Nach Angriff in Bäckerei Die Angst bleibt

In Heilbronn schoss ein 30-Jähriger mit einer Luftdruckpistole auf eine Bäckereiverkäuferin, die ein Kopftuch trug. Gab es ein rassistisches Motiv? Der Ladenbesitzer ist seither verunsichert.

Alper Yildirmaz
SPIEGEL ONLINE

Alper Yildirmaz

Von , Heilbronn


Kaum hat Alper Yildirmaz morgens seine Bäckerei aufgeschlossen, stehen die Kinder vor seinem Tresen. "Eine Brezel, bitte." - "Ich hätte gerne eine Butterstange." - "Gibt es noch Schokocroissants?" Manche schauen ihn müde, andere erwartungsvoll an, in ihren Händen klimpern sie mit Kleingeld. "Ist das alles?", fragt der 37-Jährige freundlich, während er das Gebäck verpackt und mit den Tüten raschelt.

Grundschule, Hauptschule und Gymnasium sind nur wenige hundert Meter entfernt. Viele Schüler schauen vor Unterrichtsbeginn bei Yildirmaz vorbei. Der hat meist Zeit für ein Schwätzchen. "Sodele", sagt er dann und hört zu, wenn die Schüler von der vermasselten Mathearbeit oder Ärger in der Pause erzählen.

"Ich arbeite gerne hier, vor allem wegen der Kinder", sagt Yildirmaz. Und vor allem wegen der Kinder erschüttert ihn das, was am Dienstagvormittag in seiner Bäckerei im Heilbronner Stadtteil Böckingen geschah.

Yildirmaz war in den hinteren Räumen, seine Auszubildende stand allein im Verkaufsraum. Auf einmal knallte es. Mehrmals und wahnsinnig laut, erinnert sich der 37-Jährige. "Ich habe mich erst geärgert", sagt er. Warum schlagen die nur so mit den Türen? Als er zum Tresen zurückkehrte, sagte seine Auszubildende kein Wort. "Was war denn hier los", fragte Yildirmaz. "Schau dir das Video an", antwortete sie nur und zeigte auf seinen Laptop in der Ecke.

Es dauert nur wenige Sekunden

Vergangenes Jahr hatte Yildirmaz eine kleine Überwachungskamera eingebaut. "Rede mit mir", bat er die 21-Jährige, während er die Videosequenzen auf dem Bildschirm durchsuchte. Doch sie blieb stumm, bis er die passende Sequenz gefunden hatte. Es sind nur wenige Sekunden, doch sie reichten, um Yildirmaz einen Schauer über den Rücken zu jagen.

Ein Mann betritt den Laden, Kapuze über dem Kopf, Pistole in der linken Hand. Ohne zu zögern zielt er auf die Auszubildende hinter der Kasse und drückt ab. Mehrmals. Die 21-Jährige zuckt zusammen, springt zur Seite und flüchtet in den Hinterraum. Der Schütze macht kehrt und läuft weg. Draußen hat anscheinend niemand etwas mitbekommen, das gemächliche Treiben geht weiter, als wäre nichts gewesen.

Yildirmaz wählte die 110. Kurz darauf stand ein Dutzend Polizisten in seinem Laden. Sie sichteten das Videomaterial, befragten seine Auszubildende und leiteten eine Fahndung ein.

Die junge Frau wurde von ihrem Vater abgeholt. Der Schock sitzt tief, für die nächsten Wochen ist sie krankgeschrieben.

Am Abend auf der Couch ging Yildirmaz den Tag immer und immer wieder durch. Warum suchte sich dieser Mann ausgerechnet seine Bäckerei aus und ging nicht in einen der anderen Läden rund um den Platz? Am Ende blieb für ihn nur eine Antwort übrig: Es muss am Kopftuch seiner Auszubildenden gelegen haben. Ein rassistisches Motiv, eine andere Erklärung fällt ihm nicht ein.

Der Täter, der am gleichen Abend festgenommen wurde, gab zu, mit einer Luftdruckpistole abgedrückt zu haben. In den Vernehmungen wies er rassistische Gründe von sich. Er habe nicht wegen des Kopftuchs auf die Frau geschossen. Vielmehr habe er auf seine prekäre Situation aufmerksam machen wollen, er habe weder Arbeit noch Wohnung. "Der Mann spricht von einer Kurzschlussreaktion", sagt Polizeisprecher Frank Belz. "Wir ermitteln trotzdem in alle Richtungen weiter und schließen dabei auch ein fremdenfeindliches Motiv nicht aus."

