Gerichtsentscheid in Hannover Krankenkasse muss Patient Cannabis-Tropfen zahlen

Nach einem schweren Motorradunfall leidet Martin Keese unter chronischen Schmerzen. Nur Cannabis verschafft ihm Linderung - doch die Kasse wollte nicht zahlen. Jetzt muss sie.

Spritzen mit Dronabinol (Archiv)
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Spritzen mit Dronabinol (Archiv)

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Der Leidensweg von Martin Keese begann vor 14 Jahren. Damals hatte der gelernte Dreher auf dem Mofa einen schweren Verkehrsunfall. Ein Autofahrer nahm ihm die Vorfahrt, Keese krachte bei voller Fahrt auf den Asphalt. Ärzte stellten einen fünffachen Bruch der Wirbelsäule fest, ein Teil des Beines wurde später amputiert.

Der 43-Jährige musste mehr als 40 Operationen über sich ergehen lassen. "Seit 2009 leide ich unter chronischen Schmerzen", sagt er. Mehrere Ärzte kamen zu dem Schluss, Cannabis könne am besten Linderung verschaffen.

Innerhalb einer Projektphase zahlte Keeses Krankenkasse IKK Classic mehr als zwei Jahre eine Therapie mit ärztlich verschriebenen Cannabis-Extrakt-Tropfen (Dronabinol). Als das Projekt im Herbst 2014 auslief, verweigerte die Kasse weitere Zahlungen. Das wird sich nun ändern.

2000 Euro im Monat für Cannabis-Extrakt

Das Sozialgericht Hannover verpflichtete die IKK Classic in einem außergewöhnlichen Eilentscheid, die Kosten für Dronabinol zu übernehmen (Az: S 10 KR 1420/16 ER). Es geht um etwa 2000 Euro im Monat.

Der Richterspruch sei eine Ausnahme, sagte der Hamburger Rechtsanwalt Oliver Tolmein, juristischer Experte für das Thema Cannabis als Medizin. Cannabis ist eine illegale Droge. Anbau, Besitz und Handel werden in der Regel strafrechtlich verfolgt. Seit 2011 ist es Ärzten jedoch möglich, cannabishaltige Arzneimittel zu verschreiben.

Wer aus medizinischen Gründen Dronabinol oder Cannabis in Blütenform konsumieren will, zahlt fast immer selbst. Für den Konsum der Blüten ist eine Ausnahmegenehmigung nötig, die etwa 900 Patienten in Deutschland erhalten haben.

In dem Beschluss vom 30. August, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es nun: Grundsätzlich müsse eine Kasse Dronabinol zwar nicht erstatten. Das Bundesverfassungsgericht aber habe entschieden, dass Versicherte in Ausnahmefällen Leistungen erhalten könnten, die nicht im Leistungskatalog enthalten seien.

Dabei gehe es um Patienten, die todkrank seien oder vergleichbar leiden würden. Der zuständige Richter in Hannover beruft sich darauf, dass Keese Schmerzen beschreibe, "die sich bereits in Alltagssituationen auf ein geradezu unerträgliches Maß steigern". Es handele sich offenkundig um den Fall eines "schwersten chronischen Schmerzgeschehens", der mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung auf eine Stufe zu stellen sei.

"Neue Regelung wäre wünschenswert"

Keeses Anwalt Benjamin Schmidt aus Laatzen zeigte sich erleichtert über die Entscheidung. "Das Verfahren war für meinen Mandanten eine zusätzliche Belastung." Unter Tränen habe Keese vor Gericht seinen Leidensweg schildern müssen. Schmidt sagte, es sei zu hoffen, dass sein Mandant kein Einzelfall bleibe. "Eine neue Regelung wäre wünschenswert."

Der Jurist spielte damit auf ein geplantes Gesetz der Bundesregierung an. Wohl ab Frühjahr 2017 soll Cannabis auf Rezept generell von Kassen erstattet werden. Zurzeit wird der Gesetzentwurf im Parlament beraten.

Martin Keese wäre womöglich einiges erspart geblieben, wenn es ein solches Gesetz bereits gäbe. Im Kampf gegen die Schmerzen experimentierte er mit Kokain, wurde abhängig, bekam Depressionen. Zurzeit lebt er in einer Entzugsklinik. Er sagt: "Ich fühle mich von der Politik im Stich gelassen."

Wie wirkt Cannabis bei einzelnen Krankheiten?

