Ein Hassbrief und die Antwort "Ich dachte zuerst, das wäre ein Witz"

Die Modelleisenbahn-Attraktion Miniatur-Wunderland ließ im Januar jeden kostenlos rein, der sich den Eintritt nicht leisten konnte. Auch Flüchtlinge profitierten. Nun erhielten die Betreiber einen ätzenden Brief. Wie haben sie reagiert?

Rassistischer Brief an das Miniatur-Wunderland
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Rassistischer Brief an das Miniatur-Wunderland

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"Diese HASS-BOTSCHAFT erreichte soeben das Wunderland!" konnten Fans des Miniatur-Wunderlands am Mittwoch auf der Facebook-Seite der Hamburger Modelleisenbahn-Attraktion lesen. Darunter posteten die Brüder Gerrit und Frederik Braun einen Brief, den sie erhalten hatten. In ihm wurden die Betreiber für ihre "Kann ich mir nicht leisten"-Aktion kritisiert. Im Januar haben sie an mehreren Tagen Menschen kostenlos eingelassen, die nicht genug Geld für den Eintritt haben. Ein Angebot, von dem auch Flüchtlinge profitierten.

Unter anderem steht in dem veröffentlichten Brief: "Wir wünschen Ihnen eine bombenlose Zeit." Und: "Alle Freunde der Eisenbahn werden das Wunderland nicht mehr besuchen!"

In ihrem Post fragen die Miniatur-Wunderland-Macher: "Wo steuern wir hin, wenn eine Aktion wie unsere, bei einigen von Angst gesteuerten Menschen dazu führt, virtuell und per Post solche Hassbotschaften zu verbreiten?" Und sie fordern: "Lasst uns gemeinsam Haltung für eine Welt zeigen, die wieder die Menschlichkeit in den Vordergrund stellt."

SPIEGEL ONLINE: Wie war Ihre erste Reaktion auf den Brief?

Gerrit Braun: Als ich den Brief gesehen habe, konnte ich gar nicht glauben, was da stand. Ich dachte zuerst, das sei ein Witz.

Frederik Braun: Dann haben wir bei der angegebenen Telefonnummer angerufen. Wir waren uns sicher, dass keiner rangeht. Doch plötzlich hatten wir den Herrn am Apparat.

Gerrit Braun: Du hast gesagt, wir hätten seinen Brief gelesen und seien uns nicht sicher, ob wir lachen oder weinen sollen.

Frederik Braun: Und er antwortete: Wir sind hier alle am Weinen, wenn wir die Bilder von den Ausländern im Miniatur-Wunderland sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es zu der Entscheidung gekommen, den Brief zu veröffentlichen?

Gerrit Braun: Wir leben in einer Demokratie, in der jeder seine Meinung frei äußern darf. Auch die Sätze in dem Brief sind weitestgehend freie Meinungsäußerung, die ich nicht teile, aber akzeptieren kann, dass er vielleicht so denkt - bis zu dem Satz, wo er sagt, er wünsche "eine bombenlose Zeit". Da dachte ich: Dieser Brief hat eine Intention. Er sollte uns einschüchtern, wir sollten mit Aktionen wie dieser aufhören. Und das wollen wir nicht.

        Gründer des Miniatur-Wunderlands: die Brüder Gerrit und Frederik Braun
imago

Gründer des Miniatur-Wunderlands: die Brüder Gerrit und Frederik Braun

SPI EGEL ONLINE: Und dann?

Gerrit Braun: Bin ich mit dem Brief im Haus rumgegangen und habe rund 25 Mitarbeiter gefragt, was sie damit tun würden. Wenn es gilt, Entscheidungen zu treffen, mache ich das öfter. Meist kann ich ihre Reaktion schon erahnen, ich weiß, wer vorsichtig ist, wer ängstlich, kritisch oder ganz links außen. Und es war selten so wie gestern, dass alle einer Meinung waren: Das muss veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Angst, Besucher damit vor den Kopf zu stoßen?

