Henryk M. Broder über die Deutschen "Ein geduldiges, opferbereites, teilweise sogar blödes Volk"

Nationalstolz? Keineswegs. Henryk M. Broder attestiert Deutschland stattdessen eine "sonderbare Form der Selbstverachtung". Der Publizist über das fehlende Selbstbewusstsein der Deutschen.

Deutschland-Fans während der WM 2006 in Hamburg
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Deutschland-Fans während der WM 2006 in Hamburg

Ein Interview von


Zur Person
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    Henryk M. Broder wurde 1946 im polnischen Katowice geboren. Seine Eltern haben mehrere deutsche Konzentrationslager überlebt. 1958 zog die Familie nach Köln. Broder arbeitet als Autor und Journalist. 2007 wurde er mit dem Börne-Preis ausgezeichnet. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Das ist ja irre!".
SPIEGEL ONLINE: Herr Broder, Sie sind für Ihre Fernsehserie "Entweder Broder" 30.000 Kilometer quer durch die Republik gefahren. Wie gut kennen Sie jetzt Deutschland?

Broder: Mittelmäßig. Immer wenn ich zum Beispiel mit dem Zug von Augsburg, wo meine Frau lebt, nach Berlin fahre und an der Saale vorbeikomme, sage ich mir: Hier fährst du beim nächsten Mal mit dem Auto hin und erkundest alles. Aber bisher bin ich leider noch nicht an die Saale gekommen, trotz der 30.000 Kilometer.

SPIEGEL ONLINE: Und woran erkennt man Deutschland? Welche besonderen Merkmale fallen Ihnen auf Anhieb ein?

Broder: Vor zehn Jahren noch hätte ich Ihnen mit den üblichen Beispielen geantwortet, etwa mit der Gewohnheit der Deutschen, frühmorgens die Liegen am Strand mit ihren Handtüchern zu besetzen. Aber inzwischen kann ich das nicht mehr. Ich glaube nicht, dass es noch typisch deutsche Charakteristika gibt, die von Flensburg bis München gelten. Mal abgesehen davon, dass man im Norden ganz andere Mundarten spricht als im Süden. Ich finde das gut.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 1957 im Alter von elf Jahren mit ihrer Familie aus Polen nach Wien gekommen und ein Jahr später nach Köln weitergezogen. Haben Ihre Eltern dann Deutsch mit Ihnen geredet?

Broder: Nein, nur Polnisch. Meine Eltern haben ab und zu untereinander Jiddisch gesprochen, wenn meine Schwester und ich sie nicht verstehen sollten. Aber sonst Polnisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer war es für Sie, nun plötzlich Deutsch zu sprechen?

Broder: Ich glaube: gar nicht. Wirklich. Das kann natürlich daran liegen, dass es damals noch keine Integrationsexperten gab, die mir einzureden versucht hätten, wie schlecht es mir geht. In der ganzen Schule gab es zwei Jungen mit Migrationshintergrund: Mich, also einen polnischen Juden, und einen schiitischen Perser. Wir beide haben uns sehr gut verstanden, weil wir die Außenseiter waren. Aber es war von Anfang an klar, dass wir uns an die Deutschen anpassen mussten und nicht umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Gab es eine Identifikation mit der neuen Heimat Köln?

Broder: Nein, man war einfach da, man lebte dort. Es gab keine Freunde, keine Besucher. Meine Eltern bekamen eine bescheidene Rente von der Wiedergutmachung und lebten in einer Sozialwohnung. Finanziell war das kein Problem, das Problem war mental. Meine Mutter musste sich alle zwei Jahre beim Amtsarzt vorstellen, um ihren Anspruch auf die Rente neu zu begründen. Sie hatte jedes Mal davor Horroranfälle. Schon das Bild eines deutschen Arztes war schrecklich für sie.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Hat sie an den KZ-Arzt Mengele gedacht?

Broder: Genau. An Mengele oder wenigstens an Mengeles Söhne. Ich bin dann immer mitgekommen, um sie zu beruhigen.

SPIEGEL ONLINE: Helmut Schmidt hat mal gesagt, die Deutschen seien ein "gefährdetes Volk". Stimmen Sie zu?

Broder: Ja, nicht ein gefährliches Volk, aber ein gefährdetes Volk, auch ein schwaches Volk. Ich war im Frühjahr in Armenien. Dort würde niemand auf die Straße gehen und schreien: Armenien muss bunter werden. Nationalstolz und Nationalbewusstsein sind dort ganz selbstverständlich vorhanden. Ganz anders in Deutschland. Da gibt es eine sonderbare Form der Selbstverachtung, die andere Nationen nicht haben. Auch diese merkwürdige Freude der Deutschen daran, dass andere Nationen sie angeblich besonders schätzen und mögen. Den Menschen in anderen Ländern wäre das völlig gleichgültig, völlig egal. Die Deutschen sind heute eher gutmütig und geduldig. Wenn Sie mich vor zwanzig Jahren gefragt hätten, was die Deutschen machen, wenn ihnen die Regierung keine Zinsen mehr auf ihre Ersparnisse geben würde, dann hätte ich gesagt: Revolution! Die Minister an die Laternen. Aber es ist nichts passiert: Sie sind ein geduldiges, opferbereites, teilweise sogar blödes Volk, weil sie sich ausnehmen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit 1958 in Deutschland: Wie gehen die Deutschen mit Ihnen persönlich um?

Broder: Ich kann mich nicht beschweren, die Zahl der antisemitischen Attacken, die ich in dieser Zeit erlebt habe, würde keine zwei Hände füllen, vermutlich eine Hand. Der Alltag ist völlig normal. Was mir manchmal störend auffällt, ist die Frage: Was ist denn bei Ihnen so zu Hause los?

SPIEGEL ONLINE: Israel ist gemeint?

Broder: Genau, ich antworte dann immer: In Schmargendorf ist alles in Ordnung. Aber diese Frage ist auch nicht bösartig gemeint, eher ein Ausfluss von Ratlosigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit Ihnen in Israel? Als was gelten Sie dort?

Broder: Ich gehe da als Deutscher durch. Ich trage eine Basecap mit einer deutschen Fahne drauf. Wenn Sie dort sagen, dass Sie aus Deutschland kommen, macht der Taxifahrer sofort das Taxameter aus und fährt Sie zum halben Preis. Das ist kein Witz! Bei allen internationalen Fußballspielen sitzen die Israelis am Strand und drücken Bayern München die Daumen. Ich wundere mich immer wieder, wie deutschfreundlich die Israelis heute sind.

SPIEGEL ONLINE: Eine letzte Frage: Was muss ein Deutscher vor allem über sein eigenes Land wissen?

Broder: Geschichte! Er sollte wissen, was geschehen ist. Wissen Sie, wenn ein Deutscher sich darüber aufregt, dass Köln, Dresden und Augsburg im Krieg bombardiert wurden, dann kann ich das nachvollziehen. Aber er sollte auch wissen, dass vorher deutsche Bomben auf Warschau, Coventry und Rotterdam abgeworfen wurden. Diese Kausalität, diese Chronologie sollte man in Deutschland schon kennen, bevor man sich darüber aufregt, was uns angetan wurde.

Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Interviews aus dem neuen SPIEGEL-ONLINE-Taschenbuch "Wie gut kennen Sie Deutschland?".

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