Sturmschäden in Bayern Vergessen im kaputten Wald

Alle Welt blickt nach Houston, wo eine Millionenmetropole unter Wasser steht. Auch im Bayerischen Wald wütete kürzlich ein Sturm, der die Grundlage für die Forstwirtschaft fast vernichtet hat. Betroffene klagen: Ihr habt uns vergessen.

DPA

Von , Hauzenberg


Thomas Kinateder schluchzt einen kurzen Moment, als er mit seinem Finger auf seinen Wald deutet: Einstige Baumriesen, Fichten, Buchen - allesamt abgeknickt wie Streichhölzer. Bei vielen sind nur die Stümpfe zu sehen, manche sind komplett entwurzelt. "Was über Generationen geschaffen wurde, ging in Minuten kaputt", sagt Kinateder. Am 18. August waren orkanartige Sturmböen über Teile des Bayerischen Waldes gezogen.

Im Landkreis Passau wurden Behörden zufolge 120 Quadratkilometer Wald verwüstet - allein diese Fläche ist eineinhalbmal so groß wie der Chiemsee. Mehr als ein Viertel davon sei nun "Kahlfläche". Der forstwirtschaftliche Schaden belaufe sich dort auf 70 bis 100 Millionen Euro. Hinzu kommen den Angaben zufolge mehr als 40 Millionen Euro Schaden an Gebäuden und Infrastruktur. Und im angrenzenden Landkreis Freyung-Grafenau rechnet man ebenfalls mit einem Gesamtschaden im "dreistelligen Millionenbereich".

Besonders hart traf es Hauzenberg, wo der Waldbauer Kinateder lebt. Er spricht von einer "historischen Katastrophe aus dem Nichts". Sein Sohn steht neben ihm. Eigentlich soll der 14-Jährige einmal alles übernehmen. Eigentlich. "Denn hilft niemand, wird es hier bald zu Ende gehen", sagt Kinateder, dann stehe er vor den "Trümmern seiner beruflichen Existenz". Drei Viertel seines Forsts sei zerstört worden. Der 44-Jährige fühlt sich allein gelassen: "Die Medien und die Politiker interessieren sich nicht für uns."

Thomas Kinateder
Tobias Lill

Thomas Kinateder

Über den Sturm fanden sich in den überregionalen Medien nur wenige Berichte - und das trotz der enormen Schadenshöhe, trotz Verletzter und zweier Toter bei den Aufräumarbeiten. Als Kinateder vergangene Woche seinem Unmut erstmals Luft machte und bei Facebook schrieb, jedes Fahrrad, das in China umfalle, sei wichtiger "als wir", teilten das mehr als 2000 Nutzer. Und auch als er an diesem sonnigen Montag auf seinem Hof mit Betroffenen über die Sturmfolgen diskutiert, sind alle seiner Meinung. Christian Graml, Vorsitzender der regionalen Waldbesitzervereinigung (WBV), ärgert sich: "Wir stehen alleine, werden vergessen, sind der letzte Zipfel."

"Als es 2015 darum ging, die Flüchtlinge aufzunehmen, die zu Tausenden über die Grenze kamen, haben wir sofort geholfen, alles in Bewegung gesetzt", sagt Evi Oberneder, auch sie vom WBV. Tatsächlich ging die nach mehreren Flutkatastrophen ohnehin gebeutelte Region in den vergangenen Jahren ans Limit. "Aber wenn die Region Hilfe benötigt, lässt man uns hängen", meint Oberneder, die im Stadtrat der 12.000-Einwohner-Stadt die SPD vertritt.

"Viele wissen nicht, wie es weitergehen soll"

Viele in der Region denken so. "Für alle Katastrophen der Welt ist Geld da - aber uns Niederbayern vergessen sie wieder", sagt Erwin Hödl, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Furthweiher.

In der Sturmnacht hat er Menschen aus Autos gerettet, die zwischen Bäumen eingeklemmt waren. Sein Haus und seine Werkstatt wurden vom Sturm ebenfalls beschädigt. Wie viele der Tausende Waldbesitzer fürchtet er, auf einem großen Teil der Schadenssumme sitzen zu bleiben. Manche warnen auch vor einem Einbruch im Tourismus, wenn die Aufräumarbeiten nicht zügig vorangingen, so dürften manche Wanderwege noch länger unpassierbar bleiben.

"Hier wissen viele nicht, wie es weitergehen soll", sagt CSU-Landrat Franz Meyer. Bürgermeister berichten, viele Menschen in der Region seien nicht ausreichend versichert - die Waldschäden seien ohnehin nicht versicherbar.

Oberneder rechnet mit einem massiven Einbruch der Holzpreise in der Region. Viel minderwertiges Holz werde nun auf den Markt kommen. Die Wiederaufforstung werde viele Jahre dauern. Auch der Borkenkäfer könnte sich nun weiter ausbreiten. "Viele haben Angst, dass ihre Heimat nicht mehr dieselbe sein wird", sagt auch Kinateder. Er deutet auf einen Berg. "Nach den Aufräumarbeiten wird eine Seite kahl bleiben". Kinateder glaubt, es werde viele Jahrzehnte dauern, bis sich der Wald erholt habe. Von "apokalyptischen Verhältnissen" sprechen Kommunalpolitiker gar.

Fotostrecke

7  Bilder
Hauzenberg: Sturmschäden in Bayern

"Der Wald ist Teil unserer Identität. Die ist gefährdet", sagt Kinateder. Heimatverbundenheit - davon reden sie auch im fernen München und Berlin gerne. Doch es dauerte eineinhalb Wochen, bis Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer am Montag nach Ostbayern kam - aus Sicht vieler Bauern viel zu lang. Der CSU-Chef zeigte sich bestürzt über das Ausmaß der Schäden: "Ich habe sowas in meinem Leben noch nicht gesehen."

Seehofer sprach von einem "Supergau". Neben dem materiellen Schaden sei "auch ganz viel seelischer Schaden entstanden". Der Ministerpräsident versuchte aber auch, Optimismus auszustrahlen: "Schauen Sie nicht so ernst", sagte er zu einem Betroffenen. Zugleich versprach er einen "sehr hohen zweistelligen Millionenbetrag", etwa durch zinslose Darlehen und Steuererleichterungen, aber auch logistische Unterstützung, beispielsweise beim Abtransport und der Lagerung der umgestürzten Bäume.

Den Waldbauern geht das jedoch nicht weit genug. "Was nützen zinslose Darlehen? Ich muss mich ja dennoch verschulden", sagt einer von ihnen. Die WBV sieht neben dem Freistaat aber auch Berlin in der Pflicht. Die Bundesregierung müsse helfen - die gesetzlichen Rahmenbedingungen gebe es. So habe der Bund 1999 im Schwarzwald geholfen, als Orkan "Lothar" dort verheerende Schäden angerichtet hatte. "Wenn man uns weiter im Stich lässt, werden wir uns an der Wahlurne bemerkbar machen", droht Waldbauer Kinateder.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.