Flüchtlingsheim am Grenzweg

Flüchtlingsheim am Grenzweg Auf dem "Stuhl der Wahrheit"

SPIEGEL ONLINE

Von Marianne Wellershoff


Bakr Al-Lami schneidet Flüchtlingen in Hamburg-Rahlstedt die Haare. Bei dem Iraker, der selbst geflohen ist, erzählen sie von ihren Ängsten und Hoffnungen.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

"Der Stuhl der Wahrheit", wie sie ihn hier nennen, ist ziemlich bequem, dick gepolstert und mit schwarzem Kunstleder bezogen, ein Drehsessel mit verchromtem Fuß. Er steht in einem kleinen Raum im Unterrichtstrakt der Flüchtlings-Erstaufnahme (EA) in Hamburg-Rahlstedt.

Der Friseursalon hat vor einigen Wochen eröffnet. Werktags von 14 bis 18 Uhr geht Bakr Al-Lami hier dem Job nach, den er auch in Bagdad gemacht hat. Der Laden läuft prima, so gut sogar, dass noch weitere Friseure gebraucht werden, auch der Afghane Enayatullah verschönert hier Köpfe. Heute stehen schon um 13 Uhr die ersten Kunden mit ihren Kindern vor der Tür, zeigen auf zu lange Ponys und hoffen, dass Al-Lami früher anfängt.

Die Idee zum Friseursalon, in dem Flüchtlinge für Flüchtlinge arbeiten, hatte Tanja Bee-Weinelt, die stellvertretende Leiterin des Containerdorfs. Gerade in solchen Lebensumständen sei es wichtig für die Würde der Menschen, sich "sauber und gepflegt" zu fühlen, sagt Bee-Weinelt. Außerdem hatte sie erfahren, dass eine Friseurstube in einer anderen Unterkunft "zum sozialen Frieden und zum Wohlbefinden der Bewohner" beitrage.

Der kurdische Iraker Elias Rasho Said ist Stammkunde von Al-Lami. Der Friseur setzt die Schermaschine am Nacken an und schiebt sie hoch, Strich für Strich fallen Haare auf den Boden, bis nur noch oben auf dem Kopf ein schwarzer Schopf sitzt. "Ich mache jede Frisur, die der Kunde will", sagt Al-Lami, der seine Haare länger trägt. Trendfrisuren in der Unterkunft gebe es nicht, "jeder hat seinen Geschmack".

Und jeder hat seine Geschichte. Hier, auf dem "Stuhl der Wahrheit", kommen die Menschen ins Plaudern, wie in jedem Friseursalon. Erst nennen sie ihren Namen, und irgendwann erzählen sie vom Krieg, von ihrer Flucht, ihren Hoffnungen und Ängsten.

"Viele haben für sich eine bessere Zukunft in Deutschland erwartet, ein stabiles Leben, Arbeit, Heirat, Kinder", sagt Al-Lami, "aber was sie hier erleben, ist nicht einfach." Dann berichtet er von einem irakischen Landsmann, der aus Mossul kommt. "Der Bruder ist tot, die Mutter ist tot, alle in der Familie sind tot, aber sein Asylantrag wurde abgelehnt." Unter Epilepsie leide der Mann auch, deshalb sei er gerade im Krankenhaus. Solche dramatischen Lebensgeschichten, sagt Al-Lami, belasteten ihn.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Auch sein eigener Asylantrag ist abgelehnt worden, in Norwegen, wohin er zuerst geflohen war. Nach dem negativen Bescheid reiste er nach Deutschland weiter, in der Hoffnung, hier bei einem Verwaltungsgerichtsprozess doch noch anerkannt zu werden. 750 Euro kostet der Anwalt, monatlich 106 Euro Taschengeld bezieht Al-Lami, daher hat er Ratenzahlung vereinbart, 50 Euro im Monat.

