Globetrotter Helge Timmerberg: "Die Liebe ist Angst und Lust"

Von Wlada Kolosowa

Helge Timmerberg hat mehr als 200 Länder bereist. Für das gefährlichste aller Abenteuer hält er aber die Liebe. Ein Gespräch über Gefühle und Unabhängigkeit, die Sehnsucht nach der Sehnsucht - und den Erdfleck mit den schönsten Frauen.

Paar am Strand: Die Liebe zum Leben ist die einzige Liebe fürs Leben Zur Großansicht
Corbis

Paar am Strand: Die Liebe zum Leben ist die einzige Liebe fürs Leben

Afghanische Wölfe, marodierende Soldaten, die Krankheit Elefantitis, bei der die Beine auf den Umfang von Elefanten-Stampfern anschwellen - alles Kleinkram im Vergleich zur Liebe, der gefährlichsten Sache der Welt. Helge Timmerberg hat über 200 Länder bereist - ohne größere Blessuren. Die Liebe hat ihn aber immer wieder erwischt. Sein Herz sei von Amors Pfeilen so zerschossen, schreibt er in seinem neuen Buch "African Queen", "dass es der Zielscheibe eines Frauenschützvereins gleicht".

Ich möchte mit Timmerberg darüber sprechen, wie sich Liebe mit chronischem Fernweh verträgt und Sehnsucht nach Freiheit mit Sehnsucht nach einem Partner. Wir treffen uns im Berliner Hotel Bogota. Timmerberg hat das Gesicht eines Menschen, der viel Leben gelebt hat. In diesem Jahr wird er 60. Er sieht keinen Tag jünger aus, aber genau so, wie man mit 60 aussehen möchte: Die Furchen hat das Lachen in das Gesicht geschnitzt, nicht das Stirnrunzeln. Aus dem dichten Fältchennetz blicken die Augen eines Menschen, dessen Lebenshunger niemals gestillt sein wird.

Timmerberg trägt eine Cargohose mit vielen Taschen, die aussieht, als sei er auf der Stelle bereit, sich einer Expedition anzuschließen, um einen Dinosaurier auszugraben. Das graugesträhnte Haar ist genauso lang wie vor 43 Jahren, als er beschloss, nach Indien zu trampen - mit 800 Mark in der Tasche, die genau bis Istanbul reichten.

Die Begrüßung ist gleichzeitig eine Warnung: "Nicht, dass du enttäuscht bist: Was ich schreibe, ist ja unheimlich verdichtet. Wie bei einer Espressomaschine: Du tust einen Haufen Kram rein, und was rauskommt ist eine winzige Tasse."

Es ist in der Tat ein Haufen Leben, aus dem Timmerberg seine Geschichten destilliert: Er hat fünf Kontinente bereist, lebte in Havanna und Marokko, hat so ziemlich alle Drogen ausprobiert und eine Ehe. Er hat so viele Beziehungen hinter sich wie Finger an den Händen und Verliebtheiten, da würden auch die Zehen dazugenommen nicht ausreichen. Manchmal wundert er sich selbst, dass er immer noch das Herz verlieren kann: "Eigentlich müsste sofort das Schmerzgedächtnis anspringen, die Erinnerung an den Liebeskummer."

Passiert aber nicht. Amors Pfeil hat wieder getroffen. Timmerberg hat sich in Lisa verknallt - eine Französischlehrerin aus Wien, die so alt ist wie seine Tochter und endlich ihren Traum von einer Afrikareise wahr machen will. Timmerberg kommt mit, obwohl er bisher fast immer allein gereist ist.

Eine Reise ist eine Prüfung für die Liebe

"Lisa und ich sind frisch verliebt losgefahren - im Prinzip rausgeschmissenes Geld. Wir wären ja auch in einer Pommesbude in Berlin glücklich gewesen", sagt Timmerberg. Verliebte haben nur Augen füreinander - und weniger für das Land und seine Leute. "Man vermischt sich mit dem anderen. Das kann zwar eine Gnade sein, eine Erlösung gegen die Reiseeinsamkeit und den Erwartungsdruck." Aber eine Reise ist auch eine Prüfung für die Beziehung. Sieben Monate lang war er mit Lisa unterwegs: "Du musst den Wahnsinn des ständigen Zusammenseins aushalten können. Wir mussten lernen, wie man sich zurückzieht, ohne den Raum zu verlassen." Bücher halfen: "Man ist in einem Bett, aber jeder mit dem Kopf in seiner eigenen Welt."

