Todesfall im Hambacher Forst Hinterbliebene des verunglückten Journalisten werfen NRW-Regierung Hetze vor

Die Familie des im Hambacher Forst gestorbenen Journalisten erhebt schwere Vorwürfe gegen die NRW-Regierung. Der Todesfall sei benutzt worden, um gegen Aktivisten im Hambacher Forst zu hetzen.

Polizisten und Notärzte am 19. September im Hambacher Forst
DPA

Polizisten und Notärzte am 19. September im Hambacher Forst

Von und


Die Familie des freien Journalisten Steffen Meyn, der im September im Hambacher Forst ums Leben gekommen ist, erhebt schwere Vorwürfe gegen die nordrhein-westfälische Landesregierung. Meyn war Kunststudent in Köln und dokumentierte die Räumarbeiten der Baubehörden und der Polizei, dabei stürzte er am 19. September von einer Hängebrücke, die zwischen zwei Baumhäusern gebaut worden war und erlag wenig später seinen Verletzungen.

In einem Offenen Brief, der dem SPIEGEL vorliegt, werfen Meyns Angehörige der NRW-Regierung vor, pietätlos gehandelt zu haben und im Zusammenhang mit dem Unfall Unwahrheiten verbreitet zu haben.

"Aussagen von Landespolitikern und das Verhalten von Behörden haben unsere Trauer und unseren Schmerz verstärkt. Und wir möchten nicht stehen lassen, was im Zusammenhang mit Steffens Tod vonseiten der Landesregierung veröffentlicht wurde", heißt es in dem Brief der auf den 26. November 2018 datiert ist. Das Schreiben ist mit "Familie Meyn und Familie Fritsche" unterzeichnet. Empfänger sind die Staatskanzlei NRW, Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Innenminister Herbert Reul (CDU).

Fotostrecke

5  Bilder
Mann nach Sturz gestorben: Tödlicher Unfall im Hambacher Forst

Der Leichnam sei "gegen den Willen der Eltern" obduziert worden, steht in dem Brief. Die Schuldzuweisung des Innenministers, wonach die Erbauer der Hängebrücke schuld an Meyns Tod seien, empfindet die Familie als "unerträglich". Reuls Behauptung, die Aktivisten hätten nach dem Absturz hämische Bemerkungen gemacht, sei "unerhört" und "nachweislich falsch". Weiter heißt es: "Wir empfinden, dass der Innenminister den Tod Steffens benutzt, um gegen die Baumhausbewohner*innen zu hetzen." Es gebe vonseiten der Politik eine Instrumentalisierung von Meyns Tod, was "Empörung und Wut" bei den Angehörigen auslöse.

Innenminister Reul sagte auf Anfrage des SPIEGEL, er habe "allergrößtes Verständnis für die tiefe Trauer und vielleicht auch Hilflosigkeit der Familie". Meyns Tod habe ihn sehr betroffen gemacht. Unmittelbar danach habe er Kontakt zur Familie gesucht und gefunden. "Aus diesem Grund möchte ich auf diesen offenen Brief nicht so reagieren, wie man das sonst im politischen Geschäft machen würde - und angesichts der gegen mich persönlich erhobenen Vorwürfe vielleicht auch tun müsste."

Kritik üben die Hinterbliebenen auch am Umgang der Räumtrupps mit der Gedenkstätte für Steffen Meyn im Hambacher Forst. "Unsere gepflanzten Blumen hatten kaum 24 Stunden stehen dürfen", heißt es in dem Brief. "Wir haben das als ungeheuer rücksichtslos und pietätlos empfunden, zumal auch noch nicht alle Angehörigen angereist waren, um die Gedenkstätte und den Unglücksort zu besuchen."

Protestplakat am 20. September, einen Tag nach Steffen Meyns Tod
DPA

Protestplakat am 20. September, einen Tag nach Steffen Meyns Tod

Die Angehörigen gehen zudem auf die Diskussion um den Fortbestand des Tagebaus Hambach ein. Die Aufgabe der Landesregierung wäre es, "intelligente Konzepte zu erarbeiten, um den Beschäftigten im klimaschädlichen Braunkohletagebau eine berufliche Perspektive zu liefern", schreiben die Eltern.

Nach der Beseitigung der Aktivisten-Baumhäuser im Oktober wollte RWE einen Großteil des Waldes für den Braunkohletagebau Hambach abholzen. Das Oberverwaltungsgericht Münster verfügte jedoch einen vorläufigen Rodungsstopp. Seitdem ist der Hambacher Forst kein Betriebsgelände mehr, sondern unterliegt als öffentlich zugänglicher Wald dem Forstgesetz.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.