Hausgeburten: Als Kilian starb

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Eine Frau wünscht sich ein Kind, fast ist es zu spät, sie zu alt. Dann wird sie doch schwanger, endlich. Das Baby soll zu Hause zur Welt kommen, dort, wo es heimelig ist. Aber die Geburt, die schön werden sollte, natürlich und harmonisch, endet in einer Katastrophe.

Sie hat geschrien, laut, gellend. Drei Männer hievten sie hinunter, Stufe um Stufe, Etage um Etage, aus der Wohnung im vierten Stock bis ins Erdgeschoss. Unter ihr knarzten die ausgetretenen Holzstufen, ihr Blick schweifte an den rostrot lackierten Wohnungstüren der anderen Mieter vorbei. Mit jedem Schritt der Männer fuhr es ihr durch den Körper, der steif war vor Schmerzen und doch zwei versorgen musste, sie und das Kind, das Wunschkind.

Zehn Monate hatte sie ihren Sohn ausgetragen, schon jahrelang auf ihn gewartet. Alles sollte gut werden, besonders gut. Vor allem für das Baby. Sie war fast 40, die innere Uhr hatte laut, sehr laut getickt.

Es sollte alles so natürlich sein wie eben möglich, eine Geburt ist keine Krankheit. Christiane Körber* mag Krankenhäuser nicht, den Geruch, das Licht, immerzu die Sorge, die Kontrolle zu verlieren. Sich auf einmal in einem Operationssaal wiederzufinden, ruhiggestellt durch Medikamente, unfähig einzugreifen. Vielen Ärzten misstraut sie. Sie wollte selbst bestimmen.

Ihr Kind sollte es gut haben. Es sollte dort zur Welt kommen, wo man es erwartete, es heimisch werden sollte. Im vierten Stock des Hamburger Altbaus, im Zimmer links vom langen Flur. Dort hatten sie das Gebärbecken aufgestellt, diese Wanne, die ein wenig aussieht wie ein Whirlpool.

Das Leben sollte einziehen in die Wohnung, doch es kam der Tod.

Eine Freundin hatte sich für eine Hausgeburt entschieden, alles war rund gelaufen, keine Probleme, eine schöne Geburt, sofern man das so sagen kann. Über diese Freundin war der Kontakt zur Hebamme entstanden, deren Namen Christiane Körber heute vermeidet. Nennen wir sie Sabine. Sabine hatte sie bestärkt, zu Hause zu entbinden. Eine Frau weiß schließlich am besten, was gut für sie ist. Die Hebamme habe ihr die Angst genommen, sagt Christiane Körber - auch davor, dass der vierte Stock im Ernstfall ein Problem und der Weg zur Klinik zu weit sein könnte. Aber Ernstfälle sind so selten, dass man lieber vom Normalfall ausgeht. Die Frauenärztin hatte sie über die Risiken aufgeklärt, ihr aber nicht abgeraten.

Christiane Körbers Geschichte ist eine Geschichte über Vertrauen und Verantwortung. Und über enttäuschtes Vertrauen und zu viel Verantwortung. Christiane Körber will sie erzählen, weil Schweigen etwas mit Scham zu tun hat. Und Scham etwas mit Schuld.

Sie hatte eine Geburt vor Augen, so natürlich und unproblematisch wie die allermeisten es sind. Sie hat Bücher gelesen. Es ging dort immer um die Verbundenheit von Mutter und Kind, um das richtige Atmen, das richtige Zimmer, die richtige Atmosphäre. Nie um einen richtigen Notfall. Christiane Körber unterrichtet Yoga, sie weiß, wie man richtig atmet, die Aufmerksamkeit nach innen lenkt, ganz bei sich ist.