Lisa und er haben die Prüfung bestanden, Timmerberg war trotzdem froh, wieder allein in seiner Wohnung zu sein: "Ich habe die Sehnsucht nach der Sehnsucht vermisst. Eine Pause vor dem Partner ist wie eine Pause vom Arbeiten oder vom Trinken. Danach schmeckt das Glas Rotwein besonders gut. Vermissen ist wie Auftanken."

Ist Sehnsucht nicht eher der Muskelkater der Liebe? Ein nachträglicher Beweis, dass etwas Großes da war? Das ist die gute Variante, sagt Timmerberg. Es gibt aber auch die auszehrende Sehnsucht nach etwas, das nicht mehr da ist, nie da sein wird - der Liebeskummer.

Die Liebe ist eine Reise

Timmerbergs schlimmster Liebeskummer dauerte zwei Jahre lang. Marokko hat ihn damals gerettet. Reisen sei auch ein bisschen wie Verlieben: das Gefühl, in etwas Fremdes einzubrechen, der Wechsel vom Märchen zum Alltag. "Als ich das erste Mal nach Marokko kam, dachte ich: Wow, Tausend und eine Nacht! Nach einem Jahr macht es dich rasend, dass ohne Bakschisch, also ein Bestechungsgeschenk, nichts läuft, dass du nicht unterscheiden kannst, ob jemand deine Freundschaft will oder dein Geld. Hast du die Krise überstanden, kommen erwachsene Gefühle, die Liebe für die liebenswerten aber auch die nervigen Seiten."

Wo gibt es eigentlich die schönsten Frauen? "Dort, wo es die schönsten Männer gibt. Je mehr ein Volk gemischt ist, desto schönere Menschen kommen dabei raus: Israelis, Brasilianer, auch Amerikaner." Die Halbwertzeit des rein Äußeren sei aber unglaublich kurz: "Das Gesicht spiegelt immer die Seele wieder."

Verändert sich das Reisen, die Liebe mit den Jahren? "Ich habe aufgehört, die Länder zu sammeln", sagt Timmerberg. Vor ein paar Jahren hatte er einen Bandscheibenvorfall auf einem Kamel. Schlechte Stoßdämpfer und schlechte Matratzen macht sein Rücken auch nicht mehr lange mit. Dass man auch die Kakerlaken kennenlernen muss, um ein Land zu kennen - diese Vorstellung lehnt er ab: "Ich versuche, meine Reisen an meine Bedürfnisse anzupassen und nicht anders herum." In der Liebe sei es ähnlich: Mit einem gewissen Alter sei man nicht mehr zu ändern. Entweder passt es, oder es passt nicht. Er versuche nicht mehr, sich zu verbiegen.

Die Liebe fürs Leben: Die Liebe zum Leben

"Die romantische Liebe ist eine Mischung aus Angst und Lust: der sexuellen Lust, der Lust an den neidischen Blicken der anderen Männer. Und der Angst, sie zu verlieren", sagt Timmerberg. "Sie ist absolut egoistisch und unzuverlässig." Die Liebe für die Menschen war hingegen etwas, worauf er sich immer verlassen konnte. Sie ist ihm nur einmal untreu gewesen, nach neun Monaten Koks-Ferien in Havanna : "Da stand ich in einer Freiluftdisco, Palmen, Salsa, alles wunderbar. Ein Kubaner kommt auf mich zu: 'Amigo!', sagt er und ich denke: Na warte, bis er die erste Zigarette will. Und natürlich, nach fünf Minuten fragt er nach einer. Mal schauen, dachte ich, wie lange es dauert, bis er 20 Euro möchte. Keine zwei Stunden. Wetten, bald will er einen Kühlschrank, dachte ich, und spätestens übermorgen wird seine Oma krank. Und als ich mich bei dieser Menschenverachtung ertappte, war klar: Schluss mit Koks. Das macht die Liebe zu den Menschen kaputt. Und die hat mich schon immer genährt - als Mensch und als Schriftsteller."

