Pastor nach Bluttat am Jungfernstieg "Ich bekomme gerade einigen Hass ab"

Ein Mann ersticht zwei Menschen am Hamburger U-Bahnhof Jungfernstieg, tatverdächtig ist ein Asylbewerber. Diesen Fall nutzen Rechtspopulisten für ihre Zwecke - und werfen einem Hamburger Pastor Mitschuld vor.

Flüchtling in Hamburg (Symbolbild)
DPA

Flüchtling in Hamburg (Symbolbild)

Ein Interview von


Drohbriefe, Hassmails, wüste Beschimpfungen am Telefon und im Netz: Seit Tagen erlebt der Hamburger Pastor Sieghard Wilm einen Shitstorm. Der Auslöser: Er wird vor allem von Rechtspopulisten für ein grausames Verbrechen am Hamburger Bahnhof Jungfernstieg mitverantwortlich gemacht.

Mourtala M. soll am 12. April seine ehemalige Freundin und die gemeinsame kleine Tochter mit einem Messer getötet haben. Pastor Wilm kannte den Asylbewerber aus Niger kaum. Das interessiert in der emotional aufgeladenen Debatte aber offenbar viele Menschen nicht.

Für sie zählt: Wilms Kirche hatte 2013 entschieden, 80 von insgesamt rund 300 sogenannten Lampedusa-Flüchtlingen in der Stadt für einige Monate im Kirchenschiff schlafen zu lassen - aus humanitären Gründen. Zu der Gruppe gehörte auch Mourtala M. Das genügt in den Augen einiger Menschen, dem Pastor eine Mitschuld an der Tat vom 12. April zu geben.

ZUR PERSON
  • SPIEGEL ONLINE
    Sieghard Wilm, 52, ist Pastor der St.-Pauli-Kirche in Hamburg. Er studierte Theologie und Ethnologie in Heidelberg, in Accra/Ghana und in Hamburg. 2013 nahm seine Gemeinde 80 westafrikanische Flüchtlinge in der Kirche auf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wilm, wie haben Sie die Tage nach der Tat am Jungfernstieg erlebt?

Wilm: Das ist ein schreckliches Verbrechen. Ich denke an die Opfer und fühle mit deren Angehörigen, vor allem mit den weiteren Kindern der Frau. Umso erschreckender finde ich, dass viele Menschen von diesem Leid ablenken und die Tat instrumentalisieren, um Hass auf Flüchtlinge und Menschen, die ihnen helfen, freien Lauf zu lassen. Davon bekomme ich gerade einiges ab.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Wilm: Wenn ich ans Telefon gehe, brüllen mir Menschen "Mörder" oder "Doppelmörder" ins Ohr. Ich bekomme E-Mails, in denen steht, an meinen Händen klebe Blut. Bei Twitter heißt es, ich hätte "Messer-Musel" ins Land geholt. Man fragt mich: "Pastor Wilm, wie viele Mörder halten Sie noch für uns bereit?" Für diese Leute habe ich Schuld oder Mitschuld am Tod dieser jungen Frau und des kleinen Mädchens - weil Mourtala M. zu den Flüchtlingen gehörte, die für eine Weile hier in der Kirche untergekommen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut kannten Sie den Mann?

Wilm: Ich habe Mourtala M. seit Jahren nicht gesehen und kannte ihn - unter anderem wegen sprachlicher Hürden - nur flüchtig. In der Berichterstattung einiger Medien über die Tat am Jungfernstieg wurde aber etwas ganz anderes suggeriert.

SPIEGEL ONLINE: Worüber haben Sie sich geärgert?

Wilm: Die "Bild"-Zeitung hat ein Foto vom Tatort abgebildet und ein Bild von mir dort hineinmontiert. Darüber stand: "Priester betreute Messerstecher von Hamburg". Da wurde eine Nähe inszeniert, die es gar nicht gab. Die Redaktion hat online Bild und Text auf mein Drängen später ausgetauscht und verändert. Aber die Berichterstattung, nicht nur in der "Bild"-Zeitung, sondern auch in einigen anderen Medien, hat riesigen Schaden angerichtet, und zwar keineswegs nur für mich persönlich.

