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Priesterrebell Schüller: "Rom unterstützt eine Retrokirche"

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Sie möchten Frauen zum Priesteramt zulassen und mehr Macht für Laien: Helmut Schüller ist Sprecher der Protestbewegung "Aufruf zum Ungehorsam". Mehr als 400 Geistliche schlossen sich dem Wiener Pfarrer in Österreich an. Nun tritt er im Alternativprogramm des deutschen Katholikentags auf.

In Mannheim beginnt an diesem Mittwoch der Katholikentag, mehr als 50.000 Besucher werden erwartet. Offizielles Motto: "Einen neuen Aufbruch wagen". Katholiken werden angesichts der ausbleibenden Reformen von oben leidenschaftlich über die Erneuerung der Kirche von unten streiten.

Viele von ihnen werden dabei sein, wenn am Samstag im Alternativprogramm der Wiener Pfarrer Helmut Schüller, 59, ein Sprecher der Protestbewegung "Aufruf zum Ungehorsam", zu Gast sein wird. Innerhalb kurzer Zeit schlossen sich mehr als 400 Geistliche allein in Österreich der Initiative an, in weiteren Ländern entstanden Ableger. Schüller kämpft dafür, Frauen zum Priesteramt zuzulassen und Laien mehr Teilhabe in der katholischen Kirche zu ermöglichen.

Schüller hatte einst Karriere in der Kirche gemacht und es immerhin zum Generalvikar von Wien und zum Caritas-Direktor von Österreich gebracht. Eines Tages überbrachte ihm der Chef der österreichischen Katholiken, Kardinal Christoph Schönborn, wegen seiner zunehmend kritischen Haltung die Kündigung. Aus Angst vor einer Auseinandersetzung mit Schüller schlich Schönborn in einer Februarnacht 1999 durchs Wiener erzbischöfliche Palais und deponierte den nur wenige Zeilen langen Entlassungsbrief klammheimlich auf dem Fußabtreter vor der Tür seines Generalvikars.

Schüller blieb Pfarrer und arbeitet heute in einer progressiven Landgemeinde nahe Wien. Der "Aufruf zum Ungehorsam" sorgte für Aufruhr in der Kirche. Doch auch der Vatikan kommt nicht mehr an ihm vorbei. "Die römische Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform und die Untätigkeit der Bischöfe zwingen uns", heißt es in dem Aufruf, "dem Gewissen zu folgen und selbständig tätig zu werden."

SPIEGEL: Beim Katholikentag in Mannheim sind Sie am 19. Mai Gast im Alternativprogramm, die Veranstalter fürchten Ihren offiziellen Auftritt und haben beteuert, es werde keine Aufrufe zum Ungehorsam geben. Werden Sie sich dem beugen?

Schüller: Unsere Erfahrung lautet: Es tut gut, aufrichtig zu sein und sich öffentlich zu äußern. Ich glaube, das sind wir der Kirche schuldig. Gerade wir als Pfarrer haben eine starke Stellung in der Kirche mit sehr viel Verantwortung. Wir Pfarrer müssen auch mal etwas aus dieser Verantwortung heraus riskieren. Unser Auftrag lautet nicht, sich immer nur beliebt zu machen bei der Kirchenleitung, sondern die Kirche, die wir alle sind, weiter zu bringen.

SPIEGEL: Warum predigen Sie Ungehorsam?

Schüller: Seit wir dieses Wort gebrauchen, finden wir überhaupt erst Aufmerksamkeit. Wie sehen keinen Anlass, dieses Wort zurückzuziehen, solange sich die Kirchenleitung mit der Kirchenbasis nicht auf einen wirklichen Dialog einlässt. Die meisten Pfarrer leben ja in einem praktischen Ungehorsam. Sie handeln anders, als es die Kirche vorschreibt. Solange dieser Ungehorsam nicht öffentlich wird, wird er geduldet. Mit unserem Wort Ungehorsam wollen wir auf die starke Diskrepanz zwischen Basis und Kirchenordnung hinweisen.

SPIEGEL: Mit welcher Resonanz?

