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Psychiaterin Kastner über Wut: "Es stirbt keiner, wenn man ihn Trottel nennt"

Ein Interview von Frank Thadeusz

Heidi Kastner: "Wut als Motor für Veränderung" Zur Großansicht
DPA

Heidi Kastner: "Wut als Motor für Veränderung"

Mehr Mut zur Wut - so das Plädoyer der Psychiaterin Heidi Kastner. Zu häufig werde Wut unterdrückt, dabei würden deutliche Worte manchmal guttun. Gegen zu viel Geifer nütze eine einfache Erkenntnis: "Shit happens."

Die österreichische Psychiaterin Heidi Kastner, 52, ist mit menschlichen Abgründen vertraut. Bekannt wurde sie als Gerichtsgutachterin des Josef Fritzl, des Täters im sogenannten Inzest-Drama von Amstetten. In ihrem neuen Buch plädiert sie dafür, aufkeimende Wut rauszulassen - bevor ein Unglück geschieht.

SPIEGEL ONLINE: Wut sei ein verpöntes Gefühl, behaupten Sie in Ihrem Buch. Aber dann präsentieren Sie haufenweise schlimme Wutmorde, sodass es einen graust. Warum soll Wut ein gutes Gefühl sein?

Kastner: Es gibt einen Unterschied zwischen Wut und Aggression. Wut ist eine Emotion und ist nicht gleichbedeutend mit: Ich gehe auf jemanden los. Ich plädiere dafür, Wut wahrzunehmen und sie als Motor für Veränderung zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Kastner: Wenn ich mich grün und blau ärgere, weil mein Partner seine Socken rumliegen lässt, sollte ich das nicht ignorieren oder verdrängen. Und nach einem Jahr raste ich dann womöglich völlig aus und sage: "Du bist der unmöglichste Mensch, der mir je begegnet ist, mit dir kann man nicht zusammenleben." Anderes Beispiel: Wenn ich jeden Abend aus der Firma rausgehe und schreien könnte vor lauter Wut, dann sollte ich mir vielleicht einen anderen Job suchen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt es, dass viele Menschen ihre Wut nicht mitteilen können?

Kastner: Wir haben uns eine ziemlich überzogene Empfindsamkeit antrainiert. Es ist wirklich erstaunlich, was alles angeblich schon posttraumatische Belastungsstörungen auslösen soll. Ich erinnere mich an einen Mitarbeiter aus meinem beruflichen Umfeld, der zufällig eine bestimmte Mitteilung nicht erhalten hatte. Er war vergessen worden, ohne böse Absicht. Der kam aber an und erklärte, er sei gemobbt worden. Er schaltete einen Anwalt ein und ließ sich krankschreiben. Das war völlig unangemessen

SPIEGEL ONLINE: Richtiger wäre gewesen, loszupoltern?

Kastner: Normalerweise geht man hin und sagt: "Mich ärgert, dass du mir das nicht mitgeteilt hast." Es wäre in Ordnung gewesen, auf den Tisch zu hauen und sich Luft zu verschaffen. Das könnte die Sache bereinigen, da braucht man keinen Anwalt. Aber es gibt offenbar ein ungeschriebenes Verbot, sich überhaupt einmal direkt und unverstellt zu äußern. Dabei ist noch kein Mensch davon gestorben, dass man ihn in der akuten Wut gar einen Trottel genannt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sind Hooligans, die gegen Salafisten protestieren, wütende Menschen?

Kastner: Nein. Wut ist ein sehr persönliches Gefühl, ausgelöst durch ein Ereignis, das mich direkt betrifft und meine persönliche Toleranzgrenze überschritten hat. Warum irgendein Hooligan in Wut geraten sollte, weil es Salafisten gibt, das erschließt sich mir nicht. Das ist nur die Ummantelung der eigenen Unzufriedenheit. Die meinen, wenn sie sich mit einem Transparent bewaffnen, sind sie im Sinn der gerechten Sache unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind denn das für Leute, die Randale machen und für sich gerechten Zorn reklamieren?

Kastner: Das sind ungehobelte, meistens sehr dumme Menschen, die es wahrscheinlich immer geben wird. Das ist das, was man früher den Pöbel genannt hat. Die glauben, es ist der Welt zuzumuten, dass sie ihre jeweilige Befindlichkeit ausleben, egal woher die kommt.

SPIEGEL ONLINE: Sie berichten in Ihrem Buch von zwei bis drei Prozent chronisch Verbitterten, die eine Gesellschaft ertragen muss. Das wären in Deutschland nahezu eine Viertelmillion Menschen...

