Ein Jahr nach G20 Tanzen gegen die Schatten

Vor einem Jahr eskalierte der G20-Gipfel in Hamburg. Mit einem Rave wollen Demonstranten daran erinnern - und verhindern, dass die Gewalt von Vermummten und Polizisten ins Vergessen gerät.

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Die Stimmung ist ausgelassen, als wäre das hier ein Techno-Festival: Beats wummern über die Sternschanze in Hamburg, Menschen tanzen, gut 2300 Teilnehmer sind zu diesem Protest-Rave gekommen. Sie gehen und tänzeln hinter Umzugswagen her, auf denen DJs stehen und auflegen. Irgendwer schießt eine Konfettikanone ab, rote Papierfetzen regnen auf die Menge.

Es ist Samstagnachmittag, der 7. Juli 2018, die Sonne brennt. Von der Schwelle eines Salons aus filmen die Friseure Akdemir und Akorsu den Zug. Sie lachen. Toll sei das, "so viele Menschen". Dann fragt Akorsu: "Wofür ist die Demo?" Akdemir wiegt den Kopf, dann zuckt er mit den Schultern.

Wie schnell geht Vergessen? Vor genau einem Jahr, am 7. Juli 2017, tagte in der Hansestadt der G20-Gipfel: Auch damals brannte die Sonne vom Himmel und später, als sie untergegangen war, brannten die Feuer in den Straßen der Schanze. Eigentlich hatten sich die Mächtigen der Welt mit dem Vorsatz getroffen, friedlich über das Schicksal der Weltgemeinschaft zu beraten.

Bilder, die um die Welt gingen

Doch Tausende angereiste vielfach gewaltbereite Demonstranten aus ganz Europa hatten mit Frieden wenig im Sinn. Sie besetzten das linksalternative Schanzenviertel über Stunden, sie randalierten auf der Elbchaussee, sie blockierten die Fahrwege der Mächtigen und ihrer Limousinen. Die Bilder der Vermummten, die Barrikaden errichteten, Supermärkte plünderten und Pflastersteine auf Wasserwerfer warfen, gingen um die Welt. "Welcome to Hell" - so hieß eine Demo am Vorabend des Gipfeltreffens - und diese Hölle hieß Hamburg.

In der Schanze erinnert gerade wenig an die aufgeheizte Stimmung von einst. Der Zug zieht und tänzelt weiter - auf den Routen von damals. Er passiert die Orte, wo es vor einem Jahr heftig krachte - den Fischmarkt an der Elbe, wo die Polizei einen Schwarzen Block in einer Demonstration zu trennen versuchte. Das Millerntorstadion, dem Anfang der Reeperbahn, wo Demonstranten nach der Räumung eines Camps übernachteten. Die Messehallen, wo damals die Staatschefs gut abgeschottet tagten.

Im Vorfeld hatte der Hamburger Innensenator Andy Grote die linken Extremisten vor Ausschreitungen gewarnt. „"Das ist eine klare Botschaft an die Szene: Überlegt euch das gut. Und wenn ihr das unbedingt machen wollt, macht lieber einen Bogen um Hamburg"“, sagte der SPD-Politiker. Schon beim G20-Gipfel warGrote durch harte Wortwahl aufgefallen, die Randalierer bezeichnete er als "hochkriminelle Gewalttäter".

Unfassbare Gewalt

Die Warnung scheint zu wirken. Viele Protestierende sind in friedlicher Absicht hier. Eine von ihnen ist Stephanie, Sommersprossen, Birkenstocksandalen. Die 35-Jährige ist mit Freund und Kindern gekommen. Sie schiebt einen Fahrradanhänger, darin blättert ihre Tochter in einem Pixi-Buch. "Sie wollte dabei sein, auch wenn sie das alles noch nicht wirklich versteht", sagt Stephanie. Vor einem Jahr war sie auch hier - damals protestierte Stephanie gegen G20. "Meine Kinder habe ich für das Wochenende raus zu den Großeltern geschickt", erzählt sie. "Ich habe ihnen gesagt, dass die Stadt nicht sicher für sie ist." Sie sollte Recht behalten.

Demonstranten wie Stephanie erlebten nicht nur unfassbare Gewalt von Vermummten, sie erlebten auch Brutalität bei Polizisten. Was sie erlebt hat, prägt Stephanie bis heute. "Ich war geschockt von der Gewalt, die die Polizei anwendete." Eine Szene hat sie bisher nicht vergessen: Ein Polizist schubste eine ältere Frau so sehr, dass sie stürzte. "Diese Frau stellte überhaupt keine Gefahr dar. Ich habe mich so machtlos gefühlt", sagt Stephanie.

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Ein Jahr G20: Liebe statt Hiebe

Diese Brutalität von Randalierern und Polizei ist bis heute nicht richtig aufgearbeitet: Es folgten Sonderausschüsse, Befragungen, Bürgerversammlungen. Doch Folgen hatte all das bisher kaum - weder für die Weltpolitik, noch für die Polizei, noch in der linken Szene. Einige Demonstranten wurden vor Gericht gestellt. Einige wurden festgenommen, nachdem die Polizei mit einer großangelegten Pranger-Aktion im Internet nach ihnen gefahndet hatte.

Konfetti statt Scherben

Erik Schulze hatte Glück - er war während des Gipfels nicht in der Stadt. "Ich spüre G20 aber immer noch an jeder Ecke", sagt der 28-Jährige. Er diskutiere viel mit seinen Freunden über Politik, G20 sei immer wieder Thema. "Ich will deshalb an die Missstände von vor einem Jahr erinnern. Der Polizeieinsatz bei G20 war höchst zweifelhaft", sagt Schulze.

Ein Jahr später prangen an der besetzten Roten Flora die immer gleichen antikapitalistischen Parolen. Im Juni haben Bagger die Hamburger Sparkasse gleich neben der Flora abgerissen. Damals waren die Vermummten in das Filiale eingedrungen und hatten das Interieur so sehr zerstört, dass das Gebäude bloß noch beseitigt werden konnte. Die meisten Läden im Viertel haben heute Jalousien aus Eisen, die nachts herabgelassen werden. Zur Vorsorge. Damals hatten die Bewohner der Schanze nach dem Krawall zum großen Putzen eingeladen. Sie hatten die Scherben aufgekehrt und ihr Viertel gesäubert.

Morgen nach dem Rave werden sie das wieder tun, nur dass sie dieses Mal die Konfetti wegfegen.

Im Video: Ein Jahr nach G20

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