Neuer Vorwurf gegen Hildesheimer Altbischof "Der Kerl muss aus dem Dom raus"

Gegen den ehemaligen Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen sind neue Missbrauchsvorwürfe bekannt geworden. Ein früherer Ministrant sieht erschreckende Parallelen zu seinem eigenen Fall.

Hildesheimer Dom (Archiv)
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"Jetzt bricht alles wie ein Kartenhaus zusammen", sagt ein ehemaliger Ministrant, der sich vor drei Jahren im "SPIEGEL" zu Wort gemeldet hatte, weil er als Junge vom Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen missbraucht worden sei. Der Betroffene hatte angegeben, dass der Bischof ihn in den Fünfziger- und Sechzigerjahren regelmäßig durch Masturbation, Oral- und Analverkehr missbraucht habe.

Nachdem der Betroffene sich an das Bistum gewendet hatte, erhielt er zwar 10.000 Euro als "Anerkennungszahlung". Doch in der kirchlichen Aufarbeitung nach dem SPIEGEL-Bericht und auch den öffentlichen Reaktionen des Bistums tat sich nicht viel. Der 1988 gestorbene Bischof schien über jeden Zweifel erhaben. "Mir wurde nicht geglaubt, meine Vorwürfe wurden als unmöglich abgewehrt und sogar diskreditierende Stellungnahmen gegen mich verbreitet, es ginge mir nur um Geld", sagt der ehemalige Ministrant. Der damalige Bischof Norbert Trelle habe sich seine Vorwürfe nicht anhören wollen. "Das hat mir wehgetan."

Ein externes Gutachten, das ein Münchner Institut im Auftrag des Bistums erstellte, kam 2017 zu dem Schluss, dass der Vorwurf gegen Janssen sich weder beweisen noch entkräften lasse. Dies sei nach so langer Zeit "weder mit justizförmigen noch mit psychologischen Verfahren möglich".

Nun ist durch den Vorwurf eines weiteren mutmaßlichen Opfers wieder Bewegung in den Fall gekommen: Ein 70-jähriger früherer Ministrant gab an, von mehreren Kirchenmitarbeitern sexuell missbraucht worden zu sein, darunter auch Ex-Bischof Janssen. So habe er sich vor dem damaligen Bischof nackt ausziehen müssen. Als weitere Täter nannte der Mann den Leiter des früheren Hildesheimer Kinderheims "Bernwardshof", einen Priester sowie einen Kaplan im Kinderheim "Johannishof". Beide beschuldigte Geistliche sind dem Bistum bereits als mutmaßliche Täter von mehr 150 weiteren Hildesheimer Fällen bekannt.

"Die Parallelen zu meinem Fall sind erschreckend", sagte der erste Zeuge dem SPIEGEL. "Dem Bischof wurden Kinder durch Helfershelfer aus dem Umfeld der Kinderheime zugeführt. Bei mir war es ein Kaplan. Janssen galt als großer Gönner dieser Heime, er hielt sich dort gerne oft auf. Es liegt für mich nahe, dass es ein pädophiles Netzwerk gab."

Heinrich Maria Janssen (Archiv)
DPA

Heinrich Maria Janssen (Archiv)

Die Aussagen treffen das Bistum Hildesheim mitten ins Herz. Denn Bischof Janssen gilt bis heute als volksnaher Würdenträger mit zahlreichen Anhängern. Der prominente Bischof wurde sogar Ehrenbürger der Stadt und in ein repräsentatives Grab gebettet - mitten im Dom zu Hildesheim.

"Dieser Bischof, der mich und andere missbraucht und für das ganze Leben geschädigt hat, liegt nicht nur im Dom - er wird dort sogar noch anhaltend verehrt. Das kann nicht sein! Der Kerl muss aus dem Dom raus", sagt der frühere Ministrant. "Wie viele Opfer brauchen sie denn noch, um zu glauben, was passiert ist?"

Der im September ins Amt gekommene Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer zeigte sich nach den neuen Vorwürfen laut NDR "wütend und traurig". "Es zerreißt mir das Herz angesichts dessen, was der Betroffene uns mitgeteilt hat", sagte Wilmer. Er will nun eine externe Untersuchung anregen und noch in dieser Woche bei einem Treffen mehrerer Bistümer mit der niedersächsischen Justizministerin Barbara Havliza (CDU) über die Offenlegung von Kirchenakten für Staatsanwälte sprechen.



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