Die Liebe zum Leben ist also die einzige Liebe fürs Leben? "Die ewige Liebe zu einer Frau ist ein Traum und die Romantik ist nicht tot zu kriegen. Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann mal einmal, vielleicht braucht es nur noch ein paar Generationen von Beziehungsunfähigen mehr, um den Menschen daran zu gewöhnen, dass Liebende kommen und gehen und nur die Liebe selbst die Unendlichkeit erreicht. Und es leuchtet mir ein, aber ich bin noch nicht so weit. Mir reißt es noch immer die Eingeweide heraus, wenn ich meine Braut verliere."

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Lust und Liebe
HeinrichMatten 31.05.2012
Zitat von sysopGlobetrotter Helge Timmerberg: "Die Liebe ist Angst und Lust" Helge Timmerberg spricht über Liebe auf Reisen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,830293,00.html)
Die Liebe ist des Daseins Ziel, sie lässt uns Gott erkennen. Und doch kann man in diesem Spiel, ihr Wesen nicht benennen. Die Liebe ist nicht Emotion, nicht Lust und nicht Begehren. Sie ist der reinen Herzen Lohn und muss sich nicht vermehren. Die Liebe ist der letzte Schritt, für uns auf dieser Erde. Der Geist geht dabei hilfreich mit, auf dass ein Anfang werde.
2. optional
spon-facebook-1632708758 31.05.2012
Wie kann man eigentlich über 200 Länder bereisen wenn es doch nur 194 anerkannte Staaten gibt ? Oder verstehe ich da was falsch ?
3.
FBaccount 31.05.2012
Zitat von spon-facebook-1632708758Wie kann man eigentlich über 200 Länder bereisen wenn es doch nur 194 anerkannte Staaten gibt ? Oder verstehe ich da was falsch ?
antwort: er ist nicht 2012 in 200 ländern gewesen, sondern in den letzten 43 jahren. in diesem verlauf gab es doch einige länder, die sich neu formiert haben, z.b. jugoslawien war mal ein land, was er sicherlich bereist hat. zufrieden?
4. "Länder" und anerkannte Staaten
earl grey 31.05.2012
Zitat von spon-facebook-1632708758Wie kann man eigentlich über 200 Länder bereisen wenn es doch nur 194 anerkannte Staaten gibt ? Oder verstehe ich da was falsch ?
"Länder" und anerkannte Staaten (z.B. von der UN) sind ein kleiner Unterschied. Bei der FIFA sind z.B. 207 Länder registriert... Ich würde z.B. Zypern als Land bezeichnen, obwohl es zu Griechenland und der Türkei gehört; es gibt also kein anerkanntes Zypern. Solche Beispiele gibt es noch einige auf der Welt, so kommt man auf knapp über 200. Es ist nur etwas unwahrscheinlich, da jemand wirklich alle diese Länder bereist hat, weil er dann in jedem noch so kleinen Land war, inkl. aller Südseeinseln - diese Zahl ist also nicht so genau zu nehmen, sie soll wohl nur ausdrücken, das er schon fast überall war...
5.
Petra Raab 31.05.2012
Zitat von HeinrichMattenDie Liebe ist des Daseins Ziel, sie lässt uns Gott erkennen......
Gefällt mir das Gedicht. Von ihnen? Ansonsten kann ich Helge Timmerberg nur widersprechen. Die Liebe ist befreit von Angst, da unsere einzige Angst ist, die Liebe verloren zu haben. Ist man also wieder in Besitz von ebenjener, ist man wieder angstfrei.
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Erklär mir die Liebe
  • Moritz Vennemann
    Die Liebe ist unsere größte Gabe - und unsere größte Frage. Wlada Kolosowa, 25, hat sich auf die Suche nach den Antworten gemacht. Sie spricht mit Menschen, die einen besonderen Blick für Herzensangelegenheiten haben. Auch mit solchen, die man nicht für Gefühlsexperten hält.

Zur Person
  • Frank Zauritz
    Helge Timmerberg, Jahrgang 1952, ist seit über 40 Jahren unterwegs. Mit 17 trampte er erstmals nach Indien und beschloss dort, Reiseautor zu werden. Seitdem schreibt er Bücher und Reportagen aus allen Teilen der Welt, unter anderem für "Stern", "Die Zeit" und "Playboy". Zuletzt von ihm erschienen ist "African Queen: Ein Abenteuer", ein Buch in dem er einen ihm bis dahin unbekannten Kontinent entdeckt - und Reisen zu zweit.

Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 2/2012 Was Paare zusammenhält