Frederik Braun: Auf das Geld von Leuten, die nicht mehr in die Ausstellung kommen mögen, nur weil wir uns für mehr Menschlichkeit einsetzen, verzichten wir gerne und behalten lieber unsere Seele.

SPIEGEL ONLINE: Aber politisch Andersdenkende sind schon willkommen?

Frederik Braun: Natürlich. Ich würde mich sogar freuen, wenn der Verfasser des Briefes zu uns käme und wir in Ruhe darüber sprechen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine Einladung?

Frederik Braun: Zu 100 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: In seinem Brief schreibt er auch im Namen der "Freunde der Eisenbahn". Kennen Sie diesen Verein?

Frederik Braun: Oh, das ist wichtig! Mit dem Verein "Freunde der Eisenbahn e.V." hat dieser Herr nichts zu tun. Die Armen haben nach unserem Post etliche wütende Mails bekommen. Der Mann meinte wohl, dass er mit seinem Brief für alle Menschen sprechen würde, die Eisenbahnen mögen. Eine Frechheit.

SPIEGEL ONLINE: War die "Kann ich mir nicht leisten"-Aktion eigentlich ein Erfolg?

Frederik Braun: Auf jeden Fall. Wir haben rund 18.000 Menschen hineingelassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch waren die Kosten?

Frederik Braun: Keine Ahnung. Wir hatten letztes Jahr im Januar genauso viel zahlende Gäste wie dieses Jahr. Das gibt mir das Gefühl, dass alle ehrlich waren. Und: Wir verzeichnen Pro-Kopf-Umsätze. Das heißt, wir wissen, wie viel jeder Kunde im Durchschnitt im Bistro ausgegeben und Merchandising gekauft hat. Und rechnet man diese 18.000 raus…,

Gerrit Braun: …kommt man auf ein ganz trauriges Ergebnis.

Frederik Braun: Es ist nämlich die gleiche Zahl wie sonst. Was heißt, obwohl diese 18.000 Menschen keinen Eintritt zahlen mussten, hatten die meisten nicht mal das Geld, ihren Kindern eine Cola zu kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als wären die Menschen weit ehrlicher, als viele glauben.

Frederik Braun: Als wir die Ankündigung auf Facebook veröffentlicht haben, gab es viele Reaktionen von Leuten, die sagten: Ihr geht pleite, ihr werdet verarscht. Etwa ein Drittel der Kommentatoren hatte die Befürchtung, dass man uns ausnützen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie aber nicht.

Frederik Braun: Im Gegenteil, wir haben Märchen da unten erlebt. Weinende Kinder, weinende Eltern. Ein Sohn hatte sich zu Weihnachten als einziges gewünscht, ins Miniatur-Wunderland zu gehen - und die Eltern konnten es sich nicht leisten, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Und jetzt standen sie da und beide Eltern haben geheult. Mir stiegen auch die Tränen in die Augen. Für solche Momente hätten wir eigentlich bezahlen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie eine solche Aktion auch anderen Firmen nahelegen?

Frederik Braun: Bei uns ist es so: Wenn wir geöffnet haben, ist es eigentlich egal, wie viele Menschen kommen. Dadurch entstehen uns keine zusätzlichen Kosten. Unternehmen, die eine ähnliche Situation haben - also Tierparks, Museen und so weiter - kann ich nur sagen: Macht das auch. Ihr verliert nichts. Ihr gewinnt nur.

Gerrit Braun: Und das ist doch die geilste Botschaft überhaupt. Dass sich gerade in Zeiten, wo so viele misstrauisch und ängstlich sind, zeigt: Du kannst den Leuten vertrauen und wirst noch dafür belohnt. Deswegen hat uns dieser Brief auch richtig getroffen.

SPIEGEL TV Dokumentation (2012)


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