NS-Relikte auf Kirchenglocken Dumpfes Läuten

Hitler-Glorifizierungen, Hakenkreuze, Wehrmachtsembleme: Knapp zwei Dutzend Glocken mit NS-Bezug hängen noch in deutschen Kirchen. Viele tun sich schwer mit dem braunen Erbe.

Jakobskirche in Herxheim am Berg
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Jakobskirche in Herxheim am Berg

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Hätte Sigrid Peters sich nicht so geärgert, wäre Herxheim am Berg vielleicht nie bundesweit bekannt geworden. Aber die pensionierte Lehrerin und Organistin ärgerte sich tüchtig - darüber, dass die Glocke im Turm der Jakobskirche von Herxheim ein Hakenkreuz zierte, Maße: 35 mal 35 Zentimeter. Also hing sie das kleine Emblem an die große Glocke.

Das war im Mai vergangenen Jahres, seitdem hatte der Streit um die "Hitler-Glocke von Herxheim" beachtliche Auswirkungen: In vielen anderen Kirchengemeinden wurde die Existenz ähnlicher Glocken bekannt, im ganzen Land kam es zu Debatten über den Umgang mit diesen NS-Relikten. In Herxheim trat im Laufe der hochemotionalen Debatte schließlich sogar der Bürgermeister zurück.

Aber wie groß ist das Problem wirklich? Der SPIEGEL hat bei sämtlichen evangelischen Landeskirchen und der katholischen Kirche nachgefragt. Das Ergebnis: Mindestens 23 Glocken mit mehr oder weniger eindeutigem NS-Bezug hängen auch 73 Jahre nach Untergang des "Dritten Reichs" noch in deutschen Kirchen.

Eine Sprecherin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) spricht auf Anfrage von "einzelnen Ausnahmen", allerdings hängen die meisten Glocken mit braunem Anklang augenscheinlich in Gotteshäusern der EKD: Nach Auskunft der Landeskirchen sind es neun allein in Ostdeutschland, sechs in der Pfalz, vier in Baden.

Von den katholischen Gotteshäusern ist laut Deutscher Bischofskonferenz nur ein einziges betroffen: Auf zwei Glocken in der Kirche St. Johannes der Täufer im hessischen Amöneburg prangen Hakenkreuze.

Dass nicht von deutlich mehr solcher Klangkörper die Rede ist, hat mehrere Gründe. Einerseits wurden viele Glocken während des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen, um das Metall in der Rüstungsindustrie zu verwenden. Von den verbliebenen Glocken wurden zudem später viele ersetzt.

Andererseits könnte die Liste noch länger werden, weil es keine zentrale Erfassung gibt. So hat zwar die Landeskirche in Baden ihre rund 3000 Glocken in einer Datenbank registriert, die evangelische Nordkirche hingegen gar keine Kenntnisse über Symbole und Inschriften auf dem Geläut der Gotteshäuser. Ein Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz weist zudem darauf hin, dass von privaten Stiftern errichtete Kapellen nur unvollständig inventarisiert seien.

Der Umgang mit den Glocken aus der NS-Zeit stellt teilweise den Zusammenhalt in den Gemeinden auf die Probe: Die Debatte verläuft mitunter äußerst hitzig.

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Hakenkreuz im Kirchturm: Der Glockenstreit von Faßberg

Besonders groß war der Groll einiger Gemeindemitglieder offenbar im niedersächsischen Schweringen: Dort flexten Unbekannte ein Hakenkreuz in einer nächtlichen Aktion Anfang April kurzerhand von der Glocke - und hinterließen eine Botschaft: "Wir Schweringer werden uns jetzt wieder auf das Dorfleben konzentrieren."

Wohl auch angesichts solcher Vorfälle gibt die evangelische Landeskirche in Mitteldeutschland die Namen der betroffenen Orte zwischen Gera und Stendal gar nicht erst bekannt: "Es soll vermieden werden, dass sich Neonazis Zugang zu den Glocken verschaffen, Fotos von den Glocken machen oder die Kirchen anderweitig für ihre Zwecke nutzen könnten", sagt Pressesprecher Friedemann Kahl.

Dabei ist der NS-Bezug gar nicht in allen Fällen auf den ersten Blick zu erkennen. Denn nicht immer sind die Glocken mit Hakenkreuzen oder Huldigungen auf Adolf Hitler versehen: "Gegossen im Jahr der großdeutschen Vereinigung" heißt es etwa auf einer Glocke im Badischen, die wohl auf die deutsche Annexion Österreichs im Jahr 1938 verweist.

In Mehlingen bei Kaiserslautern steht auf einer Glocke aus dem Jahr 1933: "Ins Dritte Reich hineingeboren". Die Formulierung ist fragwürdig, inhaltlich aber gewissermaßen korrekt. Müssen auch solche Glocken weichen?

Die Antworten auf solche Fragen fallen unterschiedlich aus:

  • Einige Gemeinden haben die fraglichen Glocken vorerst außer Dienst genommen, aber nicht abgehängt - etwa in Berlin-Rudow.
  • In mehreren Kirchtürmen haben Experten Inschriften und Symbole entfernt, so in Wiernsheim-Serres nahe Stuttgart.
  • Mancherorts fiel der Entschluss, die Glocken komplett zu ersetzen - etwa in Berlin-Spandau und Rilchingen-Hanweiler im Saarland. Einige Landeskirchen empfehlen diesen Schritt und bieten auch an, die Kosten zu übernehmen.
  • Schließlich gibt es noch die Option, die ausrangierte Glocke als Mahnmal zu erhalten (diese Idee gibt es im niedersächsischen Faßberg) oder mit einer Texttafel auf das NS-Erbe hinzuweisen - wie im hessischen Amöneburg.

Am streitbarsten aber ist wohl die Entscheidung, die in Herxheim fiel, dem Ort mit der "Hitlerglocke". Die gehört nicht der Kirche, sondern der politischen Gemeinde - und die entschied im Februar, die Glocke mit der Inschrift "Alles für's Vaterland - Adolf Hitler" einfach weiterläuten zu lassen. Den Beschluss des Gemeinderats nahmen die Zuschauer mit Applaus auf.

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