Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg "Wir leben von den täglichen Wundern"

Eine Kirche im Hamburger Stadtteil St. Pauli hat rund 80 Flüchtlinge aufgenommen. Rechtsextreme Proteste wie in Berlin-Hellersdorf bleiben aus, die Solidarität mit den Männern aus Afrika ist enorm. Doch das ungewöhnliche Flüchtlingslager ist eine Lösung auf Zeit.

Von Rainer Leurs und

imago

Hamburg - "Wer von euch schreibt denn mit der rech-ten Hand?", fragt Helga Grust betont langsam in die Gruppe. Zaghaft gehen ein paar Hände hoch. "Und wer schreibt mit der Lin-ken?" Noch mal zwei Handzeichen. Der Rest versteht die Frage nicht. Also von vorn: Das hier ist rechts. Das hier ist links. Und das hier ist die Mitte. Willkommen beim improvisierten Deutschkurs für Anfänger in der St. Pauli Kirche, in der seit Anfang Juni etwa 80 Flüchtlinge aus Westafrika untergebracht sind.

"Lampedusa-Flüchtlinge" werden die Männer genannt. Was sie in Hamburg erlebten, ist ein Beispiel einer funktionierenden Zivilgesellschaft, eine Geschichte, die ebenso dringend erzählt werden muss, wie die vom Aufmarsch rechtsextremer Hitlergrüßer und von dem fremdenfeindlichen Protest von Bürgern, wie ihn Flüchtlinge derzeit in Berlin-Hellersdorf erleben müssen.

Viele der Hamburger Flüchtlinge waren als Wanderarbeiter nach Libyen gekommen. Als dort der Bürgerkrieg ausbrach, flohen sie über das Mittelmeer, strandeten auf der italienischen Insel Lampedusa. Als Anfang des Jahres ihre Camps in Italien geschlossen wurden, so schildern es die Flüchtlinge, hätten die italienischen Behörden sie mit Papieren und Bargeld ausgestattet und auf die Reise nach Nordeuropa geschickt.

Zahlreiche afrikanische Obdachlose tauchten daraufhin in Hamburg auf. Keiner weiß, wie viele es genau sind. Unterstützergruppen nennen meist die Zahl 300, die Innenbehörde geht von deutlich weniger aus. Viele Flüchtlinge kamen zunächst in Winternotunterkünften unter. Als der Winter vorbei war, standen sie auf der Straße. Etwa 80 Mann fanden ab Juni schließlich Unterschlupf in der St. Pauli Kirche. Aus dem Gotteshaus ist so das Zentrum einer bemerkenswerten Bewegung geworden.

Während sich in Hellersdorf Bürger schützend vor die Bewohner des neuen Asylbewerberheims stellen und gegen rechtsradikale Parolen anbrüllen müssen, ist in Hamburg eine Eskalation ausgeblieben.

Als die pensionierte Grundschullehrerin Helga Grust von den Flüchtlingen hörte, bot sie Hilfe an. Seit zweieinhalb Monaten gibt sie nun dreimal die Woche Deutschunterricht mitten in der Kirche, etwa zwanzig Mann hören ihr an diesem Vormittag hingerissen zu. Rund hundert Helfer haben sich bisher am Flüchtlingsprojekt in der Kirche beteiligt, jeden Montagabend setzen sich alle zusammen und beraten, wer welche Aufgaben übernehmen könnte: Frühstück zubereiten, Nachtwache halten, Brotspenden von der Bäckerei abholen.

Nebenjob Flüchtlingsbetreuer

Die Stimmung erinnert an ein Ferienlager. Aus einem kleinen Kofferradio scheppert "In the Air Tonight" von Phil Collins, rund um das Gotteshaus flattern bunte Badetücher, T-Shirts, Pullis zum Trocknen auf den Wäscheleinen. Die Flüchtlinge, junge Typen allesamt, viele mit Basecap und Stöpseln vom MP3-Player in den Ohren, suchen sich ihre Beschäftigung. Zwei Männer richten gespendete Fahrräder her, schrauben an Gangschaltungen und Bremsbacken herum. Ein anderer hat sich gelbe Gummihandschuhe übergezogen, er putzt er den blauen Klo- und Duschcontainer, der neben dem Kirchenportal steht.

