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Getötetes Kleinkind: Fall Tayler bringt Hamburgs Sozialsenatorin in Erklärungsnot

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Der 13 Monate alte Tayler wurde in Hamburg zu Tode geschüttelt, die Mutter steht unter Verdacht. Hat das Jugendamt versagt? Die zuständige Senatorin gibt sich zerknirscht - und wortkarg.

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SPD-Senatorin Leonhard: "Für mich aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar"

Als Sozialsenatorin Melanie Leonhard am Mittag vor die Presse tritt, sieht es so aus, als habe sie ihre Mimik dem Hamburger Regenwetter angepasst. Mit trübem Blick und monotoner Stimme verliest die SPD-Frau die Erklärung zu einem Fall, der ihr nach knapp fünf Monaten im Hamburger Senat die erste Krise einbringt.

Es geht um den Jungen Tayler, der kurz vor Weihnachten im Alter von 13 Monaten nach schweren Misshandlungen starb - und das unter den Augen des zuständigen Jugendamts Altona. Ein Bericht der Jugendhilfeinspektion, einer staatlichen Prüfinstanz, hat verheerende Versäumnisse festgestellt. Nachdem SPIEGEL ONLINE am Freitag zuerst über das Papier berichtet hatte, äußerte sich die Senatorin nun erstmals zu den Ergebnissen.

Chantal, Yagmur, Tayler

Der Fall reiht sich ein in eine tragische Serie. Mehrfach starben in Hamburg in den vergangenen Jahren Kinder in der häuslichen Umgebung, obwohl die Jugendämter die prekären Zustände in den Familien längst kannten. Die Namen wurden zu Mahnmalen: Lara-Mia. Chantal. Yagmur. Nach jedem Todesfall gelobten die Behörden stets bessere Regeln und bessere Aufsicht - offenbar ohne Konsequenzen.

Im Fall Tayler begann eine "beispiellose Chronologie von Fehlern, Versäumnissen und Verantwortungslosigkeit", sagt Daniel Oetzel, familienpolitischer Sprecher der FDP in der Hamburger Bürgerschaft.

  • Im August kam Tayler mit blauen Flecken und einem Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus. Die Mutter konnte die Blessuren nicht erklären. Rasch wuchs der Verdacht auf Misshandlung, das Jugendamt Altona nahm das Kind aus der Familie.
  • Nach wenigen Tagen schon entschied die zuständige Fachkraft im Jugendamt allein, das Kind in absehbarer Zeit wieder nach Hause zu lassen. Obwohl zuvor in einer Runde mit der Abteilungsleitung, einer kollegialen Beratung, das Gegenteil beschlossen worden war.
  • Bevor Tayler wieder bei seiner Mutter einzog, kam er für zehn Tage zu seiner Großmutter. Danach zu einer Pflegefamilie, die laut Prüfbericht eine verbindliche Fortbildung nicht absolviert hatte, und in der sich die Eltern demnach möglicherweise just zu der Zeit trennten, in der sie sich um Tayler kümmern sollten. Das aber konnten die staatlichen Prüfer wegen lückenhafter Akten heute nicht mehr rekonstruieren.
  • Als Tayler noch in der Pflegefamilie war, beauftragte die Mitarbeiterin des Jugendamts den freien Träger Rauhes Haus, die leibliche Mutter zu unterstützen. Dies geschah telefonisch - und damit gegen die Regeln: Solch ein Auftrag muss schriftlich erfolgen.
  • Am 5. Oktober kam Tayler zu seiner Mutter zurück, ohne dass die Gefährdungslage für das Kind zuvor untersucht, und ohne dass der Schlüsselbeinbruch vom August aufgeklärt worden wäre. "Es war ein Ticket in den Tod", sagt Philipp Heißner, familienpolitischer Sprecher der CDU in der Bürgerschaft.
  • Zwölf Stunden, später acht Stunden die Woche war das Rauhe Haus für die Mutter da. Sechsmal in den Monaten November und Dezember bemerkten die Familienhelferinnen schwere Blessuren bei Tayler: blaue Flecken, Beulen, Kratzer, Striemen am Kopf. Sie nahmen der Mutter ihre Ausreden ab. Auch am 11. Dezember nahm eine Helferin blaue Flecken zu Protokoll. Und schlug wieder keinen Alarm. Sie behauptete später, ihr fehle der "notwendige Sachverstand", um solche Verletzungen beurteilen zu können.
  • Am 12. Dezember kam das Kind mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus, eine Woche darauf verlor es sein Leben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen die Mutter und ihren Lebensgefährten wegen eines Tötungsdelikts. Sie sollen das Kind zu Tode geschüttelt haben. Ein Sprecher der Behörde sagte, man wolle nun auch den Bericht der Jugendhilfeinspektion anfordern, um weitere Ermittlungen zu prüfen.

Senatorin Leonhard gibt sich zerknirscht. Die Entscheidung, das Kind in die Familie zurückzugeben, sei "für mich aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar". Sie spricht von "Prozessen und Standards", die eigentlich fatale Fehler verhindern sollten. Sie wolle mit den Leitern der Bezirksämter, zu denen die Jugendämter gehören, "darüber sprechen, wie sie sicherstellen, dass diese Prozesse auch wirklich an jedem Schreibtisch ankommen". Was genau die Senatorin meint, sagt sie nicht. Nachfragen sind nicht zugelassen.

Der Plan: "Dichter führen"

Die Leiterin des zuständigen Bezirksamts Altona, Liane Melzer, kündigt an, sie wolle für alle Mitarbeiter des Jugendamts künftig eine jährliche Fortbildung zum Thema Kindeswohlgefährdung vorschreiben. Außerdem wolle man überprüfen, wie man freie Träger "dichter führen" könne. Bevor ein Kind in die Familie zurückgeführt werde, solle künftig eine kollegiale Beratung verpflichtend sein - was tatsächlich längst Vorschrift ist.

CDU-Mann Heißner sieht "tiefgreifende Missstände" im Hamburger Jugendhilfesystem, die auch nach dem Fall Yagmur offenbar nicht behoben worden seien. Anfang 2015 hatte ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss Empfehlungen für die Verbesserung des Kinderschutzes erarbeitet. Es sei versäumt worden, diese Empfehlungen "konsequent in den Bezirksämtern umzusetzen", sagt Heißner.

Und auch Ludwig Salgo, Professor für Familienrecht in Frankfurt am Main und Experte für Jugendschutz, sieht Fehler im System. Wer Regeln setze für Jugendämter, der müsse auch dafür Sorge tragen, dass sie befolgt werden, sagt Salgo.

Für Senatorin Leonhard dürfte der Bericht der Jugendhilfeinspektion erst der Auftakt sein für unangenehme Wochen. Am Donnerstag muss sie in einer Sondersitzung des Familienausschusses den Parlamentariern Antworten geben. Und es gibt den Fall Deljo: Der Säugling wurde offenbar ebenfalls von seinen Eltern schwer misshandelt, nachdem er zurück in die Familie durfte. Zuständig auch diesmal: das Jugendamt Altona.

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