Interview mit Heiner Geißler: "Raus aus den Palästen, leben wie das Volk"

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Politiker Geißler: "Das Evangelium hat eine politische und soziale Dimension"

Heiner Geißler verließ den Jesuiten-Orden, weil er dauerhaft das Gelübde nicht hätte halten können. Der ehemalige Bundesminister wertet die Wahl des Jesuiten Jorge Mario Bergoglio zum Papst als Befreiung: Die Kirche habe die Dimension ihrer Krise erkannt.

Jorge Mario Bergoglio ist neuer Papst - und Jesuit. Der erste an der Spitze der katholischen Kirche. Der Orden ist besonders in der Seelsorge, Bildungsarbeit und Entwicklungshilfe aktiv. Die Mitglieder gelten als intellektuelle Speerspitze der katholischen Kirche.

Heiner Geißler besuchte das von Jesuiten geleitete Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Nach dem Abitur trat er als Novize dem Jesuitenorden bei. Mit 23 Jahren verließ er ihn. "Ich spürte, dass ich nicht alle drei Gelübde halten kann", sagt Heiner Geißler. Er fühlt sich dem Orden nach wie vor verbunden und steht in engem Kontakt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Geißler, welche Bedeutung hat die Wahl eines Jesuiten zum Oberhaupt von 1,2 Milliarden Menschen?

Geißler: Jesus wird wieder Mittelpunkt, nicht theologische Dogmen und Kirchenväter, sondern das Evangelium. Jesuita heißt "So wie Jesus". Für Jesus ist die Nächstenliebe genauso wichtig wie die Gottesliebe. So dachte auch Franziskus.

SPIEGEL ONLINE: Welche weiteren Veränderungen sind zu erwarten?

Geißler: Kampf gegen Armut und Korruption auf der ganzen Welt sowie in Argentinien. Den Anhängern wieder zeigen, dass die katholische Kirche eine Volkskirche ist, keine Amtskirche.

SPIEGEL ONLINE: Wie interpretieren Sie Jorge Mario Bergoglios ersten Auftritt?

Geißler: Sein bescheidenes Auftreten zeigte bereits, dass sich Franziskus dem ganzen Brimborium - rote Schuhe, viel Silber, Brokat und Hermelin - widersetzen wird. Ein Vorbild für alle Prälaten: Raus aus den Palästen, leben wie das Volk. Er selbst führte ein äußerst bescheidenes Leben in Argentinien. Die Jesuiten haben zwei Grundsätze: Bescheidenheit und Demut. Demut heißt Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst. Diesen Eindruck machte Jorge Mario Bergoglio auch auf mich. Und das macht ihn unabhängig.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Jorge Mario Bergoglio habe bereits bei der Wahl Joseph Ratzingers weit vorne gelegen. Er soll zurückgetreten sein, um den Weg für Benedikt XVI. freizumachen. Warum haben die Kardinäle sich nun für ihn entschieden?

Geißler: Die Mehrheit von ihnen hat erkannt, in welcher schweren Krise die Kirche steckt - und damit meine ich nicht den sexuellen Missbrauch. Sondern die Kirche hat sich zunehmend vom Menschen entfernt und abwegige Themen diskutiert, wie die Frage, ob Geschiedene zur Kommunion dürfen. Die Kirche muss wieder erkennen: Das Evangelium hat eine politische und soziale Dimension, nicht nur eine spirituelle.

SPIEGEL ONLINE: Jorge Mario Bergoglio hat für sich den Namen Franziskus gewählt, warum?

Geißler: Der neue Papst beweist sich als Menschenfreund, deshalb hat er sich den Namen Franziskus gegeben. Er will uns verdeutlichen: Der Mensch als solcher ist uns anvertraut. So einer wie Jorge Mario Bergoglio wäre nie auf die Idee gekommen einem Weltjugendtag die Überschrift zu verpassen: "Wir kommen, um ihn anzubeten", wie es Benedikt XVI. getan hat. Vielmehr wird es jetzt heißen: "Wir kommen, um ihm nachzufolgen in der Liebe zum Nächsten".