Als die Flüchtlinge in Hamburg ankamen, machte die Stadt schnell klar: Für euch gibt es hier keine Perspektive. Der Senat beruft sich auf die Dublin-II-Verordnung: Derjenige europäische Staat ist für das Asylverfahren zuständig, den ein Flüchtling zuerst betreten hat. Die Männer wollen in Hamburg bleiben. Doch Hamburg will die Männer nicht bleiben lassen.

Nun wird nach Lösungen gesucht, um eine Zuspitzung wie in anderen Städten zu verhindern. Zum ersten Mal fanden unlängst Gespräche zwischen Vertretern von Stadt und Flüchtlingen statt, unter Moderation der Kirche. Die Rolle der Kirche sei es, Bewusstsein zu schaffen, Angebote zu machen und zu vermitteln, sagt Fanny Dethloff, die Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche. "Miteinander reden hilft, statt gegeneinander Plakate zu malen."

Binnen Stunden melden sich zahlreiche Freiwillige

Die Pastoren der St. Pauli Kirche haben seit drei Monaten zwei Jobs: Martin Paulekun und Sieghard Wilm betreuen nicht nur ihre Gemeinde, sondern managen auch ein kleines Flüchtlingslager. "In den ersten Tagen kam hier alle Minute jemand mit einer Sachspende rein", sagt Paulekun. "Das hat viel Mut gemacht." Für ihn hat der Erfolg des Projekts auch mit dem Stadtteil St. Pauli zu tun. "Anscheinend können sich hier mehr Leute vorstellen, dass es Menschen in Not gibt", sagt er.

Als ihnen nach ein paar Tagen die Freiwilligen für eine Nachtwache ausgingen, fragten Wilm und Paulekun bei der Kita nebenan um Rat. Dort gab es zwar keine Nachtwächter, dafür aber einen umfangreichen Mailverteiler. Die Anfrage verbreitete sich rasant. Binnen Stunden, erzählt Paulekun, hätten sie genug Freiwillige für die nächsten Tage gehabt: "Wir leben von den Wundern, die uns täglich zufallen."

Am Wochenende demonstrierten in Hamburg mehr als 2000 Menschen für den Verbleib der Flüchtlinge. Schon zuvor hatte die Bezirksversammlung Altona beschlossen, dass die Kirchengemeinde 3000 Euro Soforthilfe bekommen soll.

Die Hamburger Flüchtlingsgruppe hofft auf ein Bleiberecht nach Paragraph 23 des Aufenthaltsgesetzes. Dieser sieht vor, dass Bundesländer eine Aufenthaltserlaubnis aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen erteilen können.

Dafür gebe es nicht das nötige Einvernehmen mit dem Bundesinnenministerium, entgegnet ein Sprecher der Hamburger Innenbehörde. Eine anonyme Gruppenlösung für alle Flüchtlinge werde es nicht geben. Der Senat will die Personalien feststellen und dann im Einzelfall entscheiden.

"Ich konnten nicht sprechen vor Angst"

Die Flüchtlinge lehnen diese Registrierung ab. Ein Sprecher der Gruppe ist Andreas, seinen Nachnamen will auch er nicht nennen. Andreas trägt Ringelpulli mit Hemdkragen, ein adretter 30-Jähriger mit Geheimratsecken. In klarem Englisch erzählt er seine Lebensgeschichte: Marketingstudium in Accra, Ghana. Wegen eines Stammeskonflikts 2005 nach Tripolis ausgewandert. Als Leiharbeiter auf dem Bau malocht. Dann kam 2011 die Revolution - in den Wirren der Kämpfe wurde er ausgeraubt und in ein Auto geworfen, danach ging es zum Hafen. "Die haben gesagt, wenn ich nicht aus Libyen abhaue, bringen sie mich um."

Die lebensgefährliche Überfahrt nach Italien dauerte drei Tage. "Ich konnte nicht sprechen vor Angst", sagt Andreas. Er hofft, dass die Odyssee in Hamburg nun ein Ende findet.