Die Ergebnisse zu den einzelnen Krankheiten im Detail:

Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie: Wie sehr Cannabis die Nebenwirkungen einer Chemotherapie abmildern kann, gehört zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Therapiemöglichkeiten. Zu dem Thema fanden die Forscher 28 Studien mit mehr als 1700 Teilnehmern. Alle Untersuchungen sprachen dafür, dass Cannabis Übelkeit und Erbreche besser lindert als ein Placebo oder ein anders Medikament. Die Unterschiede waren allerdings in allen Studien so gering, dass sie statistisch nicht signifikant waren.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich kleine Wirkung

Appetitlosigkeit durch HIV/Aids: Wie gut Cannabis den Appetit von Menschen mit HIV anregen kann, haben vier Studien mit etwas mehr als 250 Teilnehmern untersucht. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Cannabis beim Zunehmen hilft, die Effekte waren allerdings gering. Eine Untersuchung kam so auch zum Schluss, dass Megastrol - ein anderes appetitanregendes Medikament - stärker wirkt als der untersuchte Cannabis-Wirkstoff.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Chronische Schmerzen: Die Wirkung bei chronischen Schmerzen ist im Vergleich sehr gut untersucht, die Forscher fanden 28 Studien, an denen mehr als 2400 Menschen teilgenommen hatten. Die Gründe für die Schmerzen waren allerdings sehr verschieden und reichten von Diabetes bis hin zu Krebserkrankungen. Die Daten deuteten grundsätzlich darauf hin, dass Schmerzpatienten von der Behandlung mit Cannabis profitierten, lautet das Fazit der Forscher. Allerdings seien die meisten gefundenen Unterschiede nicht statistisch signifikant.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine geringe Wirkung

Spastik durch Multiple Sklerose oder Querschnittslähmung: Den Effekt auf Krämpfe untersuchten 14 Studien mit mehr als 2000 Patienten, davon beschäftigten sich elf (2138 Patienten) mit Menschen mit Multipler Sklerose und drei (142 Patienten) mit Menschen mit Querschnittslähmung. Auch wenn nicht alle Ergebnisse statistisch signifikant waren, sprechen die Untersuchungen dafür, dass Cannabis einer Spastik entgegensteuert.

Fazit: relativ gut untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Depressionen: Die Forscher fanden keine Studie, die sich auf die Wirkung von Cannabis und Depressionen konzentrierte und qualitativ gut war. Bei fünf Untersuchungen waren Depressionen einer von mehreren untersuchten Faktoren. Bei drei von ihnen ging es den Menschen nach der Einnahme nicht besser als nach der eines Placebos; eine kam sogar zum Ergebnis, dass sich die höchste untersuchte Cannabis-Dosis im Vergleich zum Placebo negativ auswirkt.

Fazit: wenig untersucht, wahrscheinlich keine Wirkung

Angststörungen: Nur eine Studie beschränkt sich auf die Wirkung von Cannabis im Zusammenhang mit der Therapie von Angststörungen; außerdem fanden die Forscher vier Studien, bei denen ein Teil der Patienten eine Angststörungen hatte. Sie alle sprechen dafür, dass Cannabis die Behandlung unterstützen könnte und besser wirkt als ein Placebo. Vor allem bei der ersten Studie gebe es allerdings ein hohes Risiko für Verzerrungen, schreiben die Forscher.

Fazit: Bislang kaum untersucht, Studien sprechen für positiven Effekt

Schlafstörungen: Auf den Effekt von Cannabis bei Schlafstörungen konzentrierten sich nur zwei Studien mit 54 Teilnehmern, bei 19 Untersuchungen waren Schlafprobleme eine von mehreren untersuchten Beschwerden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Cannabis etwa bei Schlaflosigkeit und Atemaussetzern im Schlaf helfen kann; beim Vergleich mit einem Schlafmedikament war der Stoff jedoch unterlegen.

Fazit: mittelmäßig untersucht, wahrscheinlich eine moderate Wirkung

Psychose: Zur Wirkung bei Psychosen stießen die Forscher auf zwei Studien mit 71 Teilnehmern. Alle Ergebnisse hätten ein hohes Risiko für Verzerrung, schreiben sie. Beide Untersuchungen konnten jedoch auch keinen Unterschied zwischen der Behandlung mit Cannabis, einem Placebo oder dem Wirkstoff Amisulprid nachweisen.

Fazit: wenig untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Grüner Star: Beim Grünen Star, auch Glaukom genannt, leidet das Auge unter einem zu hohen Augeninnendruck oder einer mangelnden Durchblutung. Es gibt Hinweise darauf, dass die Inhaltsstoffe von Cannabis den Augeninnendruck senken können. Zur Therapie des Glaukoms mit Marihuana fanden die Forscher jedoch nur eine winzige Studie mit sechs Teilnehmern - die keinen Unterschied zwischen einer Behandlung mit Cannabis oder mit einem Placebo feststellen konnte.

Fazit: kaum untersucht, bislang keine Wirkung nachgewiesen

Tourettesyndrom: Bei dieser Suche fanden die Forscher nur wenige, aber ermutigende Ergebnisse: Zwei kleine Studien mit 36 Teilnehmern ergaben, dass eine Behandlung mit THC-Kapseln die für die Krankheit typischen Tics möglicherweise abmildert.

Fazit: wenig untersucht, Ergebnisse vielversprechend



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