Haiti-Beben: Mitten im Wahnsinn von Port-au-Prince

Ein Land in Trümmern, überall Tote und Verletzte. Beim Erdbeben in Haiti starben Hunderttausende Menschen. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Björn Hengst war im Krisengebiet.

Vorher-nachher-Bilder: Was das Beben in Haiti angerichtet hat Fotos
Getty Images

Ich weiß nicht, ob sie zu einem Mann gehörten oder einer Frau, zu einem jungen oder alten Menschen: zwei schlaff herabhängende, staubige Arme, von der Bahre gerutscht, die zwei Helfer durch die trümmerbedeckten Straßen von Port-au-Prince trugen, mehr sah man nicht. Den Rest des Körpers hatten sie mit schwarzer Plastikfolie bedeckt. Ich weiß auch nicht, wohin die Männer den Leichnam brachten. In den ersten Tagen nach dem Beben am 12. Januar wurden Tausende Tote aus Angst vor Seuchen einfach auf Müllhalden verbrannt.

Im Auto fuhr ich morgens durch Haitis Hauptstadt-Ruine, meine ersten Stunden in einem Katastrophengebiet. Von Hamburg über Paris, Miami und Santo Domingo in der Dominikanischen Republik nach Port-au-Prince: Die Reise bot viel Zeit, um über das nachzudenken, was mich erwarten würde.

Dennoch war es ein surrealer Moment, in dem auf Wohlfühltemperatur heruntergekühlten Wagen zu sitzen und an Hunderten eingestürzten Häusern vorbeizufahren. Die Bahre mit den Leichenarmen zu sehen, die im Takt der Männerschritte schaukelten. Oder später den zerschlagenen Körper der Frau, die Rettungskräfte mit etlichen Knochenbrüchen so eben noch lebend aus der Schuttwüste gezogen hatten und zum American Red Cross brachten. Den süßlichen Geruch der Verwesung wahrzunehmen, bei dem einem der Atem stockt. Sehen, riechen, spüren, fühlen, das alles gehört zum Journalistenberuf und trotzdem fragt man sich in solchen Augenblicken, ob das auch obszön sein kann.

Nie werde ich Marie-Lucette Stephan vergessen, der ich in der Deutschen Botschaft begegnete. Ihr Haus in Port-au-Prince war eingestürzt, sie war schwanger, brauchte Insulin und wollte schnell zurück nach Deutschland, wo ihr Mann auf sie wartete. Genug Sorgen für einen Menschen. Trotzdem fuhr mich die Haitianerin in ihrem Pick-up ein paar Minuten durch die Stadt, auf Rückbank und Ladefläche drängte sich die halbe Verwandtschaft. Stephan hatte ein ansteckendes Lachen!

Ich habe nicht viele lächelnde Menschen gesehen in jenen Tagen. Auch an Musik kann ich mich nicht erinnern, es gab ja kaum Strom. Und dann dieser Reggae-Sound in Santo Domingo in der benachbarten Dominikanischen Republik kurz vor der Rückreise nach Deutschland. Eine Küstenstraße, Dutzende Bars und Pizzerien, dazu die Musik. Was für eine absurde Szenerie nach all dem Wahnsinn von Port-au-Prince.

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