Wochenende auf St. Pauli Welcome to Hell

Hafengeburtstag, HSV, ESC - eine fürchterliche Party-Trias bricht dieses Wochenende über den Hamburger Stadtteil St. Pauli herein. Bitte, bitte, liebe Feiernde: Denkt an die Anwohner!

Hamburgs Szeneviertel St. Pauli
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Hamburgs Szeneviertel St. Pauli

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Ich muss an diesem sonnigen Wochenende arbeiten - gut so. Es wird eine wahre Wohltat. Denn mein Kiez verwandelt sich in eine No-go-Zone.

Ich wohne mitten auf St. Pauli, dem Hamburger Stadtteil, den die meisten Menschen mit Rotlicht, den Beatles und ganz viel Spaß auf der Reeperbahn assoziieren. Wenn man böse wäre, könnte man sagen: Überdurchschnittlich viele Menschen kennen St. Pauli auch deshalb, weil sie hier schon mal im Vollsuff in meinen Hauseingang gepinkelt haben.

Das stinkt, das nervt. An diesem Wochenende dürfte es noch mehr stinken und nerven. Denn mir und meinem Viertel stehen besonders schöne Stunden bevor.

Der HSV spielt - und jeder Fan wird Frust oder Freude zusammen mit den gefühlten Millionen von Touristen auf dem Hafengeburtstag ertränken, natürlich auf St. Pauli. Als wäre das nicht schon schlimm genug: Auf dem Spielbudenplatz findet eine riesengroße ESC-Freiluftparty statt. Das alles mischt sich mit dem ohnehin schon intensiven normalen Wochenendtreiben auf der Reeperbahn. Glückwunsch!

Nur, dass keine Missverständnisse aufkommen: Ich mag die vielen Kneipen und Bars auf meinem Kiez mindestens genau so gerne wie die Touristen - natürlich eher unter der Woche, wenn man dort auch einen Platz bekommt und die auswärtigen Sitznachbarn neben einem das Trendgetränk "Mexikaner" bestellen wollen, vor lauter Begeisterung leider vergessen, Trinkgeld zu geben, aber dafür die Frau neben ihnen dichtschwallen.

Aber im Gegensatz zu den Sauftouristen weiß ich, dass die Vorgärten auf St. Pauli keine Toiletten sind, die Anwohner nicht so gerne auf halbausgepackte Penisse schauen und dass hier Menschen leben, die nicht nachts von Betrunkenen aus dem Schlaf geklingelt werden wollen, weil diese dummerweise gerade kein Taxi bekommen und den Weg zum Hotel nicht kennen.

Jedes Wochenende fahre ich Slalom um die deutsche Leitkultur, die sich in meinem Viertel überwiegend in Form von Glasscherben, Essensresten, Erbrochenem und Schnapsleichen ihre Bahn bricht. So schön! Also für die zahlreichen fetten Tauben, die die wohl einzigen Nutznießer des Ganzen sind. Für alle anderen gilt: An Wochenenden wie diesen ist St. Pauli die größte No-go-Area Deutschlands.

Welcome to hell, lieber Kiez. Die Hälfte meiner Nachbarn ist geflohen, die andere Hälfte verbarrikadiert sich wahrscheinlich das Wochenende über in seiner Wohnung. G20 lässt grüßen.

Seitdem ich hier wohne, denke ich immer wieder darüber nach, nach, sagen wir, Buchholz, Büchen oder Elmshorn zu fahren, dort großflächig Dönerreste auf der Straße zu verteilen, betrunken an alle Bäume zu pinkeln und vorbeilaufende Frauen zu bepöbeln. Macht halt niemand, natürlich. Warum auch? Aber warum zur Hölle vergessen nahezu jedes Wochenende im Sommer Menschen in meinem Vorgarten sämtliche Umgangsformen?

Es mag sich noch nicht überall herum gesprochen haben, aber St. Pauli besteht nicht nur aus der Reeperbahn, es ist ein ganz normaler Stadtteil in einer deutschen Großstadt - mit Grundschulen, Altersheimen, Wohnhäusern und Restaurants. Genauso übrigens wie Kreuzberg, wo auch zum Karneval der Kulturen Menschen von a nach b müssen, einfach, weil sie dort wohnen. Oder in Ganderkesee, wo sich bestimmt auch nicht alle gefreut haben, als Himmelfahrt ein riesengroßes Vatertagsgelage aufgelöst werden musste.

Deshalb: Wenn ihr dieses Wochenende unterwegs seid, auf dem Hafengeburtstag, den HSV beweinend oder im Schweinchenkostüm einen Junggesellenabschied feiernd, ruft euch doch auch nach fünf Bier kurz in Erinnerung, wie ihr euch zuhause im Wohnzimmer benehmen würdet. St. Pauli wird es euch danken. Wie auch all die andere Kieze dieser Republik.

Frohes feiern, ich gehe arbeiten.



insgesamt 22 Beiträge
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hello_again 12.05.2018
1. Guter Kommentar, ebenfalls meine Meinung
Leider ist das hier im spon die falsche Zielgruppe. Und die Horden ausländischer Touristen lesen das erst recht nicht. In Hamburg bin ich lieber woanders unterwegs. Ohne Massen ist es gemütlicher ;)
chit 12.05.2018
2. Danke.
Ich bin mach Hessen geflohen. Wie letztes Jahr wird wahrscheinlich auch wieder mein Kennzeichen am daheim geblieben Auto geklaut...typisch Hafengeburtstag. Ansonsten wird Ihr netter und richtiger Beitrag nichts bringen. "Dann zieh halt nicht nach Pauli"... sicherlich schon mal gehört...
RalfWenzel 12.05.2018
3. Augen auf bei der Wohnungswahl!
Ich wohne in der Nähe von Bergedorf. Wenn ich Kiez will, bin ich in 30 min da. Ohne Auto. Langweilig? Vielleicht. Dafür pinkelt mir keiner in den Garten.
dirstar 12.05.2018
4. Das ist ja auch sehr neu.
Mich würde interessieren wie alt Sie sind und wie lange sie dort schon wohnen. St Pauli ist ja nicht erst seit gestern für solche Wochenenden bekannt. Im übrigen ist es doch nur noch für Touristen interessant und schon lange kein Kiez mehr. Genau wie Friedrichshain, Kreuzberg etc. Spätestens wenn sich die obere mittelschicht anfängt für solche Stadtteile zu interessieren können sich die Menschen die einen Kiez zu dem machen was er ist gar nicht mehr leisten dort zu wohnen. Einige Zeit später fangen die neuen "Herren" an sich über die Zustände zu beschweren. Viel Spaß bei der Arbeit.
TheFunk 12.05.2018
5. St. Pauli ein ganz normaler Stadtteil?
mitsamt dem Rotlichtviertel, den Zuhältern, den Prostituierten? Man weiß doch was einen erwartet, wenn man dort hinzieht. Kinder, die in einer solchen Umgebung groß werden, sind doch ziemlich enthemmt. Ansonsten empfehle ich der Autorin Farmsen. langweilig, aber ruhig
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