Warum er einen negativen Bescheid bekommen hat, versteht er nicht. "Mein Bruder war Soldat und ist vom IS getötet worden", erzählt Al-Lami, "als ich zum Militärdienst eingezogen werden sollte, bin ich geflüchtet. Ich wollte nicht, dass meine Eltern ihren letzten Sohn verlieren." Die Schwestern und die Eltern blieben im Irak zurück. Seinen Eltern gehe es nicht gut, erzählt der Friseur, sie seien oft im Krankenhaus.

Sein Herz gehört einer Syrerin

"Amar", den Namen seines Bruders, hat er sich auf die Finger tätowiert, der Arm ist mit japanischen Schriftzeichen dekoriert, sie bedeuten "Kunst", "Liebe", "Frieden", "Leben", "Gott". Also das Gegenteil von Krieg und Mord und IS. Auf der Handkante ist "Suhad" zu lesen, der Name seiner Cousine. Sein Herz aber gehört einer Syrerin, die er in einer Unterkunft in Deutschland kennengelernt hat. Eine islamische Hochzeit hätten sie schon gefeiert, sagt Al-Lami, für die standesamtliche Trauung fehlten noch Papiere aus dem Irak. Der Asylantrag der Syrerin wurde schon positiv entschieden, allerdings in Dänemark, und deshalb müsse sie vielleicht dorthin zurück. Dort sei das Verfahren für Ehen mit Ausländern sowieso weniger kompliziert als in Deutschland.

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Flüchtlingsheim am Grenzweg: Der Friseur

Ausgestattet wurde der Friseursalon mithilfe von Spenden, erzählt Sabine Krafft, Sozialmanagerin in der EA Rahlstedt. Sie ist studierte Sozialwirtin, aber vor dem Studium hat sie eine Friseurausbildung gemacht. Mit der Bitte um Spenden wandte sie sich an ihren damaligen Arbeitgeber und an rund dreißig weitere Hamburger Salons. Neben Peter Polzer waren noch zwei Läden bereit, Umhänge, Scheren, Bürsten zu spenden; der eine, "Salon Pradco", aus dem reichen Blankenese, der andere, "Saint Pauli", aus dem eher armen St. Pauli.

Ein Drogeriemarkt spendete Haargel, Haarwachs und Stylingprodukte, Ikea schenkte ein Sofa und einen Einkaufsgutschein, aus dem Flüchtlingsfonds des Erzbistums Hamburg kam das Geld für die Profi-Schermaschine.

"Sie finden es so schön hier"

Am Wochenende gehört der Friseursalon den Frauen, dann schneidet die Russin Narine Bagdasaryan den Bewohnerinnen der EA Rahlstedt die Haare. Gerade föhnt sie die Haare ihrer Freundin Gaiane Grigorian glatt, das macht sie einmal pro Woche.

Bagdasaryan ist gelernte Friseurin und gelernte Krankenschwester, in Deutschland würde sie eigentlich lieber in einer Klinik arbeiten. Aber auch ihr Asylantrag ist abgelehnt worden: Dass ihr Mann sie geschlagen hat, ist kein Grund für ein Bleiberecht in Deutschland. Vor allem ihre zehnjährige Tochter und ihr 16-jähriger Sohn würden lieber in Hamburg bleiben, als nach Moskau zurückzugehen: "Sie finden es so schön hier", sagt Bagdasaryan.

Menschen vom Grenzweg
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Referentin Integrationsdienste und Ehrenamtsmanagerin in der Flüchtlingshilfe ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt. Er besucht einen Integrationskurs.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
Arnold Morascher
Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.

Viele der Kundinnen kommen mit Kopftuch, dann schneidet sie ihnen eine neue Frisur, die wieder vom Kopftuch verdeckt wird. "Das ist schon ein bisschen schade", sagt die Friseurin, "aber ich verstehe das, ihre Religion schreibt das vor."

Nach dem Erfolg des Friseursalons möchten die Malteser demnächst auch ein Nähstübchen eröffnen. Doch erst, wenn es Spenden und Spendengelder gibt, kann es richtig losgehen. Einige Schneider leben schon in der Unterkunft. Bis dahin flicken sie Kleidung notfalls mit Nadel und Faden.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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