Eisiger Zufluchtsort Hammerfest, das nördlichste Flüchtlingscamp der Welt

Schnee, Kälte, Einsamkeit: Hammerfest in Norwegen ist ein unwirtlicher Ort - und neues Zuhause für Flüchtlinge. Für einige von ihnen ist die Kleinstadt hoch im Norden unerträglich, für andere ist sie ein Wunderland.

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Wenn Huda al Haggar aus dem Fenster blickt, dann sieht sie eine Welt aus Schnee und Eis. Die Aussicht ist eine ganz andere, als sie es aus ihrer Heimat, dem Jemen, gewohnt ist. Für sie ist es ein Wunderland.

"Es ist wundervoll aufzuwachen und dieses Bild zu sehen, das Meer und die Berge. Es ist ein herrlicher Ort", sagt die junge Mutter. Die Holzhütten, in denen sie und die anderen Geflohenen wohnen, dienten vor Beginn der großen Migration nach Europa Arbeitern von Ölfirmen als Unterschlupf.

Hammerfest gilt als nördlichstes Flüchtlingscamp der Welt.

Mehr als 5000 Menschen sind im vergangenen Jahr nach Norwegen geflohen, bevor das Land seine Grenzen dicht gemacht hat. Die meisten kamen aus Syrien und Afghanistan. Hunderte warten nun in dem 10.000 Einwohner großen Hammerfest und anderen Städten der Region auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge.

Nicht viele von ihnen dürften damit gerechnet haben, am Ende ihrer langen Reise 460 Kilometer nördlich des arktischen Polarkreises zu landen. Es ist weniger die Kälte, die ihnen zu schaffen macht. An der Küste fallen die Temperaturen selten unter Minus 10 Grad. Es ist vielmehr die Dunkelheit.

Und plötzlich war die Sonne weg

Rami Saad, ein 23 jähriger Syrer aus Damaskus, wollte den Einheimischen erst nicht glauben, als sie ihm von der Polarnacht erzählten. Aber im späten November "war plötzlich die Sonne verschwunden", sagt er. Die ewige Finsternis hat die innere Uhr des jungen Mannes ganz schön durcheinander gebracht. Eines Tages stand er um 11 in der Cafeteria, um sich sein Mittagessen zu holen. "Aber da war niemand", sagt Rami. "Es war nämlich 11 Uhr in der Nacht".

Auf der Insel Seiland, einem Naturreservat, westlich vom Hammerfest gelegen, besitzt Stig Erland Hansen einige abgelegene Hütten. Im Sommer vermietet er sie an Abenteuertouristen. Vor einigen Monaten hat ihn die Norwegische Regierung gebeten, Dutzende Asylsuchende dort aufzunehmen.

"Ich dachte zunächst, das ist doch verrückt", erinnert er sich. Wie könne man geflohene Menschen nur hierher bringen, auf dieses Fleckchen Erde, "nördlich von Nirgendwo?"

Beschäftigung hilft beim Warten

Doch mittlerweile betrachtet er das Camp als einen Erfolg. Hansen und sein Kollege Paal Mannsverk, die sich gemeinsam um die Menschen kümmern, bieten den Flüchtlingen Beschäftigungsmöglichkeiten. Beim Fischen, Holzhacken, Skilaufen, Schlittenfahren und Wandern lässt es sich leichter auf die Entscheidung der Asylbehörde warten.

Für viele wirkt der Ort dennoch surreal. "Ich komme aus Afghanistan, einem Land weit weg von hier, und nun bin ich im Norden Norwegens. Ich hätte mir das alles niemals auch nur vorstellen können", sagt der 20-jährige Zakria Sedequi.

Manchen ist das zu viel Veränderung. Ein paar junge Männer haben in der Vergangenheit gebeten, von der Insel runterzukommen. Einige sind nach Russland weiter gezogen, andere den ganzen Weg zurück nach Italien.

Sufya, ein Mädchen aus Kabul in Afghanistan, kann das nicht nachvollziehen. "Wenn du in meiner Heimat gewesen wärst", sagt sie, "wo Bomben in den Straßen explodieren, wo Frauen schlecht behandelt werden und du dann an diesen Ort kämst, würdest du dir dann Gedanken um Einsamkeit und Dunkelheit machen?"

Bis zum Sommer sollen die Flüchtlinge noch auf der Insel bleiben, danach werden sie in andere Camps in Norwegen verlegt und in die Hütten beherbergen wieder abenteuerhungrige Urlauber, die ganz freiwillig in die Abgeschiedenheit kommen.

jal/AP



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