Therapeut über gewalttätige Männer "Wir wissen nicht, ob sie wieder zuschlagen"

Männer, die ihre Frauen schlagen, landen oft bei Helge Rettig von der Bielefelder Männerberatung man-o-mann. Viele seien selbst erschrocken über ihr Verhalten, sagt er, andere fühlten sich völlig im Recht.

Mann schlägt Frau (Symbolbild)
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Mann schlägt Frau (Symbolbild)

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Kommen Männer, die ihre Frauen schlagen, freiwillig zu Ihnen?

Rettig: Einige sind nur bei uns, weil das Gericht sie zu einer Therapie verurteilt hat. Das sind meist die schwierigen Fälle. Andere kommen halbfreiwillig, weil ihnen das etwa nach einem Polizeieinsatz wegen häuslicher Gewalt nahegelegt wurde. Aber die meisten suchen tatsächlich aus eigenem Antrieb Hilfe bei uns, weil es ihnen mit ihrem Verhalten schlecht geht.

Zur Person
  • Privat
    Helge Rettig ist Diplom-Sozialpädagoge und arbeitet in der Bielefelder Beratungsstelle man-o-mann. Er berät Männer in Einzel- und Gruppenangeboten, die häusliche Gewalt ausgeübt haben, und hilft ihnen, ihr Verhalten zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Männer?

Rettig: Das sind Männer aus allen sozialen Milieus. Wir haben auch viele Akademiker, unter anderem Manager und Führungskräfte, die stark unter Stress stehen. Viele sind meist ein Mal gewalttätig gegen ihre Frauen geworden, waren jeweils tief bestürzt und haben sich geschworen, dass sie das nie wieder tun. Dann haben sie es doch getan. Diese Männer haben riesige Schuldgefühle und erkennen, dass sie Hilfe brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie helfen Sie?

Rettig: Wir bieten Gruppensitzungen mit jeweils sechs bis acht Männern an. Gemeinsam spielen wir Situationen nach, in denen die Männer zugeschlagen haben, und sprechen darüber. Der eine oder andere steht dann oft irgendwann weinend am Flipchart und erkennt, wie hilflos und idiotisch er sich verhalten hat. Die Männer sehen: Ich habe das Gegenteil von dem erreicht, was ich eigentlich wollte. Sie verstehen aber auch, warum sie zugeschlagen haben.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Gründe?

Rettig: Prügelnde Männer wirken erst mal stark und überlegen. Aber tatsächlich fühlen sie sich in bestimmten Situationen völlig hilflos. Sie können zum Beispiel nicht aushalten, dass ihre Partnerin eine andere Meinung vertritt. Sie haben kein Konzept dafür, das so stehen zu lassen oder nachzugeben und fühlen sich überfordert. Das kommt für sie einer Niederlage gleich. Zudem sind sie immens körperlich angespannt. Der vermeintliche Ausweg ist Gewalt.

Gewalt gegen Frauen
    Am Sonntag, 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der SPIEGEL widmet sich diesem Thema mit einer Schwerpunktwoche, die Betroffenen eine Stimme geben soll: Frauen, die von ihren Ehemännern oder Partnern geschlagen, missbraucht oder manipuliert wurden. Es sollen aber auch Wege aufgezeigt werden, wie Opfer der Gewalt entkommen konnten - und welche Möglichkeiten es gibt, mit der Situation umzugehen.
  • Wenn Sie in Ihrer Partnerschaft Gewalt erfahren haben, finden Sie rund um die Uhr unter 08000 - 116 016 beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" kostenlos, vertraulich und anonym Ansprechpartnerinnen und Unterstützung. Mehr über das Hilfetelefon erfahren Sie hier.
Weitere Informationen, etwa zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, gibt es beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so schwer daran, die Partnerin zu respektieren?

