Integration im Problemviertel Ein hartes Pflaster, aber keine Sackgasse

Deutsch ist in Hamburg-Billbrook eine Fremdsprache, die Integration von Flüchtlingen scheint kaum möglich. Im "Schulkinderclub" versuchen Pädagoginnen, das Beste aus der schwierigen Situation zu machen.

SPIEGEL ONLINE

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So richtig deutsch ist am Billbrookdeich 226 nur die Einlasskontrolle.

Tritt ein Kind durch die blaugestrichene Tür in den braungefliesten Windfang, steht es direkt vor Svea Ahmad. Die Erzieherin ist die äußerst bürokratische Variante einer Türsteherin: Bei jedem Neuankömmling zückt sie den Kugelschreiber und trägt den Namen mitsamt Ankunftszeit in die Liste ein, die auf dem Stehtisch vor ihr liegt. Erst dann darf das Kind in den Tiefen des Bungalows verschwinden.

Die formalistische Willkommenskultur sortiert ein wenig das alltägliche Chaos im "Schulkinderclub Billbrookdeich", einer auf Migranten zwischen sechs und 18 Jahren spezialisierten Kita im Hamburger Osten. "Wir würden sonst komplett den Überblick verlieren", sagt Pädagogin Ahmad. Sie ist an diesem Sommertag eine von zwei "Überfliegern", so steht es auf dem weißen Zettel an der Pinnwand hinter ihr. Ein Überflieger wacht auf einem Hocker am Eingang, der zweite eilt permanent durch den holzummantelten Containerbau.

Helga Awad ist Überflieger Nummer zwei, die Chefin des Schulkinderclubs läuft gerade aus Richtung Küche herbei. Am Eingang greift ein Junge mit Beatles-Gedächtnisfrisur um sein Schienbein und kreischt, dass es in den Ohren fiept. Awad, eine Dame mit sieben Armbändern und sechs Ohrringen, greift seine Hand, lotst ihn ins Nebenzimmer, die Schreie verstummen. "Er ist einer unserer schwierigsten Fälle", sagt sie. "Spricht gar kein Deutsch - und will es auch nicht lernen."

Die Erzieherin arbeitet seit 24 Jahren im Schulkinderclub Billbrookdeich. 24 Jahre, in denen mehrere Asylkrisen kamen und gingen, in denen Awads Team nützliche Erfahrungen sammelte und die Einrichtung zu dem machte, was sie heute ist: eine Anlaufstelle, die Perspektiven bietet - mit Nachhilfe, Spielen, Gesprächen. "Wir nehmen die Kinder immer so, wie sie sind", sagt Awad, "und sie sind sehr unterschiedlich."

In vielen anderen Kitas spricht jeder fließend Deutsch, es gelten feste Bring- und Abholzeiten oder klare Altersgrenzen. Der Schulkinderclub hingegen ist an drei Tagen pro Woche von 7.30 bis 20 Uhr geöffnet, das älteste Kind ist 18 Jahre alt, kaum jemand spricht Deutsch als Muttersprache.

Dass trotzdem fast alle der 187 Heranwachsenden meistens miteinander deutsch sprechen, gleicht einem Wunder - das nur möglich ist, weil sich keine andere Sprache als Gesprächsgrundlage für alle anbietet. Der Migrantenanteil liegt bei 100 Prozent, insgesamt haben die Kinder 16 verschiedene Nationalitäten, der einzige Junge mit deutschem Pass ist der Sohn eines Peruaners und einer Polin. Beträte Pegida-Chef Lutz Bachmann den Schulkinderclub, stünde er jenem Szenario gegenüber, das er seit Jahren beschwört: Am Billbrookdeich sind Deutsche fremd im eigenen Land.

Der Schulkinderclub, gelegen zwischen Firmengeländen, einer Moschee und der einzigen Schule des Stadtteils, spaltet Meinungen und versöhnt Menschen. Ein Ort, der polarisiert, Ängste schüren und Vorbehalte verstärken kann. Ein Ort, an dem das Scheitern mancher Multikulti-Hoffnung greifbar ist - und der sich trotzdem zum Erfolgsmodell mausern könnte: Weil vielleicht gerade diejenigen zu ungeahnten Kraftakten fähig sind, denen es am wenigsten zuzutrauen wäre. Am Billbrookdeich lässt sich beobachten, wie miese Rahmenbedingungen die Integration behindern und die Zuwanderer trotzdem ihren Weg gehen.

Ein Geruchscocktail aus Acrylfarbe und Schweiß zieht aus einem länglichen Zimmer am Ende des Flurs. Im sogenannten Atelier hocken sechs Jungs und neun Mädchen an zwei kreisrunden Tischen; im wöchentlichen Kalligrafiekurs malen sie arabische Schriftzeichen auf Kaffeetassen, während sie sich in ihren Muttersprachen unterhalten: russisch, türkisch, arabisch, mazedonisch, kurdisch.

Die vielen Muttersprachen stellen die Pädagogen vor ungeahnte Herausforderungen, etwa beim Aushang des Essensplans. Aber Kita-Chefin Awad ist trick- und ideenreich: Aus einem Regal in der Küche zieht sie einen schwarzen Karteikasten, in dem Dutzende Fotos von Gemüse- und Obstsorten, Nudelgerichten und Eintöpfen stecken - akkurat laminiert und alphabetisch sortiert. "Die heften wir mit Magneten an unseren Speiseplan", sagt Awad, "das versteht wirklich jeder."