Kunden beschwerten sich

Alper Yildirmaz ist in Neckarsulm geboren, mit seiner Familie wuchs er in einem Dorf in der Nähe der Stadt auf. Der gelernte Industriekaufmann arbeitete schon länger in der Bäckerei seines Bruders mit, im vergangenen Jahr übernahm er sie.

Yildirmaz sagt, das Kopftuch seiner Auszubildenden sei schon früher Thema gewesen. Sie hatte monatelang nach einem Ausbildungsplatz gesucht, bis er sie einstellt. Viele hätten sie wegen der Kopfbedeckung nicht einstellen wollen, glaubt ihr Chef.

Kaum stand sie bei ihm im Geschäft, hätten sich Kunden beschwert. "Es waren nicht viele, aber ich musste doch Gespräche führen." Es gab sogar kleine Drohungen: "Dann kaufe ich nicht mehr bei dir", sagten manche. "Das gefällt mir gar nicht", sagten andere. Yildirmaz redete mit ihnen. Pragmatisch und direkt. Erstens ändere das Kopftuch doch nicht den Menschen, und zweitens sollten sie die Vorteile bedenken: So könnten wenigstens keine Haare auf ihre belegten Brötchen fallen, sagte er. Die Kunden nickten, manche schmunzelten, viele blieben.

Vom Angriff auf den Laden erfuhren viele aus der Zeitung. Einen Tag danach standen mehr Leute als an einem normalen Mittwoch vor seinem Tresen. Sie kamen aus der Nachbarschaft und aus anderen Stadtteilen, sie waren neugierig. "Was, bei Ihnen ist das passiert?", fragten ältere Damen gespielt überrascht. "Warum habe ich gestern keine Brezel mehr bekommen?", fragten die Kinder unwissend.

Als die Schüsse durch den Verkaufsraum hallten, eilte niemand in seinen Laden. Die Alten schoben ihre Rollatoren, die Jungen ihre Kinderwagen. Das ärgert Yildirmaz. "Die Menschen hören gar nichts mehr. Ihre Ohren sind zu."

"Interessieren sich nur für sich selbst"

Als er im vergangenen Sommer noch Stühle und Tische vor dem Café aufgebaut hatte, beschwerten sich die Nachbarn über das Kinderlachen. Als Monate später morgens um drei Uhr ein Einbrecher seine Frontscheibe mit einem Stein zerschmetterte, wollte niemand etwas gehört haben. "Die interessieren sich nur für sich selbst, mit den Problemen anderer wollen sie nichts zu tun haben."

Doch es gibt auch positive Reaktionen. "Lassen Sie sich nicht entmutigen", ruft eine Kundin. Yildirmaz will sich nicht einschüchtern lassen. "Jetzt erst recht", habe er in den vergangenen Tagen öfter gedacht. Trotzdem schließt er nun mit einem unsichereren Gefühl jeden Morgen die Türen des Ladens auf.

Die türkische Tageszeitung "Hürriyet" verglich die Attacke mit den Anschlägen des NSU. Der türkischen Konsul aus Stuttgart besuchte Yildirmaz und versprach, er werde sich für die lückenlose Aufklärung des Falls einsetzen. Yildirmaz freut sich über die Unterstützung. Er will nicht, dass der Vorfall einfach "unter den Tisch gekehrt wird, so wie sie die NSU-Morde saubergefegt haben".

Bis er die Schüsse in seiner Bäckerei hinter sich lassen kann, wird er noch lange brauchen, glaubt der Bäckereichef. Auch die Angst vor Nachahmern treibt ihn um. "Was soll ich tun, wenn jemand von der Attacke in der Zeitung liest, sich davon inspirieren lässt und mit einer anderen Waffe vorbeikommt?"

Die 21-jährige Auszubildende ist seit dem Angriff nicht mehr im Laden gewesen. Nächste Woche steht eigentlich ihre Abschlussprüfung an. Yildirmaz hofft, dass sie es trotz des Schocks schaffen wird.



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