Fall Harvey Weinstein NBC soll Recherchen von Ronan Farrow behindert haben

Monatelang recherchierte US-Journalist Ronan Farrow zu den Vorwürfen gegen Harvey Weinstein. Sein Arbeitgeber NBC veröffentlichte die Geschichte jedoch nie - nun klagt ein ehemaliger Mitarbeiter den Sender an.

Harvey Weinstein (2012)
REUTERS

Harvey Weinstein (2012)


Als der US-Journalist Ronan Farrow noch für den TV-Sender NBC arbeitete, recherchierte er monatelang zum Fall Harvey Weinstein. Er hatte Frauen aufgespürt, die Missbrauchsvorwürfe gegen den einstigen Hollywoodmogul erhoben - und die teilweise bereit waren, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

Tatsächlich veröffentlichte der Sender die Geschichte von Farrow jedoch nie. Der Journalist verließ NBC, mitsamt seinen Rechercheergebnissen - und bot den Artikel dem "New Yorker" an. Dort erschien er am 10. Oktober, es folgten weitere Artikel. Die Berichterstattung in dem Magazin löste gemeinsam mit Veröffentlichungen in der "New York Times" die #MeToo-Debatte aus - und leitete Weinsteins Sturz ein. Farrow wurde für seine Artikelserie unter anderem mit dem renommierten Pulitzerpreis ausgezeichnet.

Ronan Farrow
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Ronan Farrow

Nun erhebt sein ehemaliger Kollege bei der Nachrichtenabteilung von NBC, der Produzent Rich McHugh, schwere Vorwürfe gegen den Sender. Seinen Angaben zufolge haben die Verantwortlichen die Recherchen von Farrow aktiv behindert. McHugh spricht von einem "schweren Verstoß gegen die journalistische Integrität". Er selbst hat den Sender vor zwei Wochen verlassen. Er sei - trotz seiner Zweifel - so lange geblieben, weil er seine Familie habe versorgen müssen, sagte McHugh der "New York Times". Inzwischen arbeitet er gemeinsam mit Al Gore an einer Klimawandel-Dokumentation.

NBC News bestreitet die Vorwürfe und wiederholt laut "NYT" die bisherige Argumentation, wonach Farrows Geschichte zum damaligen Zeitpunkt noch nicht ausstrahlungs- oder druckreif gewesen sei. Zwischen Farrows Weggang bei NBC und der "New Yorker"-Veröffentlichung lagen knapp zwei Monate.

Laut McHugh habe der Sender während der kompletten achtmonatigen Recherchezeit "Widerstand" geleistet. Mitte August 2017 hätten er und Farrow beispielsweise eine Reise nach Los Angeles geplant, um dort ein mutmaßliches Weinstein-Opfer zu treffen und zu filmen. Die Frau habe berichtet, von Weinstein vergewaltigt worden zu sein, ihre Aussagen schätzte McHugh eigenen Angaben zufolge als glaubwürdig ein. Drei Tage vor dem Flug sei ihm jedoch aufgetragen worden, das Interview zu stoppen und die komplette Geschichte ruhen zu lassen, sagte McHugh.

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Sexuelle Belästigung und Vergewaltigung: Die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein

Der Präsident von NBC News, Noah Oppenheim, sagte der "NYT", McHugh sei niemals aufgetragen worden, "in der Art und Weise zu stoppen, die er impliziert". Ein Problem sei gewesen, dass zu wenige Zeugen bereit gewesen seien, sich filmen oder zitieren zu lassen. Farrow habe ihn vor dem Flug nach Los Angeles gebeten, die Geschichte einem anderen Magazin anbieten zu dürfen. Dem habe er zugestimmt, sagte Oppenheim. Weinstein habe keinen Einfluss auf die Arbeit des Senders gehabt.

Schon kurz nach Farrows erster Veröffentlichung im "New Yorker" wurde in den USA die Frage diskutiert, wie es sein konnte, dass NBC sich die Geschichte entgehen ließ - war sie doch von einem eigenen Mitarbeiter recherchiert worden. Damals schrieb "The Daily Beast", dass NBC alles getan habe, um die Story hinauszuzögern.

Nun berichtet auch die Website von Behinderungen seitens des Senders. Eine NBC-Mitarbeiterin soll demnach sogar mehrfach bei Farrow angerufen und ihm mit Konsequenzen gedroht haben, sollte er seine Weinstein-Recherchen veröffentlichen. Die Website beruft sich auf mehrere Personen, die mit dem Fall vertraut seien. Ein Sprecher des Senders - namentlich ebenfalls nicht genannt - dementierte den Bericht demnach als "absolut falsch".

aar

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
dasfred 31.08.2018
1. Im Nachhinein wussten alle alles besser
Ob es hier wirklich um eine massive Behinderung geht, ist ebenso strittig, wie es seinerzeit die Rechercheergebnisse waren. Wenn dem Sender nur Verdachtsfälle und Zeuginnen mit unbewiesenen Aussagen präsentiert werden, dann wird er es sich bei der amerikanischen Prozesswut dreimal überlegen was er veröffentlicht. Da jetzt im Nachhinein dem Sender einen Vorwurf zu machen, ist einfach nur billig.
Jo-achten-van-Haag 31.08.2018
2. @1
das ist zu kurz gedacht von ihnen und billig ist der Vorwurf schon gar nicht. Wie denn sonst als im Nachhinein. Im Vorfeld wurde doch alles geblockt. Wenn nur einer den Laden verlassen hätte, ok. Aber bei zweien sollte man das doch schon anders reflektieren. Und, es ging um Nachforschungen nicht um Veröffentlichungen. Man sollte nie den Klüngelswillen der alten Herrn unterschätzen.
spammi 31.08.2018
3. @1
Ich kann mich 2 nur anschließen. Veröffentlichen ist eine Sache. Wenn nicht genug Beweise vorlagen, ok. Aber weitere Nachforschungen zu verhindern, Zeugenbefragungen zu stoppen und zu drohen, falls die Ermittlungen nicht eingestellt werden hat definitiv eine andere Qualität! Das ist Pressefreiheit und die sollte auch bei der derzeitigen politischen Lage gelten...
gammoncrack 31.08.2018
4. Dass Weinstein in erheblichem Umfang auch
Beziehungen ins höchste Management von NBC hat(te), wird wohl kaum jemand bezweifeln wollen. Ich halte die Vorwürfe allein deswegen für absolut glaubhaft.
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