Ein hartes Pflaster, aber keine Sackgasse

Mittlerweile benetzt Sprühregen die Fenster des Bungalows und vernebelt den Blick auf die Außenwelt. Im Grunde eine gute Sache, denn die Welt da draußen erscheint noch trüber als das Wetter. Zwar ist Billbrook ein grüner Stadtteil, durch den sich Nebenarme der Elbe und des Flüsschens Bille schlängeln. Auffälliger sind allerdings die farblosen Wohnblöcke und Fabrikhallen, die Sondermüllverbrennungsanlage, das Heizkraftwerk. Supermärkte, Kinos, Kneipen? Gibt's nicht.

Billbrook ist ein abgehängtes Viertel. Hierher zieht nur, wer vom Amt oder der eigenen Bedürftigkeit dazu genötigt wird. Fast acht von zehn Einwohnern sind Ausländer, der Anteil der Billbrooker mit Migrationshintergrund ist binnen sieben Jahren von 65 auf 85 Prozent gestiegen, unter Kindern beträgt er 98 Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt knapp unter zehn Prozent, das Bildungsniveau am Boden: Lediglich 11,9 Prozent der Schüler besuchen ein Gymnasium, in ganz Hamburg ist es sonst nahezu jeder Zweite.

Maureen Schwalke kennt Billbrook seit ihrer Kindheit. Die Bezirksabgeordnete der Linken beobachtet die Entwicklung des Stadtteils mit Sorge. Sie störe sich vor allem daran, dass die Flüchtlinge in einem Gewerbegebiet leben, sagt sie. "Wie soll man Menschen integrieren, die quasi ausgelagert werden?" Zwar gebe es in Billbrook viel Platz für große Unterkünfte, trotzdem sollten nicht so viele Neuankömmlinge in dem Stadtteil untergebracht werden: "Weil die Leute dort unter sich bleiben."

Helga Awad lässt sich auf einen Bürostuhl in ihrem Arbeitszimmer sinken und schnauft durch. Getrampel und Geschrei dröhnt durch die gelbgestrichenen Wände, von der Decke baumeln melonengroße Pappmaché-Flugzeuge. "Die hat ein ehemaliges Kita-Kind gebaut", sagt sie, "der Toni aus Albanien." Sie macht eine Pause, lächelt, fügt hinzu: "Der hat Abitur gemacht, Flugzeugtechnik studiert und besucht uns noch immer ab und zu." Billbrook ist ein hartes Pflaster, aber keine Sackgasse.

Awad zählt noch ein paar Namen auf von früheren Kitakindern, die einen Platz für sich gefunden haben - im Ausbildungsbetrieb, im Hörsaal, im Leben. Einige kämen noch immer regelmäßig in den Schulkinderclub, sagt Awad, "sie gehören irgendwie dazu, wir sind hier für viele ein bisschen Familie."

Faire Chancen haben trotzdem nicht alle, das weiß auch Awad. "Richtig integrieren geht hier kaum", sagt die Erzieherin. "Die müssten alle viel besser auf ganz Hamburg verteilt werden." Sie deutet mit dem Arm in verschiedene Richtungen: zur Gemeinschaftsunterkunft für 118 Asylbewerber in der Nachbarschaft, zum Heim für rund 600 Migranten in der nahgelegenen Berzeliusstraße, zur Wohnanlage mit 645 Bewohnern direkt nebenan. In Billbrook leben 1364 Kriegsflüchtlinge und andere Zuwanderer, bei insgesamt nicht einmal 2200 Einwohnern.

Importierte Konflikte, kreative Lösungen

Am frühen Nachmittag kommen die Überflieger kaum noch hinterher. Immer mehr Ganztagsschüler strömen in den Bungalow, die Kakophonie aus Brüllen und Brabbeln könnte problemlos den Samstagnacht-Pegel im S-Bahnhof Reeperbahn übertreffen. Der Schulkinderclub bietet reichlich, wofür die Partymeile berühmt ist: eine exotische Mischung aus Geplapper, Gewusel, Gestank. Und Konflikten.

Natürlich gebe es auch Streit, sagt Leiterin Awad, während sie einen kleinen Jungen zur Begrüßung umarmt. "Ein paar Mal haben sich kurdische und christliche Grundschüler aus Syrien um Spielzeug gezankt - und wir haben erst später begriffen, dass die Krisen in ihrer Heimatregion damit zu tun haben." Politische und religiöse Konflikte als Importware? Awad winkt ab, sie habe die Angelegenheit wie alle anderen Probleme dieser Art gelöst: mit Elterngesprächen, fairen Regeln, klaren Ansagen. "Wir wirken von Außen vielleicht wie ein Ameisenhaufen, aber auch ein Ameisenhaufen ist gut organisiert."

Warum kommen die Schüler trotz all der Konflikte und Sprachbarrieren so gut miteinander aus? Awad lehnt im Türrahmen zur Küche und setzt ein wissendes Gesicht auf. "Die Kinder, die vor drei Jahren nach Deutschland kamen, sind heute kleine Dolmetscher und Integrationshelfer für die Neuankömmlinge."

Der Staat ist überfordert, am Billbrookdeich müssen die Kinder ihre Integration selbst in die Hand nehmen.

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