht wehren.

Einmal kamen meinen Nachbarn, weil sie durch den Krach aufmerksam geworden waren. Sie hatten Angst um mich. Das war mein Glück. Nur dadurch wurde mein Mann in seiner Raserei gestoppt. Er hat mich dann vor die Tür gesetzt. Ausgesperrt. Da war ich im ersten Moment vor allem erleichtert. Denn so konnte mir zumindest erst einmal nichts mehr passieren.

Ich wusste nur nicht, wo ich hingehen sollte. Die Nachbarn wollten mich nicht reinlassen, weil sie Angst vor meinem Mann hatten. Und sonst kannte ich in Deutschland kaum jemanden. Mit dem Bus bin ich mitten in der Nacht zu einer Bekannten in einem anderen Dorf gefahren. Aber da konnte ich auch nur für ein paar Tage bleiben. Ich hatte mich vorab schon an Beratungsstellen gewandt, aber die hatten in dieser ländlichen Gegend keinen guten Rat für mich.

Ich dachte außerdem, dass ich mindestens drei Jahre verheiratet und mit meinem Mann zusammen wohnen müsse, damit ich in Deutschland bleiben darf. Er hatte mir das eingebläut. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Aber zu der Zeit war ich ein anderer Mensch. Komplett isoliert, unsicher. Mein Mann hat mich extrem manipuliert. Wenn er seine Wutausbrüche hatte, habe ich mich danach bei ihm entschuldigt."

Maria L. ahnte, dass es so nicht weitergehen konnte. 2016 unternahm sie einen ersten Anlauf, um sich zu trennen. Über eine Freundin fand sie Kontakt zu einem Frauenhaus in einer weit entfernten Großstadt. Für einige Wochen zog sie dort ein. Es war der erste Versuch, sich zu trennen.

"Mein Mann hat mich jeden Tag angerufen. Mehrfach. Er hat sich entschuldigt, mir gesagt, wie sehr er mich liebt und vermisst und mir fest versprochen, dass er sich ändern wird. Ich wollte ihm so gern glauben - und bin zu ihm zurückgegangen. Aber danach ist die Situation immer weiter eskaliert.

Schon nach wenigen Tagen ist er wieder gewalttätig geworden. Danach hat er mich fast täglich verprügelt. Einmal ist die Situation dann richtig eskaliert: Mein Mann hat mich mit einem Messer bedroht und mit der Faust so hart auf meinen Brustkorb geschlagen, dass ich für einen Moment nicht mehr atmen konnte. Da habe ich gedacht: Wenn ich nicht sofort gehe, überlebe ich hier nicht. Dann bin ich tot."

Das brachte die Entscheidung. Maria L. verlässt die gemeinsame Wohnung. 2017 zieht sie mithilfe ihrer Freundin erneut ins Frauenhaus. Dort lebt sie bis heute, nach außen unversehrt, aber seelisch verletzt: "Diese Ehe hat mich kaputt gemacht. Ich brauche Zeit, um wieder gesund zu werden. Und ich versuche jeden Tag, mir zu vergeben, dass ich nicht stark genug war, mich viel früher aus dieser Situation zu befreien."

Ihr Mann habe ein ernsthaftes Problem mit Alkohol und müsse psychisch krank sein, da sind sich Maria L. und ihre Freundin einig. Anders können sie sich sein Verhalten nicht erklären. Umso absurder wirke die SMS, die er an sie geschrieben habe: Sie solle aufpassen, wenn sie einen neuen Mann kennenlerne. Es gebe viele Verrückte. Maria L. lacht, als sie das erzählt. Es klingt bitter, aber auch nach etwas Abstand.

Langsam bekommt sie ihr Leben wieder in den Griff, gerade hat sie den Mietvertrag für eine eigene Wohnung unterschrieben.



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