Kastner: .. das ist eine bemerkenswerte Zahl, richtig. Der Berliner Psychiater Michael Linden hat den Begriff der chronischen Verbitterungsstörung eingeführt. Das betrifft Menschen, die nach einer nicht unbedingt weltbewegenden Kränkung nicht mehr von diesem Kränkungserlebnis loskommen. Dabei sind das manchmal völlig banale, alltägliche Ereignisse.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie dieses Syndrom als Krankheit ernst?

Kastner: Zunächst mal ist es eine durchaus zutreffende Beschreibung eines bestimmten Typs. Es gibt Menschen, die sich wegen nichtiger Anlässe, die für andere nicht mal erwähnenswert wären, bis in die Berufsunfähigkeit hineinsteigern.

SPIEGEL ONLINE: Sind das auch Menschen, die sich in ihrem Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, gegen die Gesellschaft richten?

Kastner: Das ist eher unwahrscheinlich, denn es handelt sich dabei meist um passiv-aggressive Typen, die ihrer Aggression in der Verweigerung Ausdruck verleihen. Sie bringen andere zur Weißglut, indem sie nichts tun und das mit vielen Ausflüchten begründen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie dieses Verhalten erklären?

Kastner: Die gesellschaftliche Akzeptanz für Störungen, bei denen man jemand anderem die Schuld zuschreiben kann, ist unrealistisch hoch. Es ist absolut akzeptiert, zu sagen: "Ich bin an meinem Arbeitsplatz gekränkt worden, jetzt bin ich zwar erst 43 Jahre alt, aber ich bin nicht mehr arbeitsfähig." Derweil wird unsere Sprache immer verschwommener und wir dürfen kaum noch ein unfreundliches Wort sagen. Leider erzeugt andauerndes politisch korrektes Geschwafel ein völlig verschrobenes Bild von der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Kann ein Leben in dauernder Wut erfüllt sein?

Kastner: Wut als Lebenskonzept ist sehr ungemütlich für den, der sie hat. Ein Leben in der Wut zu verbringen, würde ich als verfehltes Leben bezeichnen. Das Leben ist nun mal nicht gerecht, und shit happens. Das ist überhaupt eine Erkenntnis, die viele Menschen weit von sich weisen.


Heidi Kastner: "Wut: Plädoyer für ein verpöntes Gefühl"; Kremayr & Scheriau; 128 Seiten; 14,90 Euro

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
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1. klar, gut und
f-rust 02.11.2014
richtig. danke für beitrag, danke der dame dafür, selbstverständlichkeiten fundiert auszusprechen.
2. Es gilt eine andere Hauptregel:
Nabob 02.11.2014
Wer Emotionen zeigt, zeigt Schwäche und hiernach richten sich die Menschen. Wir Ameisen sind darauf konditioniert worden, es gibt nur Erfolg und Materialismus, das Menschsein wurde erfolgreich aus der Gesellschaft verdrängt. Weil diese Rechnung mit dem Menschsein nicht aufgeht, leistet sich "jeder" einen Psychoanalytiker, die die kein Geld dazu haben, schmücken ihre Haut.
3.
thegambler 02.11.2014
Guter Beitrag, aber entweder hat sich nen Rechenfehler eingeschlichen oder irgendein Halbsatz vergessen, denn 2-3% der Gesellschaft sind in Deutschland 1,6-2,4 Mio Menschen.
4. Sehe ich genau so!
hatomune 02.11.2014
Zitat von f-rustrichtig. danke für beitrag, danke der dame dafür, selbstverständlichkeiten fundiert auszusprechen.
Möchte nur noch ein wenig daran herum würzen. Psychiaterin Kastner ist Protagonistin einer nach wie vor noch lange nicht "exakten" Wissenschaft (Psych...). Kein Zweifel: Auch kompetente Leute gehen daraus hervor. Eine leider sehr große Mehrheit mediokerer und gar zweifelhafter Scharlatane mache sich breit und breiter und schaffen sich ihr Existenzumfeld. Sie tauchen seit einiger Zeit gar an Schulen auf und weichen das Kompetenzbild des Lehrers auf (der zugegebenermaßen selber oft genug dieser Zerwissenschaftlichung entstammt. Unübersehbar sind die Mängel an Kompetenz im Gutachterunwesen an deutschen Gerichten. Der Beispiel gibt es zu viele! Sehr gut Frau Kastner: Ihre knallhart Ansprache, die besagt, dass Correctness-crap unsere Gesellschaft zersetzt. Hoffentlich wird dieses Interview nicht nur von den ganz Wenigen gelesen!
5. Eines wurde vergessen:
Pfaffenwinkel 02.11.2014
Wer in der Wut einen anderen Trottel nennt, wird schnell wegen Beleidigung angezeigt, da fast jeder eine Rechtsschutzversicherung hat.
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