Schüller: Wir erleben sehr viel Zustimmung aus aller Welt. Es ist offensichtlich auch in den anderen Ländern etwas in Bewegung gekommen. Es geht eben nicht nur um sogenannte europäische Fragen, wie es Kritikern immer gern vorgeworfen wird. Es geht um ein Grunddilemma, in dem wir stecken. Die wirkliche Begegnung mit der Moderne hat noch nicht stattgefunden. Viele Priester teilen unsere Kritik, manche wollen das nur nicht öffentlich kundtun aus Angst vor Sanktionen. Es geht um einen mutigen Schritt in der Kirche: die Artikulation des eigenen Denkens. Wenn sich auch einige Bischöfe öffentlich zu Wort melden, die das bisher nur hinter vorgehaltener Hand machen, würde die Auseinandersetzung an Qualität gewinnen.

SPIEGEL: Wie groß ist der Reformstau in der Kirche?

Schüller: Den gibt es seit den siebziger Jahren. Heute ist es ja noch viel schlimmer. Selbst kleinste Reformen, die es schon gab, werden wieder abgeschafft. Wir erleben eine Rückwärtsentwicklung. Es steht die Öffnung der Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil auf dem Spiel. Rom unterstützt eine Retrokirche.

SPIEGEL: Gehört dazu die Einigung von Papst und Piusbrüdern?

Schüller: Dass zugunsten einer relativ kleinen Gruppe alles, was das 2. Vatikanische Konzil an Reformen ausgelöst hat, aufs Spiel gesetzt wird, ist wirklich beängstigend. Auch wir führen eine Dauerdebatte mit etlichen Vertretern dieser rechtskatholischen Ecke. Sie wünschen uns alles Mögliche an den Hals, vor allem aber wünschen sie, wir wären nicht Teil der Kirche. Uns geht es umgekehrt nicht so. Wir meinen, dass viele verschiedene Gruppierungen in der Kirche Platz haben können. Aber Traditionalisten dürfen nicht die Generallinie diktieren.

SPIEGEL: Besteht die Gefahr einer Spaltung?

Schüller: Ich sehe eine zunehmende Kluft zwischen oben und unten. Der allergrößte Teil des Kirchenvolkes, die lebendigen Gemeinden an der Basis, wird diesen Kurs des Papstes nicht mitgehen. Rom schlägt einen Kurs ein, der Minderheitenprogramm ist.

SPIEGEL: Konservative Katholiken halten dagegen, Reformen und Hinwendung zur Moderne seien Schuld daran, dass die Kirche Einfluss verliert.

Schüller: Das behaupten die Piusbrüder. Das Gegenteil ist der Fall, die Reformen kamen viel zu spät und sind in der Durchführung stecken geblieben. Wir wären schon viel weiter, wäre das Anliegen von Papst Johannes XXIII. beherzter aufgegriffen worden. Die Öffnung der Kirche ist stecken geblieben. Sie hat sich selbst im Sprung nach vorn gehemmt.

SPIEGEL: Die Forderung nach Reformen verhallt doch seit Jahrzehnten ungehört.

Schüller: Die Zeit der Resolutionen und Bittbriefe ist vorbei, das hat alles überhaupt nichts gebracht. Es wurde alles ausgesessen, man hat ganze Generationen von engagierten Laien in der Kirche sich totlaufen lassen. Wir haben damit begonnen, die Reformschritte selbst fortzusetzen. Wenn die Reformen nicht von oben offensiver aufgegriffen werden, dann müssen sie unten praktiziert werden.

SPIEGEL: Wie soll das gehen, in einer Kirche, in der der Papst das letzte Wort hat?

Schüller: Wie lange das noch hingenommen wird, ist die Frage. Wir haben heute eine Kirche, die so wie sie jetzt aufgestellt ist, die katholische Kirche von 1871 ist. Diese Autokratie, diese absolutistische Monarchie ist das Ergebnis des Konzils von 1871. Wir haben in der Kirche aber auch ganz andere Traditionen, etwa in Ordensgemeinschaften mit gelebter Mitbestimmung ohne dass der Kern des Glaubens aufs Spiel gesetzt wurde.

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