Heimkinder-Demo "Viele haben Angst, auch heute noch"

Die Zeit des Schweigens ist vorbei: Erstmals haben ehemalige Heimkinder gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch demonstriert. Mit einer drei Meter hohen Prügel-Nonne aus Pappe zogen sie am Bundestag vorbei, forderten eine Entschädigung und eine Entschuldigung.

Von Kerstin Schulz

Heimkinder-Demo in Berlin: "Öffnet die Archive"
ddp

Heimkinder-Demo in Berlin: "Öffnet die Archive"


Berlin - Angelika S., 56, weiß nicht, was es heißt, eine Familie zu haben. Seit ihrer Geburt lebte sie in einem Heim, wurde dann zwischen Jugendamt, Heim und Pflegemutter hin und her gereicht. Emotional erholt hat sie sich davon nie, ihre Ehe scheiterte, sie ist arbeitslos, hat einen Selbstmordversuch hinter sich.

"Aus mir ist nichts geworden", sagt S. Mit den Jahren habe sie das akzeptiert, doch etwas Wesentliches fehle ihr: das Eingeständnis der Verbrechen, die an ihr begangen worden seien. Und um dieses einzufordern, ist sie nun von Offenburg nach Berlin gereist.

Gemeinsam mit 250 ehemaligen Heimkindern demonstriert sie an diesem Donnerstag im Regierungsviertel gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch in Kinder- und Pflegeheimen. Zehneinhalb Stunden saß sie im Zug. Eine Fahrt mit dem ICE kann sie sich nicht leisten. Aber sie weiß: Lange genug hat sie sich versteckt - aus lauter Scham für Dinge, die andere ihr zugefügt haben.

"Jetzt reden wir"

Es ist das erste Mal, dass sie sich so gezielt an die Öffentlichkeit wenden. Mit einer drei Meter großen Prügel-Nonne aus Pappe wollen die Opfer auf sich aufmerksam machen, provozieren und gegen Misshandlungen in Kinder- und Pflegeheimen kämpfen. Ihre Banner tragen die Aufschriften "Öffnet die Archive" und "Jetzt reden wir". Sie marschieren am Bundestag vorbei, fordern vor dem Brandenburger Tor eine Entschuldigung und eine Entschädigung.

Gebrandmarkt seien die Opfer durch einen in den fünfziger und sechziger Jahren gängigen Erziehungsstil, sagt Dr. Michael Schmidt-Salomon, Mitorganisator der Demonstration und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. "Schwarze Pädagogik" nennt er diesen Stil. "Die Maxime war Zucht und Ordnung. Gemeint war jedoch Züchtigung und Unterordnung", so Schmidt-Salomon.

Vielen Heimkindern wurde die emotionale Lebensgrundlage geraubt. Sie funktionieren nur noch, anstatt zu leben. Lange wurde das Thema politisch ignoriert, erst mit den Skandalen an Eliteschulen schenkte man auch den Heimkindern Gehör. "Der Staat hat seine Aufsichtspflicht nicht wahrgenommen", meint Schmidt-Salomon.

Opfer kritisieren Runden Tisch

Auch Peter Henselder, 59, ist in Berlin dabei. Er trägt ein T-Shirt, auf dem eine Nonne zu sehen ist, die einem Jungen den Hintern versohlt. Von Geburt an bis zu seinem 18. Lebensjahr lebte Henselder in einem Kölner Waisenhaus. Was ihm aus dieser Zeit geblieben ist, sind tiefe Narben, nicht nur auf seinem Hinterkopf.

Von einem Pfarrer wurde er zunächst sexuell misshandelt, von der Heimschwester anschließend verprügelt. Ein Pfarrer mache so was schließlich nicht, sagte ihm die Schwester. Anschließend musste er seine vermeintlichen Lügen beichten. "Wir wurden unter Druck gesetzt, so dass wir weiterhin zur Verfügung standen und dabei den Mund hielten", sagt Henselder. "Viele haben Angst, auch heute noch."

Die Demonstration findet zeitgleich mit dem siebten Runden Tisch "Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren statt". Moderiert wird die Runde von der ehemaligen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer. Die Opfer sehen sich jedoch nicht durch das Gremium vertreten und befürchten, ihre Misshandlungen würden kleingeredet.

Sie wollen daher für die Anerkennung der erlittenen Misshandlungen als Menschenrechtsverletzungen kämpfen. Damit stiegen auch ihre Chancen, für das Leiden doch noch entschädigt zu werden. Nach vielen Jahren.