Eine schnelle Lösung scheint jedoch unwahrscheinlich. Vorerst müssen die Flüchtlinge weiter auf dem Boden der Kirche schlafen. Im Winter dürfte es dafür zu kalt werden. Wie es dann weitergehen soll, lässt Pastor Paulekun offen. Eines sei aber sicher: "Wir bringen das Thema hier zu Ende. Das haben wir uns fest vorgenommen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
m.to.the.o 22.08.2013
1. .
Schön von solchen Aktionen zu lesen. Wenn Fremde sehen das sie nicht nur geduldet werden sondern willkommen sind fällt es ihnen meiner Meinung nach leichter sich im laufe der Zeit anzupassen. Sie bleiben dann wahrscheinlich auch eher von kriminellen Machenschaften fern. Und wenn in Berlin 20 bis 40 dumme Menschen gegen Flüchtlinge demonstrieren und hunderte sich ihnen entgegenstellen zeigt es nur das es nur ganz wenige von ihnen gibt. Zumindest in den Großstädten hier oben .
tillmatic 22.08.2013
2. Abschiebung
Zum Glück bin ich schon vor langem aus der Kirche ausgetreten... und ich habe leider auch die Demo am Wochenende mitbekommen. Da war ich schon baff nach den gestellten Forderungen. Aber wenn ich hier jetzt lese das die aus Ghana kommen... und das auch freiwillig zugeben... dann ist ja auch klar das es für die Leute nach Hause geht. Und sorry... ich kenne jemanden der wohnt gegenüber der Kirche...und da wird das Murren über den Lärm durch Konzerte und Musik zu unmöglichsten Zeiten schon lauter.
glen13 22.08.2013
3.
Bis zu diesem Absatz hatte ich nur Sympathie für die Flüchtlinge: "Eine anonyme Gruppenlösung für alle Flüchtlinge werde es nicht geben. Der Senat will die Personalien feststellen und dann im Einzelfall entscheiden. Die Flüchtlinge lehnen diese Registrierung ab. Ein Sprecher der Gruppe ist Andreas, seinen Nachnamen will auch er nicht nennen." Warum lehnen die Flüchtlinge denn eine Registrierung ab? Das kommt doch nicht von denen selbst. Die freuen sich doch, dass sie hier sicher sind. Warum instrumentalisieren da wieder einige die Flüchtlinge gegen den Hamburger Senat? Die werden doch von linken Gruppierungen aufgehetzt. Ich verstehe das nicht. Es gibt doch kein Land auf der Erde, welches ohne Registrierung Flüchtlinge aufnimmt.
britneyspierss 22.08.2013
4. Verdrehte Wahrheiten
Zunächst einmal handelt es sich nicht um Lybier die aus ihrer Heimat von den "Nato-Bomben" vertrieben wurden,wie es oft emotional uns unterstellt wird.Es sind afrikanische Gastarbeiter aus Zentralafrika und nicht aus Lybien.Ausserdem handelt es sich nicht um mittellose Kriegsflüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention sondern sie haben mit ihrem Geld eben die Schlepperbanden bezahlen können,die ihre Überfahrt ermöglichten. Diese schwarzafrikanischen Gastarbeiter hätten bei Kriegsausbruch in ihre Heimatländern zurückkehren können,stattdessen bezahlten sie lieber eine Überfahrt. Und Italien begeht eindeutigen Vertragsbruch diesen Menschen noch ein Transitvisum und 500,-€ Geld in die Hand zu drücken da "Deutschland ja viel sozialer sei."
mnbvc 22.08.2013
5. Seltsame Geschichte
Diese Geschichte mutet sehr seltsam an. I schickt Flüchtlinge weiter, obwohl sie dafür Mittel von den Nordstaaten bekommen, um das nicht zu tun. Daneben gibt der Mann am Ende des Artikels an, er sei überfallen und auf ein Boot nach I verfrachtet worden. Warum bezahlen dann andere Flüchtlinge für genau so eine Überfahrt horrend viel Geld an Schlepper (=org. Kriminelle)? Daneben taucht kurz das wahre Problem auf: er wurde durch einen Stammeskonflikt aus Ghana vertrieben. Das ist doch weit weg vom "Nato-Krieg", der zu Beginn von den Flüchtlingen als Grund der Abwanderung genannt wurde. Dazu muss man die Aussage streichen, dass D am Krieg in LY schuld sei- unser AM Westerwelle konnte sich nicht zu einem Einsatz gegen den Diktator durchringen. F und GB haben das dann übernommen. Soll man die Flüchtlinge jetzt dorthin weiterreichen? Dann fällt mir noch ein, was im Krieg aus Libyen berichtet wurde: dort wurden Schwarzafrikaner in den Wirren des Krieges besonders schlecht behandelt und davongejagt, weil die Söldner (nicht die regulären libyschen Truppen), die für teuer Geld für Gaddafi Massaker begingen, Schwarzafrikaner waren. Und nu?
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