In der Klinik passierte, was sie nie wollte

Sollte eine Verlegung in die Klinik nötig sein, sollte es doch der Schulmedizin bedürfen, dann würde sie aus der Wanne steigen, sich anziehen und dann mit dem eigenen Auto in die Klinik fahren, wo die Geburt fortgesetzt würde. So hatte sie es sich vorgestellt, so hatte sie die Hebamme verstanden. Heute sagt Christiane Körber, sie sei naiv gewesen.

Als die Verlegung nötig wurde, war der Ernstfall längst da. Anziehen, Auto fahren, laufen, an all das war nicht zu denken. Christiane Körber lag in den Wehen, jeder Millimeter Bewegung zerriss ihr den Leib. "Mir war, als würde ein Zug über mich rollen", sagt sie. Der Muttermund war geöffnet, aber das Kind rutschte nicht ins Becken. "Ich kann nicht mehr", sagte sie. Die Hebamme wiegelte ab.

Die Herztöne wurden schlechter, der Sauerstoff knapp. Die Hebamme rief den Krankenwagen. Das Leben ihres Kindes lag nun in den Händen der Mediziner, denen Christiane Körber es nicht hatte anvertrauen wollen. Sie schrie. Vor Schmerzen, Verzweiflung, Hilflosigkeit. In der Klinik passierte das, was sie nie wollte. Vollnarkose, Kaiserschnitt. Sie bekam ein Kind, und war doch gar nicht dabei. "Ich habe nicht begriffen, was da los war." Die Ärzte schnitten ihr den toten Sohn aus dem Bauch. Kilian* hatte es nicht geschafft.

Das Kind war weg, die Schuld war da. Sie ist bis heute geblieben, sie hat es sich heimisch gemacht.

"Das war kein Schicksalsschlag", sagten die Ärzte in der Klinik. Der Satz klang wie eine Anklage. Wenn es keine höhere Macht war, die Kilian hatte sterben lassen - wer dann? Die Hebamme? Die Sanitäter, die in die Wohnung hetzten und die Trage im Wagen vergaßen? Christiane Körber selbst, die aus Furcht, die Kontrolle zu verlieren, letztlich alles verloren hat? Der Vater des Kindes, der keine Hausgeburt wollte, aber auch nicht auf einer Entbindung im Krankenhaus bestand? Die Bücher, die immer nur die Kehrseite der Schulmedizin beschrieben, nie aber die Risiken der Entbindung zu Hause? Die Schulmedizin, die immer nur von Risiken sprach und eine Geburt als etwas Unnatürliches darstellte?

"Ich habe eine Geburt nicht mit dem Tod in Verbindung gebracht"

Christiane Körber hatte es besonders gut machen wollen. Ihre Entscheidung hat sie einsam gemacht. Das Kind ist tot. Und die, die noch leben, fürchten ihren Teil der Schuld, der Verantwortung. Sie gehen auf Distanz. Die Hebamme hat sich nicht entschuldigt, an einem ersten Gespräch mit den Ärzten der Klinik hat sie nicht teilgenommen, in einem zweiten hat sie sich verteidigt. Mit dem Partner war es nach der Geburt sehr schwierig. Freunde haben sich abgewandt. Überall Vorwürfe. Am lautesten waren die in Christiane Körbers Kopf.

"Sie haben uns ein totes Kind gebracht", hört sie die Ärzte noch immer sagen. "Bei uns wäre das nicht passiert." Und: "Besser zehn Kaiserschnitte zu viel als einer zu wenig."

Was von der Schwangerschaft geblieben ist, hat Christiane Körber in einem roten Ordner abgeheftet, Protokolle, Gutachten. "Ich habe eine Geburt nicht mit dem Tod in Verbindung gebracht", sagt sie.

Sie haben Kilian noch einmal nach Hause geholt. Dorthin, wo er hätte groß werden sollen. Sie haben ihn umgezogen, ein wenig so, wie es hätte sein können. Er sah aus, als schliefe er. Sein Körper war kalt.


Hausgeburten in Deutschland Überblick: Mehr Fakten zum Thema lesen Sie hier.

* Name von der Redaktion geändert

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