Rettig: Die Männer sind hilflos darin, ihre eigentlichen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Sie können nicht zu ihrer Partnerin sagen: 'Ich habe Angst, dass du mich verlässt.' Sie können nicht Schwäche und Verletzlichkeit zeigen, weil das nicht zu ihrem Männerbild passt. Stattdessen strahlen sie Wut und Dominanz aus. Das ist für sie legitim.

SPIEGEL ONLINE: Das Bild vom Mann, der keine Schwäche zeigen darf, ist doch längst überholt.

Rettig: Mag sein. Viele Männer haben das aber noch in ihren Köpfen, und es wird zum Beispiel in der Werbung oder im Film auch weiter propagiert. Es gibt bei dieser situativen Gewalt aber verschiedene Dynamiken. Einige Männer können beispielsweise nicht Nein sagen. Die schlucken ganz lange sehr viel, und bei einer Nichtigkeit bricht dann plötzlich die Gewalt aus ihnen heraus. Die Männer erleben das wie einen Black-out. Mit denen arbeiten wir daran, dass sie frühzeitig wahrnehmen und sagen, was sie kränkt oder verletzt.

SPIEGEL ONLINE: Können die Männer ihr Verhalten nach so einer Therapie kontrollieren?

Rettig: Die meisten sagen: Wenn sie das alles früher gewusst hätten, wären sie nicht gewalttätig geworden. Wir wissen aber nicht, ob sie wieder zuschlagen oder nicht. Das können wir nicht evaluieren. Einigen raten wir, noch eine Paartherapie mit ihren Frauen zu machen, denn die zwingen manchen Mann zurück in alte Dynamiken.


Themenwoche "Gewalt gegen Frauen"

SPIEGEL ONLINE: Halt, hat etwa die Frau die Verantwortung, wenn der Mann zuschlägt?

Rettig: Nein, wir machen auch allen Männern bei uns von Anfang an klar, dass Schlagen keine Option ist. Die Männer sind alleine verantwortlich für ihr gewalttätiges Handeln. Dass Täter Verantwortung übernehmen, ist Voraussetzung dafür, dass sie ihr Verhalten ändern. Aber es gibt bestimmte Täter-Opfer-Dynamiken.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die aus?

Rettig: Die Männer können lernen, das zu unterbrechen, die Frauen können dabei manchmal helfen. Einige Frauen drängen ihren Mann beispielsweise mit Worten immer wieder sehr in die Enge. Männer fühlen sich verbal schnell unterlegen. Einige suchen dann nach anderen Möglichkeiten, sich zu behaupten. Dann rasten sie aus. Beide Seiten können daran arbeiten, nicht mehr in die jeweiligen Muster oder diese wechselseitig zu bedienen.

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SPIEGEL ONLINE: Gibt es hoffnungslose Fälle?

Rettig: Einige Männer - teilweise aus anderen Kulturkreisen, aber auch Deutsche - haben ein sehr patriarchales Weltbild. Die sind davon überzeugt, dass sie als Mann das Sagen haben. Wenn die Frau Widerworte gibt, stellen sie diese Ordnung wieder her - und dabei halten sie Gewalt für ein legitimes Mittel. Diese Männer glauben oft sogar, sie müssten Gewalt anwenden. Das sei ihre Verantwortung, um ein guter Ehemann und Vater zu sein. Mit denen ist es sehr schwer.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie in solchen Fällen?

Rettig: Die meisten dieser Männer haben selbst Gewalt erfahren, oft als Kinder. Manchmal gelingt es in Einzelgesprächen, darauf einzugehen, was sie erlebt und wie sie sich dabei gefühlt haben. Dann setzt in einigen Fällen ein kritisches Nachdenken ein. Aber bei einigen Männern ist der Effekt auch gleich null.

SPIEGEL ONLINE: Frustriert Sie das?

Rettig: Ich tröste mich damit, dass ich es wenigstens versucht habe und unsere Arbeit vielen anderen Männern hilft, ihr Verhalten zu überdenken. Ich bin sicher: Viele schaffen es auch, sich zu ändern.



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