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GM64 15.04.2010
1. Man soll das Unrecht nicht als Begründung für eigenes Versagen verwenden
>>Berlin - Angelika S., 56, weiß nicht, was es heißt, eine Familie zu haben. Seit ihrer Geburt lebte sie in einem Heim, wurde dann zwischen Jugendamt, Heim und Pflegemutter hin- und hergereicht. Emotional erholt hat sie sich davon nie, ihre Ehe scheiterte, sie ist arbeitslos, hat einen Selbstmordversuch hinter sich. "Aus mir ist nichts geworden",
Hubert Rudnick, 15.04.2010
2. Vieles ist einfach nur übertrieben.
Zitat von GM64>>Berlin - Angelika S., 56, weiß nicht, was es heißt, eine Familie zu haben. Seit ihrer Geburt lebte sie in einem Heim, wurde dann zwischen Jugendamt, Heim und Pflegemutter hin- und hergereicht. Emotional erholt hat sie sich davon nie, ihre Ehe scheiterte, sie ist arbeitslos, hat einen Selbstmordversuch hinter sich. "Aus mir ist nichts geworden",
[QUOTE=GM64;5352965]>>Berlin - Angelika S., 56, weiß nicht, was es heißt, eine Familie zu haben. Seit ihrer Geburt lebte sie in einem Heim, wurde dann zwischen Jugendamt, Heim und Pflegemutter hin- und hergereicht. Emotional erholt hat sie sich davon nie, ihre Ehe scheiterte, sie ist arbeitslos, hat einen Selbstmordversuch hinter sich. "Aus mir ist nichts geworden",
Michael Giertz, 15.04.2010
3. Ein Leben zerstört
Zitat von sysopDie Zeit des Schweigens ist vorbei: Erstmals haben ehemalige Heimkinder gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch demonstriert. Mit einer drei Meter hohen Prügel-Nonne aus Pappe zogen sie am Bundestag vorbei, forderten eine Entschädigung und eine Entschuldigung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,689262,00.html
Und was genau bringt das, die aktuellen (bekannten) Opfer zu entschädigen und eine Entschuldigung zu bringen? Es bringt kurzfristig vielleicht so einen Placeboeffekt von Linderung bei den Betroffenen, aber keine Heilung. Heilung kommt nur durch Gerechtigkeit. Und solange sexueller Missbrauch oder körperliche Züchtigung verjährt und die Täter ungestraft davon kommen können, wenn sie nur lang genug dichthalten, solange seh' ich keine Gerechtigkeit. *Sämtliche Verbrechen, die sich gegen seelisches und körperliches Wohl eines Menschen richten, egal ob mit oder ohne tödlichen Folgen, sollten auch niemals verjähren.* Und wer sich an Kindern vergreift und ihr Leben dadurch zerstört, sollte auch nicht früher aus einem Gefängnis entlassen werden, wie ein verurteilter Mörder. Denn beide zerstören ein Leben.
docela 15.04.2010
4. Es geht hier nicht um Bagatellen
Wenn ich sehe, was Hubert und GM64 dazu schreiben, dann wird mir schlecht. Es geht hier nicht um Bagatellen! Kennen Sie jemanden, der in einem solchen Kinderheim groß geworden ist? Mein Onkel und seine beiden Schwestern wurden im Alter von damals 2,3 und 4 Jahren in ein katholisches Kinderheim gebracht, weil beide Eltern gestorben waren. Was die 3 berichten, läßt einem die Haare zu Berge stehen! Da wurde geprügelt, gedemüdigt und missbraucht, dass sich sich die Balken bogen. Mein Onkel wurde von den Nonnen regelmäßig brutalst mit Stöcken und Gürteln geschlagen. Einmal musste er deswegen sogar für 2 Wochen ins Krankenhaus. Regelmäßig kamen Priester vorbei und haben sich Kinder zum sexuellen Missbrauch mitgenommen. Wer ins Bett gemacht hatte, musste sich mit dem nassen Laken auf den Hof stellen, bis es wieder trocken war. Erbrochenes musste erneut gegessen werden. Kinder wurden dazu angehalten andere Kindern bei Fehlverhalten mit "Gruppenkeile" zu bestrafen. Erst im Alter von über 50 Jahren fühlte er sich zum ersten Mal in der Lage, seiner Frau von seinen schrecklichen Kindheitserlebnissen zu berichten. Mein Onkel ist mittlerweile schon über 70 Jahre alt. Aber man darf ihn z.B. noch immer nicht im Schlaf ansprechen, weil er sofort unbewusst anfängt, um sich zu schlagen um sich zu wehren. Er will keine Entschädigung. Aber er möchte endlich eine Entschuldigung. Stattdessen haben die Kirchen in den letzten Jahren die Opfer noch verhöhnt, indem sie sie der Lüge bezichtigten und ihnen vorwarf sie seien nur auf finanzielle Entschädigung aus. Ich wünsche mir, daß die Kirchen endlich für Ihre Greueltaten gerade stehen müssen.
mussepig 16.04.2010
5. Gewalt in Heimen...
Gewalt in Heimen kann viele Ursachen haben. Es wird aber nicht nur geschwiegen, wenn Sie sich gegen die Kinder richtet. Es wird auch geschwiegen und beschönigt, wenn es zu Gewalt unter den Heimkindern geht und sich die Gewalt gegen die Erzieher richtet! Wie kann es sein, das z.B. ein männl. Jugendlicher in den letzten 6 Monaten mehrere (!!!) Körperverletzungen und Einbrüche begeht, diese auch zur Anzeige gebracht wurden und er in den Gerichtsverhandlungen immer nur verwarnt wird? Dieser Jugendliche ist weiterhin in einem offenen Bereich der Jugendhilfe untergebracht. Interne Auflagen, wie z. B. "Ausgang" nur in Begleitung eines Erziehers können nicht durchgesetzt werden, weil er einfach geht... Und es gibt dort mehrere Erzieher, die Ihn nicht zurück halten können, weil er auch Ihnen körperlich überlegen ist und auch schon gegen Erzieher Gewalttätig war! Das ist mein Berufsalltag...
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