Blumen am Tatort
DPA

Blumen am Tatort

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Wilm: Hier werden Hass, Rassismus und rechtsnationales Gedankengut getriggert. Es ist schlimm genug, dass ein Mann zwei Menschen getötet hat. Aber weil er als Lampedusa-Flüchtling inszeniert wird, wirft diese Tat nun einen Schatten auf die ganze sogenannte Lampedusa-Gruppe, letztlich auf alle Flüchtlinge in Deutschland oder sogar auf alle Muslime. Dabei war selbst die Lampedusa-Gruppe immer nur eine Notgemeinschaft auf Zeit und ist inzwischen stark zersplittert. Niemand behauptet, dass durch Zuwanderung keine Probleme entstünden. Aber so eine Berichterstattung ist journalistisch absolut fahrlässig.

SPIEGEL ONLINE: Hass gibt es auch ohne Berichterstattung.

Wilm: Vermutlich. Aber er wird durch eine bestimmte mediale Aufbereitung geschürt. Ein Beispiel: Ein 17-Jähriger aus meinem Stadtteil hat mal einen bewaffneten Raubüberfall auf eine Tankstelle begangen. Ich hatte den Täter zwei Jahre zuvor konfirmiert. Ein anderer Fall: Ein 15-Jähriger, der bei uns in der Jugendsozialarbeit betreut wurde, hat einen anderen erstochen. Beide Male hat mich kein Journalist damit in Verbindung gebracht. Die Tat am Jungfernstieg wird dagegen genutzt, um die ohnehin schon besorgniserregende Angst und Abneigung gegenüber Menschen aus anderen Ländern zu schüren.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Wilm: Die "Bild"-Zeitung spricht vielleicht eher schlichtere Gemüter an. Im "Cicero", dessen Redakteure sich vermutlich für rechtsintellektuell halten, war von einer "tödlichen Wirklichkeitsverleugnung" die Rede. Der Fall zeige, dass falsches Denken grausame Folgen habe. Das zielt darauf, dass jeder, der sich aus humanitären Gründen um Hilfe für Flüchtlinge bemüht, der Mittäterschaft bezichtigt wird. Und es wird letztlich subtil vermittelt, jeder Flüchtling sei ein potenzieller Messerstecher. Solche Texte sind für mich geistige Brandstiftung.

SPIEGEL ONLINE: Die Vorwürfe, unter anderem im "Cicero", richten sich nicht nur gegen die Politik, sondern auch gezielt gegen die Kirche. Stört Sie das besonders?

St.-Pauli-Kirche, Hamburg
SPIEGEL ONLINE

St.-Pauli-Kirche, Hamburg

Wilm: Mich ärgert, dass der Fall genutzt wird, um den Streit übers Kirchenasyl neu zu befeuern. Dabei haben wir 2013 gar kein Kirchenasyl gewährt. Beim Kirchenasyl geht es ja vor allem darum, dass asylrechtliche Verfahren vor einer Abschiebung überprüft werden. Bei uns war es eine Nothilfe aus humanitären Gründen, damit Menschen nicht auf der Straße verelenden.

SPIEGEL ONLINE: Es gab schon damals Kritik daran.

Wilm: Allerdings. Ich wurde zum Beispiel als "Islamist" beschimpft, weil wir auch Muslimen geholfen haben. Was mich besorgt: Inzwischen ist alltäglicher Rassismus offenbar auch in bürgerlichen Kreisen salonfähig, und dabei werden immer öfter auch Grundprinzipien christlichen Glaubens infrage gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Wilm: Selbst im "Hamburger Abendblatt" stand in einem Kommentar noch vor der Tat am Jungfernstieg mit Bezug auf das Kirchenasyl: "Die Geste der Nächstenliebe schwächt den Rechtsstaat". Wenn solche Sätze in einer bürgerlichen Zeitung stehen, was folgt daraus? Nächstenliebe ist gefährlich? Die Kirche der Staatsfeind? Das ist absurd.

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