SPIEGEL ONLINE: Nach eigenen Angaben haben die Jesuiten weltweit 17.600 Mitglieder, darunter mehr als 12.500 Priester. Was bedeutet die Wahl des neuen Papstes für den Jesuitenorden?

Geißler: Dem wichtigsten Orden wird eine große Bedeutung beigemessen, die ihm von den letzten beiden Päpsten genommen wurde. In den vergangenen Jahrzehnten wurde er unter anderem auch zurückgedrängt, weil er sich für eine politisch offensivere Armutsbekämpfung einsetzte, für die Theologie der Befreiung.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen persönlich die Wahl des Argentiniers und Jesuiten?

Geißler: Man kann sich wieder mehr freuen, katholisch zu sein. Ich hoffe, dass die katholische Kirche sich wieder beteiligt an der geistigen Auseinandersetzung für eine humane Wirtschaftsordnung so wie vor 60 Jahren die soziale Marktwirtschaft entstanden ist durch das geistige Bündnis zwischen Ordoliberalismus und katholischer Soziallehre unter Führung des Jesuiten Oswald von Nell-Breuning.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie sich um eine Audienz beim neuen Papst bemühen?

Geißler: Nein. Ich bin völlig ungeeignet für Personenkult. Aber das Beruhigende ist: Der neue Papst ist es auch.

Das Interview führte Julia Jüttner

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insgesamt 81 Beiträge
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1. Hoffentlich
yarx 14.03.2013
hat Heiner Geißler mit seiner optimistischen Einschätzung recht. Man hört ja auch eher negative Statements, wenn es um die politische Ausrichtung des neuen Papstes geht. Wir werden es erleben.....
2.
Atheist_Crusader 14.03.2013
Zitat von sysopDie Kirche habe die Dimension ihrer Krise erkannt.
Hat sie das? Wenn man bedenkt, wie konservativ der neue Papst überall verkauft wird, muss man sich das wirklich fragen. Ich bin kein Katholik, also kann ich das schlecht einschätzen. Aber sind die Amtskirche und die Fixierung auf die spirituelle Seite wirklich der wichtigste Grund, warum der RKK die Gläubigen weglaufen? Oder nicht doch eher die penetrante Weigerung, sich den modernen Zeiten anzupassen? Die Kirche in die moderne Welt zu führen und nicht die moderne Welt zurück in die Kirche? Andere Lebensauffassungen zumindest nicht zu verteufeln und sich mehr um Integration als um Exklusion zu bemühen? Das wäre nämlich mein Eindruck. Aber ich lasse mich von den anwesenden Katholiken gerne eines Besseren belehren.
3. Nix als weisser Rauch?
deichgraffe 14.03.2013
Da können wir ja mal alle gespannt sein. Wird es Reformen geben, wird der Vatikan einen Weg einschlagen, in dem es möglich ist, dass ich es noch erleben darf, dass eine farbige Frau zur Päpstin ernannt wird? Oder müssen wir alsbald erleben, dass es nur lautet: habemus Popanz?
4. Der alte Jedi Heiner Geißler
Pfaffenwinkel 14.03.2013
schätzt m.E. den neuen Papst richtig ein. Sein vorsichtiger Optimismus ist berechtigt.
5. Kirche braucht Armut
dioogenes 14.03.2013
Der Test, wie ernst es Papst Franziskus mit der Armutsbekämpfung ist, ist recht einfach: wie steht er zur Befreiungstheologie? Paradoxerweise hat die Kirche bislang gehandelt nach dem Motto: nur Arme benötigen Erlösung. Hoffen wir, die Kommentatoren wie Geissler behalten recht und durchbrechen mal dieses Dogma.
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Zur Person
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    Heiner Geißler, Jahrgang 1930, studierte Jura und Philosophie. Nach seiner Zeit bei den Jesuiten startete er seine politische Karriere in der CDU: Geißler war Bundesfamilienminister, CDU-Generalsekretär und Vize-Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Zuletzt machte Geißler als Schlichter beim Neubau des Stuttgarter Bahnhofs Schlagzeilen.

Ende des Konklaves

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